"Ich muss unbedingt nach Tokio"

29. Februar 2008, 14:12
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Bibiana Zeller feiert ihren 80er. Das Burgtheater gratuliert am Samstag mit einer Festvorstellung von Handkes "Spuren der Verirrten" – Die Kammerschauspielerin im Interview

Bibiana Zeller: "Manchmal gibt es auch Text, der wie ganz von allein sinnvoll in der eigenen Denkungsweise unterzukriegen ist. Der Text sickert dann ein." Fotos: Regine Hendrich Wien - "Ich hab immer alte Weiber vorgesprochen, schon in jungen Jahren hab ich immer Neunzigjährige vorgesprochen." Warum? "Ich weiß auch nicht!" Die 1928 in Mauer bei Wien geborene Schauspielerin Bibiana Zeller ist in einem von Passion, aber auch Eifer und Erfolgszwang geprägten Metier längst nicht immer den Geradeaus-Weg gegangen. Eine zwanzig Jahre währende Tour über deutsche Bühnen ist der erste Beweis dafür, und diesen legt Bibiana Zeller in Form von zehn dicht beschriebenen Seiten zu Beginn des Gesprächs auf den Kaffeetisch - getippt von ihrem Ehemann Eugen Stark.

Zeller: Sehen Sie (deutet auf die Liste): "Arbeitslos, arbeitslos, arbeitslos." So war das, und das gibt's ja auch heute noch. Bei Wondruschka im Kellertheater haben wir nur das Fahrgeld bekommen. Das können der Otto Schenk und alle aus meiner Generation bezeugen. Niemals hat er uns einen Kaffee gezahlt. Das hat auch nichts mit Begabung zu tun, verstehste. Das ist, wie wenn du zu Siemens gehst und dort was werden willst. Es hat eher mit dem absoluten Wollen zu tun. Wobei, Wollen ist ja noch was Süßes. Eigentlich ist es ein Müssen.

Standard: Sie wollten aber auch Architektin werden.

Zeller: Ja, ich muss unbedingt nach Tokio. Der Ideenreichtum und die Träume der Menschen, die da verwirklicht werden, das finde ich faszinierend. In der Architektur ist in den letzten Jahren am allermeisten passiert, bilde ich mir ein. Und in der Politik gar nichts (lacht). Ich bin begeistert von den Flughäfen und ihrer Großzügigkeit, essens- und ausruhmäßig. Und die Designmöglichkeiten! Aber zum Theater wollte ich schon als Volksschülerin.

Standard: Ideal: Ihre Lieblingsbeschäftigung ist das Auswendiglernen. Was ist das Schöne am Textlernen?

Zeller: Wenn der Text einsickert. Ich spiele oft Frischgeschriebenes. Und das Interessante dabei ist, in eine Sprache hineinzugehen, in der ein anderer Mensch denkt. Das sind Satzbaufragen. Es ist auch eine große Plage! Aber dann gibt es auch Text, der wie ganz von allein sinnvoll in der eigenen Denkungsweise unterzukriegen ist.

Standard: Also die Freude, dass man etwas begriffen hat?

Zeller: Dass man etwas eventuell begriffen hat. Es ist auch so: Man liest sich bei Wiederaufnahmen den Text erneut durch und denkt: Warum habe ich das so betont, das gehört doch so! Man hört immer wieder Neues heraus. Daran merkt man die Qualität eines Textes und auch, wie sehr er uns braucht.

Standard: Sie arbeiten oft mit jungen Kollegen zusammen. Zuletzt zweimal mit Regisseurin Friederike Heller.

Zeller: Die Jungen haben so viel Energie. Und Energie ist das Enzige, das ich wirklich dauernd suche. Sie schwindet mit dem Alter ja unglaublich. Ich komme müde zur Probe, fange fast ohnmächtig an, und dann werde ich immer wacher. Das ist ein Geschenk.

Standard: Bereuen Sie es, nicht mehr Hauptrollen gespielt zu haben?

Zeller: Ja, früher schon. Da war ich durchgehend gekränkt - wegen der Ausreden: Du bist zu klein, zu groß, zu jung, zu alt. Das hat sich auch geändert. Regisseure suchen heute nach echten Menschen, nicht nach ausgehungerten Besessenen.

Standard: Sie gehören zu den wenigen im Ensemble, die Peymann sehr geschätzt haben?

Zeller: Er hat mich immer verblüfft. Ich dachte mir, eigentlich müsste das jeder Direktor machen, die Welt so verblüffen, dass alle sagen: WAS!? Seine Ära hat so gefremdelt, das hat mir sehr gutgetan. Er hat sich auch das Inszenieren so schwer gemacht. Bis man da von Satz zu Satz gekommen ist! Ich kannte bis dahin nur drüberratternde Regisseure. In der Josefstadt haben sich die Schauspieler die Sätze früher umgeschrieben. "Na, des sag i so net!" Und die Regie meinte: Mach, wie du willst.

Standard: Zum Fernsehen: Sie waren auch Frau Kottan ...

Zeller: Ja, die Qualität der Serie merkt man heute fast noch stärker. Helmut Zenker hatte ein irres Atelier in Klosterneuburg. Ein Depot amerikanischer Serien, die er alle studiert hatte. Und es ist ihm auch noch was Hiesiges dazu eingefallen! Heute wird ja nur mehr abgekupfert. Da kann man sich noch so sehr in Berlin treffen. Umgekehrt aber gab es Qualitäten, die heute nichts mehr zu sagen haben - alte Theateraufzeichnungen -, die Zeit räumt das alles ab.

(Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe, 23./24.02.2008)

Zur Person:
Bibiana Zeller ist seit 1972 eine der profiliertesten Darstellerinnen am Burgtheater. Im Fernsehen gab sie in der legendären Krimiserie "Kottan ermittelt" die Majorsgattin. 2000 wurde sie vom ORF als Schauspielerin des Jahres ausgezeichnet.
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    foto: standard/hendrich
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