der schönste Tag der Woche: Lückenlose Mistkübelüberwachung

22. Februar 2008, 17:07
2 Postings

Und weil die Neugier der Stadtverwaltung keine Grenzen kennt, gibt es in Gemeindebauten demnächst eine "Mistkübelüberwachung"

Herr Herbert Haberpointner (HHH) fragt, ob es Absicht sei, dass ich in meinen letzten Kolumnen mit James Joyce, Hansi Hinterseer und Bertolt Brecht drei bedeutende Künstler erwähnt habe, deren Vor- und Zunamen die gleichen Initialen haben. Die Antwort lautet: Es ist reiner Zufall, auch wenn ich mich heute kurz über Franco Frattini aufregen muss, der zwar kein Künstler ist, aber als EU-Kommissar für Justiz, Freiheit (!) und Sicherheit Sie und mich unlängst aufgefordert hat, uns "freiwillig den automatisierten Kontrollen zu unterwerfen", die in den nächsten Jahren an Europas Grenzen durchgeführt werden sollen. Sie wissen schon: Augenlaser (nicht Augengläser), Fingerabdrücke, Glaubensbekenntnis und der ganze Kontrollwahn, der die Augen so vieler europäischer Politiker zum Leuchten bringt. Dabei hat der englische Autor Malcolm Lowry in seinem Roman Dunkel wie die Gruft, in der mein Freund begraben liegt schon 1945 geschrieben: "Fingerabdrücke nehmen einem den letzten Rest an Freiheit."

Wohl müsste sich Frattini auch in Wien fühlen, wo man keinen Schritt mehr machen kann, ohne von einer Videokamera überwacht zu werden. Vorbei ist es mit dem Nasenbohren in der U-Bahn oder dem Arschkratzen vor der Staatsoper – irgendwer schaut immer zu. Und weil die Neugier der Stadtverwaltung keine Grenzen kennt, gibt es in Gemeindebauten demnächst eine "Mistkübelüberwachung". Käme es da nicht billiger, den ganzen Müll Herrn Häupl vor die Tür zu leeren, damit er sich persönlich davon überzeugen kann, was seine Untertanen alles wegschmeißen?

Viel von "Freiheit" wird zur Zeit auch in Tirol geredet, wo aus Anlass des 198. Jahrestags der Hinrichtung von Andreas Hofer am 20. Februar "das ganze Land seines Freiheitshelden gedenkt". Zumindest wünscht sich das einer, der mit Vor-namen zwar auch Andreas heißt, ansonsten aber auf den schlichten Namen "Khol" hört. Dieser Khol charakterisiert sein Vorbild so: "Redlich, tapfer, fest seinen katholischen Grundwerten verpflichtet, opfermutig und stets bescheiden." Mit anderen Worten: ein Mann wie Khol. Leider verschweigt Khol ein kleines "Geheimnis", das der "Verein der Tiroler" bereits 1909 lüftete, als er in Graz neben dem Haus "Zur goldenen Pastete" in der Sporgasse eine Gedenktafel mit folgender Inschrift anbringen ließ: "In diesem Haus wurde am 18. August 1785 Kajetan Sweth, Schreiber und Lebensgefährte (!) Andreas Hofers, geboren." Vor diesem Hintergrund bekommen die Passagen im "Andreas-Hofer-Lied", in denen vom "treuen Hofer" und den "blutenden Herzen der Brüder" die Rede ist, eine ganz andere Bedeutung. Mander, s’ischt Zeit, dass die Geschichtsbücher Tirols umgeschrieben werden. (Kurt Palm, ALBUM/DER STANDARD, 23./24.02.2008)

  • Artikelbild
    foto: michaela mandl
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.