Der Delfinflüsterer von Musandam

25. Februar 2008, 17:00
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Helge Sobik machte einen Abstecher von Dubai in die Fjorde des Oman

Der Mann mit der schneeweißen Djellaba an Deck der Dhau spricht die fremde Sprache klanglich perfekt - aber er weiß nicht, was er sagt. Das ist nicht schlimm. Es ist so ähnlich wie bei der Verständigung mit Händen und Füßen unter Menschen. "Es reicht, dass das Gegenüber spürt, wie sehr man sich füreinander interessiert", sagt er, formt die Hände wieder zu einem Trichter, legt sie an die Lippen, und aus seiner Kehle gluckst, klickt und pfeift es in schneller Folge.

Mohammed Ba aus der Kleinstadt Khasab ist Delfinflüsterer. Niemand anders kann diese Geräusche so machen wie er, keiner durch den Trichter aus Händen diese Klänge so täuschend echt hervorbringen, niemand auf ein oder zwei Fingern so pfeifen und eine solche Vielfalt von Tönen hervorzaubern.

Er ruft mit seinen Lauten verlässlich binnen kürzester Zeit die Delfinfamilien der Umgebung herbei und bringt sie dazu, neben dem alten Holzboot im warmen Wasser der omanischen Fjorde von Musandam am Ausgang des Persischen Golfs zu tanzen.

Mit neunzehn hat Mohammed Ba die Sprache der Delfine gelernt. "Durch Zufall", sagt er. "Ich habe es einfach ausprobiert." Er war vor Telegraph Island im Fjord nicht weit von der winzigen Fischersiedlung Qannak schwimmen, als das erste Mal Bottlenose-Delfine auftauchten. Sie stupsten ihn mit der Nase an, wollten offenbar spielen, machten diese Geräusche - und er versuchte zu antworten. "Es gibt sehr viele Delfine in unseren Fjorden", erzählt er. "Es sind drei Arten. Die der größeren beiden sind scheu, die kleineren Bottlenose-Delfine aber sind zutraulich und verspielt."

Sie haben sich einen stillen Winkel des Planeten für ihre Begegnungen ausgesucht - und einen schönen. "Allah hat hier zu Anbeginn der Zeiten Burgen aus Fels gebaut", sagt Mohammed Ba. "Denn es ist die Stelle, wo das Hajjar-Gebirge abrupt ins Meer stürzt." Bizarre Berge türmen sich hier auf, als hätte ein Riese vor Millionen Jahren mit einer resoluten Handbewegung zwei Haufen Erde zusammengeschoben und in der Sekunde des höchsten Aufbäumens an der Wasserlinie erstarren lassen. Die omanische Exklave Musandam grenzt an die Straße von Hormus am Ausgangspunkt des Persischen Golfs. An klaren Tagen kann man die gegenüberliegende iranische Küste in gut sechzig Kilometer Entfernung erahnen.

Der Landzipfel war lange unbeachtet, weltfern, ist noch immer kaum erschlossen, eine Halbinsel ungefähr halb so groß wie die Ferieninsel Mallorca und von weniger als 30.000 Menschen bewohnt, mit 2000 Meter hohen Bergen, einer schmalen Passstraße über den Jebel Harim.

Besuch bekommen Mohammed und die Delfine erst seit kurzem, denn lange war Musandam wegen seiner strategischen Lage militärisches Sperrgebiet. Ein paar Tauch- und Schnorchelurlauber kommen und entdecken inzwischen das omanische Unterwasser-Paradies, ein erstes Hotel internationalen Standards gibt es inzwischen. Jeden Tag starten in der kleinen Hafenstadt Khasab mittlerweile zu Ausflugsschiffen umgerüstete Dhaus, traditionelle arabische Handelsschiffe im Fischkutterformat, mit Tagesbesuchern vor allem aus Dubai und Abu Dhabi zu Schnorchel- und Tauchausflügen - und zur Delfinbeobachtung.

Die eben noch spiegelglatte Wasseroberfläche scheint sich zu öffnen, reißt wie Folie, die unter Spannung steht. Es spritzt, klatscht. Und es schnattert. Zwei Delfine sind vorm Kiel der Dhau aus dem Meer emporgeschnellt und ein paar Meter weiter wieder eingetaucht. Zwei weitere machen es ihnen nach, als ob der Auftritt geprobt wäre und einer einstudierten Choreografie folgte - als ob sie den Mann in der weißen Djellaba rufen gehört hätten und "Hallo" antworten wollten. Sie schnattern durcheinander, machen Klick-Geräusche.

Ein Kormoran will unterdessen beweisen, dass er wendiger ist als Delfine und Dhau. Im Tiefflug begleitet er das Boot, ist fast zum Greifen nah, hält dann ungebremst auf einen Felsen zu, zieht im letzten Moment steil hoch und landet auf einem Felsvorsprung bei seiner Familie.

Auf den Decksplanken der Dhaus und an den Ufern der Fjorde spielen die Kindheitserinnerungen der Älteren, die Geschichten der Großeltern, sogar die Märchen. "Die Felsplateaus hier sind die Wohnzimmer unserer Väter, wo nur der Wind zu Besuch kam und noch heute die Ruhe regiert", sagt Mohammed Ba. Ein paar Wochen im Jahr ist eines dieser Plateaus weiträumig abgesperrt und bestens bewacht - weil dort ein großes Zelt steht. Mitglieder der steinreichen Herrscherfamilie Abu Dhabis kommen jedes Jahr zum Campen hierher: mit allerhöchstem Komfort, aber auch mit bestem Ausblick und sehr nah an den Ursprüngen - "an einer Schönheit, die anderswo verlorengegangen ist", findet der Delfinflüsterer.

An diesem Tag steht kein Zelt in Khor Najd, Wind spielt mit ein paar Sandkörnchen. Ein Falke reitet auf den Böen, ohne mit den Flügeln schlagen zu müssen - und irgendwo achtzig bis hundert Meter tiefer schwimmen die Delfine, plätschern die sanften Wellen des Wassers ans Ufer. Größter Frieden scheint über diesem Landstrich zu liegen, und hat man sich dort einmal auf einen Felsblock gesetzt, mag man nicht mehr aufstehen. Es ist, als ob ein seltsamer Magnetismus am Fortgehen hindert, weil der Blick bis in die Ewigkeit reicht. (Helge Sobik/DER STANDARD/Rondo/22.2.2008)

Dhaus heißen die traditionellen arabischen Handelsschiffe, die heute zu Ausflugsschiffen umfunktioniert werden. Angeboten werden Schnorchel-und Tauchgänge sowie Delfinbeobachtung. Foto: Helge Sobik

Anreise: Flug mit Emirates nach Dubai. Dubai ist rund 180 Straßenkilometer von Khasab entfernt.

Veranstalter: z. B. Tagesausflug von Dubai nach Musandam mit Transfer und Dhau-Kreuzfahrt in den Fjorden, Übernachtung im Hotel Golden Tulip mit Dertour.

Weitere Infos: omantourism.de
Sultanate of Oman c/o Interface International, Petersburger Str. 94, 10247 Berlin, Tel.: (0049/30) 42 08 80 12,
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    Wenn Mohammed Ba die Delfine ruft, kommen sie in kürzester Zeit angeschwommen.

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    foto: oman tourismus
  • Die Fjorde des Oman.
    foto: oman tourismus

    Die Fjorde des Oman.

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