Ein "bitterer" Kunstgenuss: "Wem gehören diese Bilder?"

28. Februar 2008, 17:57
5 Postings

Das Israel Museum in Jerusalem zeigt in einer opulenten Ausstellung zahlreiche Werke, die während des Zweiten Weltkriegs von den Nationalsozialisten geraubt wurden

Mit dabei sind auch Bilder von Cézanne, Manet, Degas und Matisse.


"Wem gehören diese Bilder?" ist der Titel einer Ausstellung, die im Israel Museum in Jerusalem eröffnet wurde und mit großen Namen wie Cézanne, Manet, Degas, Matisse oder Delacroix lockt. Den 53 Gemälden, die sonst im Louvre, im Musée d’Orsay und anderen französischen Museen aufbewahrt oder gezeigt werden, ist gemeinsam, dass sie in der Nazizeit in Deutschland gelandet waren. Direktor James Snyder lässt sich keine Kritik daran entlocken, wie andere Länder mit der Restitution von Beutekunst umgegangen sind, lobt aber Frankreich, weil "die Franzosen von Anfang an eine konzertierte Anstrengung unternommen haben, die Geschichte dieser Werke aufzuklären".

Die Plünderung

Frankreich, das im frühen 20. Jahrhundert die Großmacht der Malerei war, wurde deshalb auch zum Ausgangspunkt der wohl größten Beutekunst-Bewegung der Geschichte: Ab 1940 haben die Nazis von dort nicht weniger als 100.000 Werke nach Deutschland verschleppt. Es war eine zunächst sporadische und schließlich "organisierte Plünderung", sagt die Ausstellungskuratorin Shlomit Steinberg. Fotos dokumentieren Gemälde, die auf dem Pariser Austerlitz-Bahnhof zum Transport gestapelt, im Altausseer Salzbergwerk gelagert oder in Görings Jagdschloss Carinhall an die Galeriewände gehängt worden waren. 60.000 Stücke kamen nach dem Krieg nach Frankreich zurück, davon wurden 45.000 an ihre Eigentümer restituiert.

Ordnung der Bilder

2000 wertvolle Objekte, für die keine Anspruchsberechtigten ausfindig gemacht werden konnten, wurden schließlich auf Nationalmuseen verteilt – bloß "zur Verwahrung", wie die eigens angereiste französische Kulturministerin Christine Albanel betonte.

Der Kunstgenuss wird nun durch den bitteren Nachgeschmack der Geschichte etwas verdorben. "Eine besondere Schwierigkeit bei so einer Ausstellung ist es", so Steinberg, "die Bilder so zu ordnen, dass die Betrachter sich auch wohlfühlen, trotz des düsteren Zusammenhangs." Die Kategorisierung der Gemälde erfolgte nach der Werkgeschichte. Manche Bilder wurden, zu Marktpreisen oder auch unter ihrem Wert, von Händlern oder Sammlern angekauft, andere wurden eingetauscht oder beschlagnahmt.

Über kleinere Stücke, wie etwa eine vom Louvre entliehene "Frau mit Turban" aus dem 18. Jahrhundert, fehlt oft jegliche Information, weil sie vielleicht "von Soldaten im Rucksack mitgenommen" wurden. Der Weg großer, schwerer Gemälde hingegen ist zumeist gut belegt, weil Nazi-Bonzen sie für Privatsammlungen oder für Museen im "Reich" ausgesucht hatten. Eine 187 Zentimeter hohe Allegorie des Barockmalers Simon Vouet etwa war für das "Führermuseum" vorgesehen, das Hitler in Linz errichten wollte. Die "Badenden" von Courbet wurden von den Alliierten nach dem Krieg im Haus des Nazi-Außenministers Joachim von Ribbentrop gefunden, der das Bild offenbar ordnungsgemäß bei einem Pariser Kunsthändler erworben hatte.

Ein Stockwerk tiefer sind in der zur gleichen Zeit eröffneten Ausstellung "Verwaiste Kunst" einige der 1200 in den Holocaust-Jahren geraubten Kunstwerke zu sehen, die das Israel Museum selbst aufbewahrt. Darunter finden sich auch jüdische Kultgegenstände aus verschiedenen Teilen der Donaumonarchie und einige Gemälde von Meistern wie Chagall und Sisley.

Wachsende Sensibilität

Das Prunkstück ist jedoch ein 1915 gemalter Häuserbogen in Krumau von Egon Schiele mit einem Schätzwert von 15 Millionen Euro.

Direktor Snyder registriert in den letzten zehn Jahren "eine wachsende Sensibilität der internationalen Museumsgemeinde" und ernsthafte Bemühungen, "dieses offene Kapitel der Kriegsgeschichte zu schließen" – man müsse dabei aber auch die richtige Balance finden: "Sehen Sie sich diese Bilder an – viele von ihnen sind große Meisterwerke, und man tut ihnen vielleicht Unrecht, wenn sie immer im Schatten ihrer Geschichte im Zweiten Weltkrieg leben müssen." (Ben Segenreich aus Jerusalem / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.2.2008)

  • "Badende" (1858) von Gustave Courbet, im Musée d’Orsay aufbewahrt, jetzt in Jerusalem.
    foto: israel museum

    "Badende" (1858) von Gustave Courbet, im Musée d’Orsay aufbewahrt, jetzt in Jerusalem.

Share if you care.