Roma-Experte rät zu mehr Toleranz

22. Februar 2008, 18:34
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Bittere Armut treibt Roma auf europäische Straßen, Ablehnung gegen Bettler habe mit "schlechtem Gewissen" zu tun

Graz - "Klingt brutal, ist aber so", warnt Dieter Halwachs vor. "Betteln und auf der Straße sitzen im Westen ist wesentlich angenehmer als darben im Osten", sagt der Grazer Linguistikexperte, der sich seit Jahren an der Grazer Universität wissenschaftlich der Sprache, Kultur und Lebenswirklichkeiten der Roma widmet. Halwachs berät neben internationalen Organisationen auch die Grazer Stadtregierung in Sachen "Roma-Bettler".

Betteln im Westen, sagt Halwachs, sei "schlicht eine Überlebensfrage". Werden Kinder vom Betteln per Gesetz ausgeschlossen, sei das für die Familien "nicht die ganz große Tragödie". Die Kinder blieben dann eben zu Hause bei Verwandten oder Großeltern. Oder die Familie ziehe eine Stadt weiter. Halwachs: "Die Kinder wachsen in der Großfamilie auf, da ist es egal, ob sie kurzfristig statt bei ihren Eltern bei den Großeltern sind."

Das Bettlerthema sei zweifelsohne "problematisch". Doch das Problem sei schwer lösbar, zumal es für die Roma-Bettler keine andere Überlebenschance gebe. Halwachs: "Sie leben in Siedlungen an den Stadträndern. Frühstücken schaut zum Beispiel so aus: Die Kinder schwärmen aus, um in Mistkübeln nach Essbarem zu suchen. Daheim wird von den Brotreste der Schimmel und Dreck heruntergekratzt, das ist das Frühstück. Die Kinder sind umgeben von Erwachsenen, die absolut keine Perspektive haben."

Betteln biete eine Lebensgrundlage. Einige würden mit Musizieren sogar ein respektables Einkommen beziehen, einzelne entwickelten "hohe Kunstfertigkeit im Betteln" und verdienten "absolut gut", sagt Halwachs. Für den Großteil jedoch reich es gerade zum Überleben. Dann gebe es auch die ganz dunkle Seite, die kriminelle: Kindesmissbrauch, Prostitution. Halwachs: "Armut und Bedürftigkeit werden auch ausgenützt und da wird es sehr gefährlich."

Werden Familien per Gesetz aus einer Stadt geworfen, ziehen sie in eine andere, wo betteln nicht verboten ist. Warum es gerade in reichen Städten eine so starke Abwehr und Aggressionen gegen Bettler gibt? Halwachs: "Es ist, glaube ich, unser schlechtes Gewissen, weil es uns gut geht. Am meisten geben noch Mindestpensionisten, die wissen, wie leicht man in Armut geraten kann. Man braucht aber keine schlechtes Gewissen haben, wenn man nichts gibt. Damit müssen Bettler eben auch leben." Halwachs plädiert dafür, betteln grundsätzlich zu tolerieren. Es müsse aber auch scharf gegen Kindesmissbrauch reagiert werden. Parallel müsse massive Hilfe anlaufen, um die Lebensgrundlagen in den Heimatländern zu verbessern. (Walter Müller/ DER STANDARD, Printausgabe, 23./24. Februar 2008)

  • Die Ablehnung gegen Bettler habe mit "schlechtem Gewissen" zu tun, meint Dieter Halwachs.
    foto: privat

    Die Ablehnung gegen Bettler habe mit "schlechtem Gewissen" zu tun, meint Dieter Halwachs.

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