Tischlein deck dich!

23. Februar 2008, 17:00
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Das Designbüro "destilat" stellt ein zauberhaftes, neues Leuchtmöbel vor, das es in sich hat

Kaffee und Kuchen bei Großmuttern. Bevor die Wanduhr dreimal geschlagen hat, wird auf dem Beistelltisch ein bügelfrisches, wenn möglich gestärktes, Häkeldeckchen ausgebreitet und an seinen Kanten fein zurechtgezupft.

Denkste! Die Oma von heute hat kein Zupfen mehr nötig, sondern nähert sich dem zum Jausnen gedeckten Tisch mit elektrisierender Vorfreude und betätigt einen simplen Schalter. Klick, schon leuchtet aus dem eben noch schwarzen Glaskubus die Reminiszenz an die gute alte Zeit. Zum Vorschein kommt ein weißes, gehäkeltes Deckchen - faltenfrei versteht sich.

"grandma", wie das schlichte Möbel trefflich genannt wird, ist die jüngste Arbeit des Wiener Designertrios destilat. Je nach Elektronenfluss und Laune ist es mal Beistelltisch, mal Leuchtobjekt. "'grandma' ist ein Leuchtmöbel, das durch Betätigen eines Schalters eine Metamorphose durchläuft und dadurch erst seine wahre Identität preisgibt", erklärt der Designer Harald Hatschenberger, "die Intention dieses Entwurfs ist es, seine formale Reduktion auf das Wesentliche mit einiger Opulenz und Sinnlichkeit zu paaren."

Entmaterialisiert

Und wie kommt das weiße Textil-Imitat zum Vorschein? An der Innenseite sind die Gläser mit einer Spiegelfolie versehen. Ist das Licht aus, macht der Kubus das, was Designer gerne als "entmaterialisieren" bezeichnen, und spiegelt seine Umgebung wider. Von dem aus einer Folie ausgestanzten Ornament ist bei Dunkelheit nichts zu sehen. Erst mit dem Licht kommt das Tischtuch zum Vorschein. Hatschenberger: "Der Entwurf ist simpel. Wir haben uns schon einige Male gefragt, warum niemand vor uns diese Idee hatte."

Neben dem nicht unwesentlichen Vorteil, dass man den schwarzen Würfel auch dann noch schmücken kann, wenn er bereits mit Guglhupf und Kaffeekanne gedeckt ist, besticht "grandma" vor allem durch die Eleganz ihrer Konturen. Die einzelnen Glasplatten sind nicht etwa altmodisch Stoß an Stoß gegeneinander gedrückt, sondern teilen sich die Kante mit einem haarscharfen Gehrungsschnitt. Thomas Neuber, zuständig für das Marketing des Büros destilat: "Die Herstellung ist technisch aufwändig, langwierig und letztlich auch teuer. Aber mit der Detailliebe steht und fällt der optische Eindruck eines so einfachen Möbelstücks."

Feinware und Ornamentik

"grandma" hat auch einen "grandpa" zur Seite. Wie fast immer ist das männliche Gegenstück größer. Statt der zierlichen Maße 40-40-40 breitet sich der Großvater auf einer Fläche von 100 mal 100 Zentimetern aus. Wo bei Oma gehäkelte Feinware zum Leuchten gebracht wird, gedeiht Opa in barocker Ornamentik zu einem stilisierten Couchtisch. Und schließlich gibt es die Idee auch noch in Form von beinahe klassischen Lampen: "aunty" steht auf dem Boden und "lui_se" baumelt frei von der Decke. Bei ersterer leuchtet bei Stromzufuhr eine üppige Stehlampe auf, im zweiten Fall handelt es sich um einen Luster samt vermeintlichem Kerzenschein, der sich seinen Weg durch die schwarze Glasplatte bahnt.

Noch handelt es sich bei den Leuchtobjekten allesamt um Einzelstücke. Preis auf Anfrage, versteht sich. Unter Umständen könnten die schwarzen Kuben jedoch bald in Serie gehen. Hatschenberger: "Wir wollen mit dem Möbel all jene Menschen ansprechen, die einerseits dem Diktat der Coolness verfallen sind, die aber andererseits auch einen Hauch von Großmutters Geist durch ihre Designerwohnung wehen lassen wollen." Und waschen muss man das Deckerl dann auch nicht mehr. (Wojciech Czaja/Der Standard/rondo/22/02/2008)

  • Klick,...
    foto: hersteller

    Klick,...

  • ... schon leuchtet aus dem eben noch schwarzen Glaskubus die Reminiszenz an die gute alte Zeit.
    foto: hersteller

    ... schon leuchtet aus dem eben noch schwarzen Glaskubus die Reminiszenz an die gute alte Zeit.

  • "lui-se" baumelt frei von der Decke.
    foto: hersteller

    "lui-se" baumelt frei von der Decke.

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