Altertumswissenschafter: "Niemand ist hier weltfremd"

25. Februar 2008, 10:15
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Studieren, allein um des Wissens willen ist das Ideal der Altertumswissenschafter - Ein STANDARD-Interview

STANDARD: Im Wintersemester sind 36 Leute an der Uni Salzburg für das Bakkalaureatsstudium der Altertumswissenschaften inskribiert. Wer interessiert sich für dieses Fach ganz abseits des Mainstreams?

Graßl: Das ist eine Frage, die uns Lehrende auch sehr beschäftigt. Unsere Studenten kommen aus unterschiedlichen Bildungsmilieus. Manche haben ein sehr bildungsnahes Elternhaus und in ihrer Schullaufbahn schon Altgriechisch und Latein gelernt. Andere wiederum haben einen ganz anderen Hintergrund. Irgendwann wird in ihnen das Interesse für das Altertum geweckt, und sie entscheiden sich für diese Ausbildungsschiene. Sie nehmen auch in Kauf, die alten Sprachen nachzulernen. Bemerkenswert ist, dass wir so gut wie keine Drop-outs haben.

STANDARD: Wie erklären Sie sich eigentlich die Attraktivität dieses Studiums?

Graßl: Wer sich dafür entscheidet, hat kein bestimmtes Berufsbild vor Augen. Auch wir Lehrenden können den Studenten nicht sagen: "Mit dieser Ausbildung werdet ihr dann dies oder jenes." Das bedeutet: Jeder, der Altertumswissenschaften studiert, tut das aus purem Interesse und nicht, weil er einen bestimmten Job vor Augen hat.

STANDARD: Ich nehme aber an, auch Ihre Studierenden stellen sich die Frage, wovon sie später ihr Leben bestreiten sollen?

Graßl: Selbstverständlich. Unsere Leute sind alles andere als weltfremd. Jene, die zu uns stoßen, sind sowohl über ihre Ausbildung als auch über ihre Möglichkeiten danach sehr gut informiert. Ihre Haltung ist einfach: "Uns interessiert das, und wir werden schon einen Job finden." So ist es dann ja auch, letztlich fassen alle beruflich Fuß.

STANDARD: : Zum Beispiel wo?

Graßl: In den unterschiedlichsten Bereichen. Wir vermitteln während des Studiums Fähigkeiten und Techniken, die überall gefragt sind. Unsere Abgänger haben hervorragende Fremdsprachenkenntnisse, können differenziert und kritisch denken und beherrschen verschiedene Formulierungstechniken. Manche gehen in die Erwachsenenbildung, in die Forschung, arbeiten in Museen oder Verlagen – es gibt viele Möglichkeiten. Es gibt auch viele, die eine mehrschienige Ausbildung machen. Dazu ermuntern wir hier auch ganz bewusst.

STANDARD: Der immer wieder erhobene Vorwurf, Studien wie Altertumswissenschaften seien unökonomisch und brotlos, geht also ins Leere?

Graßl: Wenn ich das höre, stehen mir immer die Haare zu Berge. Wenn alle Wirtschaftswissenschaften studieren würden – glauben Sie, der österreichischen Wirtschaft ginge es um einen Deut besser? Die Produktivität eines Landes verbessert sich nicht, wenn alle Ähnliches machen. Wir brauchen Leute, die sich in verschiedenen Bereichen auskennen. Interessant ist, dass gerade in Österreich immer wieder die Frage nach der Sinnhaftigkeit einzelner Studienrichtungen gestellt wird. In vielen anderen Ländern Europas hingegen überhaupt nicht. Die haben das Thema schon lange hinter sich!

STANDARD: Steht die Weiterführung Ihres Studiums derzeit zur Debatte?

Graßl: Nein, aber trotzdem sind wir ständig mit Diskussionen konfrontiert, etwa wenn es um Nachbesetzungen, die Verteilung des Budgets oder um neue Studienpläne geht. Und jedes Mal weise ich auf die Wichtigkeit eines bunten Fachspektrums hin. Man darf nicht vergessen: Zusperren kann man schnell etwas, aber es wieder aufzusperren ist viel schwieriger! (Judith Hecht, DER STANDARD-Printausgabe, 23/24. Februar 2008)

Zur Person

Herbert Graßl, Jahrgang 1948, studierte Latein, Geschichte und Klassische Archäologie. Seit 1991 ist er Professor im Fachbereich Altertumswissenschaften der Uni Salzburg.

  • "Wir haben so gut wie 
keine 
Drop-outs", freut sich Altertumswissenschafter Herbert Graßl
von der Universität Salzburg.
    foto: weltbild

    "Wir haben so gut wie keine Drop-outs", freut sich Altertumswissenschafter Herbert Graßl von der Universität Salzburg.

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