Von Keuschlern und Kaisern - Bettina Balàka

24. Februar 2008, 10:00
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Ich habe mich manchmal gefragt, ob und wie sich dieses Jahrhundert der Kriege, der Zwischen- und Nachkriegszeiten auf uns Nachgeborene ausgewirkt hat

Ihre kaiserliche Hoheit trat im Jahr 1982 in mein Leben. Eine große mediale Aufregung fegte durch das Land, gebannt saßen die Familien vor Radios und Zeitungen: Die letzte österreichische Kaiserin durfte endlich wieder in Österreich einreisen! Vorbei an salutierenden Zöllnern hatte sie die österreichische Grenze bei Feldkirch überschritten. Ich, sechzehnjährig, war völlig parbleu. Zunächst einmal war ich nach meinem damaligen Bildungsstand der Auffassung gewesen, bei der letzten österreichischen Kaiserin hätte es sich um Sisi gehandelt, welche am Genfer See mithilfe einer Feile ermordet worden war. Unter Akzeptanz des Umstandes, dass es noch eine weitere, allerletzte, noch lebende Kaiserin gab, stellte sich mir die Frage, weshalb um Himmels Willen eine Österreicherin in Österreich nicht einreisen hatte dürfen. Eine Schulkollegin, die in streng katholischen Zirkeln verkehrte, klärte mich auf: Zita, die Gattin des letzten Kaisers Karl I., hatte nicht einreisen dürfen, da sie sich geweigert hatte, auf ihre Thronfolgerechte zu verzichten. Nach dem Prinzip des "Gottesgnadentums" wurde die Thronfolge von Gott selbst bestimmt, und demnach hatte Zita gar nicht verzichten können – die Kaiserin war also legitimationstechnisch eine Art Papst. Nach über sechzigjährigem Beharren auf der Verzichtserklärung hatte der sozialistische Bundeskanzler Kreisky gemeint, die alte Dame werde wohl keinen Staatsstreich mehr anzetteln, und plötzlich fanden gefinkelte Juristen heraus, dass Zita auf Thronfolgerechte gar nicht verzichten musste, da diese ohnehin nie bestanden hätten. Und so durfte die Neunzigjährige in die Republik Österreich einreisen. Anhand dieser Person, deren Lebensspanne von der Monarchie bis in die Zweite Republik reichte, wurde mir klar, dass Vergangenheit und Gegenwart keineswegs unendlich weit auseinanderlagen, wie ich bis dahin gedacht hatte.

Es gibt ein Foto meines Urgroßvaters väterlicherseits, das ihn in Uniform zur Zeit des Ersten Weltkrieges zeigt. Er war ein einfacher Soldat des Kaisers, ein Lungauer "Keuschler", der den Krieg überlebte, um dreizehn Jahre später infolge einer akuten Magenblutung vom Fahrrad zu stürzen und eingeklemmt zwischen zwei Zaunlatten zu verbluten. Zu diesem Zeitpunkt war sein Sohn, mein Großvater, bereits in den nächsten Weltkrieg eingerückt. Auch von ihm gibt es Fotos in Uniform, diesmal der Wehrmacht. Von den Frauen der Familie weiß man, dass sie in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts mit schwerer körperlicher Arbeit und der Bekämpfung des Hungers befasst waren: Wenn es gar nichts anderes mehr zu beißen gab, machten sie sich auf ins Zederhauser Moos, um Frösche zu fangen. Ich habe mich manchmal gefragt, ob und wie sich dieses Jahrhundert der Kriege, der Zwischen- und Nachkriegszeiten auf uns Nachgeborene ausgewirkt hat, und ein offensichtlicher Bereich ist der des Essens.

