Der Mann in der Mitte

21. Februar 2008, 18:41
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Sascha Goetzel dirigiert am Samstag an der Volksoper die Premiere von "Land des Lächelns"

Wien – "Ich wollte immer der sein, der in der Mitte steht", so Sascha Goetzel übers Dirigieren: "Als zu Silvester alle zum Donauwalzer tanzten, habe ich mich auf einen Sessel gestellt und dirigiert." Damals spielte der 11-Jährige längst Geige; der Weg in die väterlichen Fußstapfen schien vorgezeichnet, mit neunzehn begann er bei den Philharmonikern zu substituieren. Doch Goetzel zog es über die traditionellen Pfade hinaus. Mitte der 1990er-Jahre ging er nach New York, studierte an der Juilliard School. Die Geige stand zwar im Zentrum, aber heimlich hatte er mit dem Dirigieren begonnen und ein Demoband nach Tanglewood geschickt. Eine Terminkollision zwang zur Entscheidung.

"Ich sollte beim Abschlusskonzert eines Meisterkurses mit Itzhak Perlman spielen. Ich bekam aber auch die Einladung nach Tanglewood und musste Brahms- und Beethoven-Symphonien lernen. Das ging nicht parallel. Ich musste Farbe bekennen." Die Entscheidung fürs Dirigieren war die richtige. Innerhalb kürzester Zeit nahm die Karriere Gestalt an. Der Geige blieb er trotzdem noch lange treu. Als philharmonischer Substitut finanzierte sich Goetzel den, wie er sagt, "smooth switch" vom Geiger zum Dirigenten "ohne Tellerwaschen oder Taxifahren." Den letzten Dienst als Geiger in der Staatsoper hat er erst in der Saison 2005 gespielt.

Die Erfahrungen des Geigers waren für den Dirigenten die beste Schule. "Ich konnte alle großen Dirigenten erleben. Als junger Dirigent weiß man ja nicht, wo man sich anhalten soll." Nach den philharmonischen Proben wurden Ozawa, Rattle, Mehta & Co zu Lehrern. "Ich bat sie um Coachings, durfte ihnen Videoaufnahmen zeigen, bekam Feedback." Mit seinem Lehrer Jorma Panula reiste Goetzel um die Welt und erarbeitete sich das Repertoire. Im ostfinnischen Kopio hat er eine "Bleibe" gefunden. Er ist Chef des dortigen Orchesters, das bald 100. Geburtstag feiert.

Dem Musiktheater hat er sich langsam genähert: "Ich mache jetzt eine oder zwei Produktionen im Jahr." 2003 gab Goetzel an der Staatsoper sein Debüt als Dirigent, bei der Eröffnung des Opernballs. "Rauschende" Erinnerungen werden wach. "Ich hatte eine Virusinfektion und bin bei der Generalprobe kollabiert, wurde ins Spital gebracht. Als ich den Ärzten von der Aufgabe erzählte, hat man mir eine Kombination aus drei Tabletten gegeben, die ich alle drei Stunden nehmen sollte. Ich kam zurück, die Probe dauerte länger als diese drei Stunden, ich konnte mich kaum auf den Beinen halten, bis ich die Medikamente nahm. Mir wurde klar, was das für ein Cocktail sein musste!" Anna Netrebko – mit dem Rücken zur Künstlerin, "die vierzig Meter von mir entfernt war" – zu begleiten gelang dennoch beschwingt. Die Aufgabe bei Land des Lächelns wird sicher nicht schwieriger sein. (Petra Haiderer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.2.2008)

  • Am Samstag an der Volksoper: Sascha Goetzel.
    foto: standard / hendrich

    Am Samstag an der Volksoper: Sascha Goetzel.

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