Kleidung, seziert

22. Februar 2008, 17:00
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"Mode ist oberflächlich, schnelllebig und trivial", heißt es - "Falsch!", sagt Ingrid Loschek - Die gebürtige Wienerin und Professorin für Modetheorie im Gespräch über Botox, Bumsters und Kaufmotive

DER STANDARD: Verstehen wir Mode besser, wenn wir sie sezieren und analysieren?
Ingrid Loschek: Ich schon. Erst dann begreife ich Designer wie Alexander McQueen oder Hussein Chalayan. Sonst bleibt es beim üblichen "Das ist ja unnötige Spinnerei!". Die meisten Frauen interessieren sich dafür, wo sie was schnell kaufen können, nicht aber für das Wesen der Mode oder die Intention der Designer.

DER STANDARD: Warum ist das so?
Ingrid Loschek: Schwer zu sagen. Der ernste Blick aufs vermeintlich Triviale hat in deutschsprachigen Ländern kaum Tradition: Bei uns bieten Modejournale Fastfood, sie trauen ihren Lesern schlichtweg nichts zu.

DER STANDARD: Vielleicht, weil Mode nach wie vor als oberflächliches Phänomen gilt?
Ingrid Loschek: Mode ist überhaupt kein Phänomen! Mode begreift nur, wer die Trennung von Mode und Kleidung versteht: Kleidung orientiert sich am Nutzen, an der Funktion. Mode ist Image und kultureller Mehrwert.

DER STANDARD: Kommunizieren wir alle über Kleidung?
Ingrid Loschek: Der Mode entzieht sich niemand. Ich drücke immer etwas mit meiner Kleidung aus. Selbst wenn ich sage "Sie ist mir egal", ist das eine Botschaft. Ganz im Sinne von Paul Watzlawicks Satz: "Man kann nicht nicht kommunizieren!"

DER STANDARD: Eigener Stil scheint schwierig zu sein.
Ingrid Loschek: Ja, ein perfektes Outfit ist anstrengend. Hier kommen wieder die Modejournale ins Spiel, die häufig als "Wer trägt was"-Gazetten fungieren und Celebrities als Leitfiguren präsentieren. Menschen brauchen eine Identitätsperson, etwas, an das sie glauben können. Generell betrachtet gebe ich beim Thema Glauben etwas ab, und zwar meine Kompetenz.

DER STANDARD: Früher konfektionierte man Kleidung, heute designt man den Körper. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus?
Ingrid Loschek: Es sagt gar nichts aus - bis auf die Tatsache, dass die Operationsmöglichkeiten besser geworden sind. Sonst hat sich nichts geändert. Früher steckte man Frauen und Kinder in Korsetts, in der spanischen Mode legte man sich Bleiplatten auf die Brust, weil Busen out war, im 18. Jahrhundert formten sich die Frauen in Adelskreisen Dekolletés aus Wachs, um Jugendlichkeit vorzutäuschen. Heute cremt, spritzt und operiert man.

DER STANDARD: Der aktuelle Jugendwahn ist also keine Laune der Jetzt-Zeit?
Ingrid Loschek: Nein, diese Wünsche sind so alt wie das Mittelalter. Jugend ist Zukunft - das haben wir Menschen intus, und es verbindet sich mit den jeweiligen Schönheitsidealen zu immer neuen Allianzen, von faltenfreier Stirn bis zur 40-Zentimeter-Taille. Dabei geht es nicht nur um die Akzeptanz durch andere oder um die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, sondern auch darum, sich abzuheben.

DER STANDARD: Das sind überraschend viele Motive für einen schlichten Einkauf in der Boutique ...
Ingrid Loschek: Ja. Man hört oft, Mode sei schnelllebig oder oberflächlich. Wahr ist: Sie sagt sehr viel über uns aus, wenn man diese Art von Sprache zu lesen versteht. Und wenn man bedenkt, dass ein Handy eine Lebenszeit von zwei Jahren hat, ein Wintermantel mindestens zwei bis drei Jahre getragen wird, wird die vielzitierte Schnelllebigkeit schnell relativ.

DER STANDARD: Zwei Jahre Tragezeit für einen Wintermantel sprechen nicht für eine hohe modische Halbwertszeit.
Ingrid Loschek: Ein anderes Beispiel: Schauen Sie sich die Hipster an, auch Bumster genannt, eine sehr tief sitzende Hüfthose, die den Ansatz der Po-Spalte zeigt. Alexander McQueen hat sie erstmals 1995 gebracht, unbemerkt von sämtlichen Modezeitschriften. Erst als Mariah Carey im Jahr 2000 den Bund ihrer Jeans abschnitt, erreichte die Idee die Jugendmode, vier Jahre später dann den Massenmarkt, wo sie sich bis zum Sommer 2007 hielt. Der Mainstream der Hipster ist also leicht sechs bis sieben Jahre alt. Das ist nun wirklich nicht schnelllebig. (Franziska Horn/Der Standard/rondo/22/02/2008)

  • Erklärt uns Mode: Ingrid Loschek, Modetheoretikerin
    foto: christl wein

    Erklärt uns Mode: Ingrid Loschek, Modetheoretikerin

  • Die bekannteste deutschsprachige Modetheoretikerin und Kostümkundlerin enthüllt in ihrem jüngsten Werk "Wann ist Mode?" (Reimer Verlag Berlin, 29,90 €) den hochgradig kommunikativen Charakter von Mode und zeigt jene Strukturen auf, die aus Kleidung Fashiontrends machen.
    foto: buchcover

    Die bekannteste deutschsprachige Modetheoretikerin und Kostümkundlerin enthüllt in ihrem jüngsten Werk "Wann ist Mode?" (Reimer Verlag Berlin, 29,90 €) den hochgradig kommunikativen Charakter von Mode und zeigt jene Strukturen auf, die aus Kleidung Fashiontrends machen.

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