Sachertorte und Kaiserschmarrn

Auch wir in den Sechzigerjahren Geborene haben noch gelernt: ja nichts wegwerfen, immer alles aufessen, auch Verbranntes, auch und gerade das Fett am Fleisch, und Verdorbenes konnte man immer noch kaschieren, etwa ranziges Obers in einem Omelett. Als vor einigen Jahren ein zweijähriger Bub am Wiener AKH starb, nachdem seine Großmutter die Schimmeldecke vom Apfelmus einfach abgekratzt und ihn mit dem darunterliegenden Mus gefüttert hatte, dachte ich: Ein spätes Kriegsopfer ist dieses Kind. Auch das Aufbewahren von Gegenständen ist eine solche tradierte Pflicht und führt zu vollgestopften Wohnungen oder gar dem "Messie-Syndrom": ja nichts wegwerfen, kein altes Paar Schuhe und kein Gummiringerl, man weiß nie, wann man es noch brauchen wird können. Meine Eltern sind beide während des Zweiten Weltkriegs geboren, meine Mutter war fünf Jahre alt, als ihre Mutter sie mit ihren Geschwistern und den nötigsten Habseligkeiten auf ein Leiterwagerl packte, um vor den einmarschierenden Russen zu fliehen. Zeit ihres Lebens konnte meine Mutter keine Reise antreten, ohne in eine Art Panik zu verfallen und uns Kindern dieses Fluchtgefühl weiterzugeben: Werden wir jemals zurückkehren? Werden wir nicht gerade das Entscheidenste, Wichtigste vergessen haben? In welche Ungewissheit stürzen wir? Ich spüre es heute noch manchmal, selbst wenn ich in den Urlaub fahre.

Als ich vor einigen Jahren begann, einen Roman zu schreiben, der im Jahr 1922 spielt, um herauszufinden, was es mit der Monarchie und ihrem Ende auf sich hatte und welche Ereignisse der großen Katastrophe des Zweiten Weltkrieges vorausgegangen waren, saß ich einmal im Café Residenz gegenüber dem Eingang zu den Schauräumen im Schloss Schönbrunn. Touristen aus aller Welt labten sich hier an Sachertorte und Kaiserschmarrn, Apfelstrudel und Guglhupf. Die Monarchie hatte in diesem Kontext etwas Romantisches und Glamouröses, etwas Kultiviertes und Nostalgisches, vielleicht auch etwas Pickiges an sich. An der Wand hing ein Bild, das ich nach der Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg nun erstmals zu deuten wusste: Darauf zu sehen war ein Porträt des Kaisers Franz Josef, daneben eines des deutschen Kaisers Wilhelm II. Darunter stand: "In Treue vereint." Es handelte sich bei dieser Darstellung um ein Mittel der Kriegspropaganda, tausendfach reproduziert und bis in den letzten Haushalt verteilt. Auch in meinem Elternhaus gab es ein mit demselben Bild verziertes kleines Deko-Kännchen, von dem niemand mehr genau sagen konnte, was es bedeutete oder wie es in die Familie gekommen war, so wie wahrscheinlich kaum einer der Touristen an grauenvolle Kriegshetzerei dachte, wenn er unter den resignierten Augen des alten Kaisers seinen Alt-Wiener Suppentopf löffelte.

Es gibt dennoch etwas, das mich an der k.u.k.-Zeit seit jeher begeisterte: die Vorstellung, dass wir Österreicher "viele Völker sind". Vielleicht lag es an meiner Geschichtslehrerin (der ich in dieser Stunde zuhörte), die die Monarchie als eine Art Prä-EU deutete und es nur für folgerichtig hielt, dass Otto Habsburg Abgeordneter im Europaparlament war (1979 initiierte er eine Resolution, die durch einen leeren Sessel im Europäischen Parlament auf die Völker hinter dem Eisernen Vorhang aufmerksam machte, und nahm dadurch die heutige Osterweiterung vorweg). Vielleicht aber lag es auch an Friedländers Buch Letzter Glanz der Märchenstadt, das mir das alte Wien als eine bunte Weltstadt beschrieb, in deren Straßen türkische Hausierer mit Opanken an den Füßen und dem Fes auf dem Kopf, huzulische Hirten in gesticktem, weißem Pelz, polnische Juden mit langem Bart und in mit Zobel verbrämten Seidenkaftanen, armenische Mechitaristen, hannakische Ammen und ungarische Garden mit Pantherfellen und Reiherfedern zu sehen waren. Wie absurd sind Ortstafelstürmereien in einem Land, dessen Monarch einst seine Proklamationen mit "An Meine Getreuen Völker" einleitete und in elf Sprachen veröffentlichen ließ! Ich fand es großartig, in Doderers Grenzwald auf österreichische Offiziere zu treffen, die im Laufe des Ersten Weltkrieges aufgefordert wurden, sich doch einer Nation zuzuordnen, und zu dem Schluss kamen, dass sie, da sie deutsch, tschechisch und ungarisch sprachen, einfach "Wiener" seien. 2008 soll das österreichische Bundesheer muslimische Seelsorger bekommen: Wer sich darüber ereifert, möge erinnert sein, dass zu den Religionsgemeinschaften in der k.u.k.-Armee, aus denen Militärgeistliche zu stellen waren, auch die mohammedanische gehörte.

Selbstverständlich war die Monarchie kein Mädchenpensionat, sondern ein Herrschaftsgefüge, das seine Ansprüche auch mit Waffengewalt durchsetzte. Die Loyalitäten gegenüber dem Kaiser waren unterschiedlich verteilt: bei den galizischen Juden etwa war sie hoch, bei den Tschechen tendierte sie gegen null. Manchmal erlebt man heute noch so seine Überraschungen: Im Juni 2007 durfte ich mit einer Delegation zum Zwecke des Kulturaustausches nach Sarajewo fahren. Eines Abends kam ich mit einem bosnischen Schriftstellerkollegen ins Gespräch und sagte etwas Negatives über die habsburgische Okkupationspolitik in Bosnien-Herzegowina. Zu meiner Überraschung geriet der bosnische Kollege völlig in Rage und erklärte mir, ich hätte keine Ahnung von Geschichte: Die Habsburger seien mit Abstand das Beste gewesen, was diesem Land je passiert sei! Sie hätten Schulen, Spitäler, Theater gebaut, ein funktionierendes Eisenbahnnetz installiert und Sarajewo eine Stadtkanalisation geschenkt. Ich versuchte, etwas einzuwenden, brachte die blutige Niederschlagung der Aufstände nach dem Berliner Kongress vor (der Österreich-Ungarn die Verwaltung der Region übertragen hatte), die Annexionskrise 1908 und den Umstand, dass der Thronfolger nicht wegen Beliebtheit in Sarajewo ermordet worden war – wir hatten beide recht, so ist das mit der Geschichte. Am Vormittag hatten wir jene Stelle nächst des Miljacka-Flusses besichtigt, wo der bosnische Serbe Gavrilo Princip mit seinen Schüssen den Anstoß zum Ersten Weltkrieg gegeben hatte. Unter den Kommunisten hatte er als Held gegolten, seine Fußspuren waren in den Gehsteig eingelassen, sodass man genau nachvollziehen konnte, wo er gestanden war, als er den Thronfolger traf. Nunmehr fanden wir die triumphalen Fußspuren entfernt: Im Bosnienkrieg galt Princip bosnischen Muslimen und Kroaten als serbischer Held, sodass es keinen Sinn mehr machte, ihm Bewunderung zu zollen. 2004 wurde an der Attentatsstelle eine Plakette angebracht, die nur mehr die nüchternen Fakten festhält. Auch die Geschichte hat eine Geschichte.

Wenn Österreicher die Grenze zu einem der ehemaligen Kronländer der Monarchie überqueren, kommt es vor, dass sie mit wehmütig-ironischer Geste sagen: "All das hat einmal zu uns gehört!" Im Schengen-Europa können wir wieder zusammengehören – und diesmal wird es freiwillig sein. (Bettina Balàka, ALBUM/DER STANDARD, 23./24.02.2008)

Zur Person:
Bettina Balàka, geboren 1966 in Salzburg, studierte am Institut für Übersetzer- und Dolmetscherausbildung (Englisch/Italienisch) in Wien und lebt mit ihrer Tochter als freie Schriftstellerin in Wien. Im Jahr 2000 erschien ihr erster Roman "Der langangehaltene Atem". 2006 erschien ihr Roman "Eisflüstern" (im Literaturverlag Droschl).
  • Bettina Balàka: "Es gibt etwas, das mich an der k.u.k.-Zeit seit jeher begeistert: die Vorstellung, dass wir Österreicher ‚viele Völker sind‘. Vielleicht lag es an meiner Geschichtslehrerin, die die Monarchie als eine Art Prä-EU deutete und es nur für folgerichtig hielt, dass Otto Habsburg Abgeordneter im Europaparlament war."
    foto: heribert corn

    Bettina Balàka: "Es gibt etwas, das mich an der k.u.k.-Zeit seit jeher begeistert: die Vorstellung, dass wir Österreicher ‚viele Völker sind‘. Vielleicht lag es an meiner Geschichtslehrerin, die die Monarchie als eine Art Prä-EU deutete und es nur für folgerichtig hielt, dass Otto Habsburg Abgeordneter im Europaparlament war."

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