Das große Kleben

23. Februar 2008, 12:00
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Daniel Spoerri hat die Eat Art erfunden, veranstaltet kuriose Bankette und fängt in seinen Fallenbildern auch die Realität des Essens ein - Seit einem Jahr lebt, isst, kocht und klebt er auch in Wien - Ein Besuch

Um sich in Wien Kunstwerke von Daniel Spoerri anzuschauen, kann man entweder ins Museum moderner Kunst gehen. Man kann sich neuerdings aber auch zum Pfarrwirt in Döbling begeben. Dort hängt nämlich seit gut einem Monat ein riesiges dreidimensionales "Stillleben" Spoerris, das vor Ort entstanden ist: als Auftragsarbeit des Besitzers Hans Schmid, vierteilig, insgesamt neun Meter lang.

Das Rezept für diese sogenannten "Fallenbilder", die den fast 78-jährigen Spoerri weltberühmt machten, ist relativ einfach: Man lasse einige Leute üppig speisen - im konkreten Fall auch ein paar prominente wie Franz Vranitzky oder Gustav Peichl. Zu einem beliebigen Zeitpunkt beendet der Künstler das Bankett spontan. Und danach wird all das, was sich zu dem Zeitpunkt auf dem Tisch befindet - schmutzige Teller, die Reste diverser Speisen, halbvolle Aschenbecher, zerknüllte Servietten und allerlei andere Essutensilien - einfach detailgetreu auf die Tischplatte geklebt und von der Horizontalen in die Vertikale gehievt: fertig.

"tableaux-pièges"

Seit fast einem halben Jahrhundert fertigt Daniel Spoerri nun schon solche Fallenbilder an (im Original: "tableaux-pièges"), die zu seinem Markenzeichen wurden und in denen ein Stück Realität quasi in die Falle gegangen ist. Neuerdings eben auch (wieder) in Österreich. Erst vor rund einem Jahr ist der aus Rumänien gebürtige Spoerri nach Wien übersiedelt, in eine Wohnung direkt am Naschmarkt, der seiner Leidenschaft für Objekte und Speisen aller Art entgegenkommt.

An seinem neuen Teilwohnsitz - seinen Skulpturenpark in der Toskana betreibt er weiterhin - lebt der Mitbegründer des Nouveau Réalisme in einem wohlsortierten Pluriversum von eigenen Skulpturen und Bildern sowie gesammelten Objekten aus der ganzen Welt: einer riesigen Spazierstocksammlung, kostbaren Stoffen aus Afrika und Südostasien, raren Steinen aus Japan, ja sogar Meteoriten aus dem All. Und in der Bibliothek stehen 750 zum Teil höchst wertvolle Kochbücher.

Zu allem hat Spoerri lange und immer kurzweilige Geschichten parat. Am besten sind aber seine Erzählungen aus dem Künstlerleben, das ihn von Rumänien in die Schweiz, von da in die halbe Welt und zuletzt eben nach Österreich geführt hat. Warum eigentlich nach Wien? "Weil ich die Künstler hier immer gekannt habe. Und weil Deutsch meine beste Sprache ist."

Termitenomeletts und Elefantenrüssel

Spoerris Bekanntschaft mit den Vertretern der Wiener Gruppe geht in die frühen 1960er-Jahre zurück. "Die kannten mich damals schon von meinen Aktionen mit dem dreckigen Geschirr in Paris." Dort begann das Gründungsmitglied des Nouveau Réalisme seine Karriere als bildender Künstler, nachdem er es zuvor immerhin zum ersten Solotänzer am Stadttheater Bern gebracht hatte.

Bald wendet er sich dann vor allem der Kunst des Essens und Kochens zu, nicht ohne weiterhin auch noch als Regisseur, Autor und Verleger tätig zu sein: 1968 gründet er in Düsseldorf das Restaurant Spoerri und träumt wenig später in New York den Begriff "Eat Art", der sein weiteres Schaffen bestimmt. Das Restaurant ist seiner Zeit weit voraus und ein Skandal: "Dort gab es alles, was man essen konnte: Termitenomeletts zum Beispiel." Oder Elefantenrüssel. "Gut schmeckt der nicht, halt wie Suppenfleisch."

1972 wurde ein Jahr lang täglich ein kleiner blauer Tisch des Restaurants nach dem Essen zu einem "Fallenbild" umgearbeitet, das 1000 Deutsche Mark kostete. "Die Bild-Zeitung bezeichnete mich dafür als Gauner", erinnert sich der Künstler spitzbübisch grinsend.

Eckart-Witzigmann-Preis

Über Essen, Kochen und die Kunst könnte man mit Spoerri stundenlang reden: darüber, dass Palatschinke etymologisch von Plazenta kommt, was die Werkstätten von Rubens und Co mit den Küchen der Drei-Hauben-Chefs heute zu tun haben, über seine ausgeklügelten Bankette, die eine Zeitlang Sarah Wiener für ihn organisierte ("Heute ist sie die Berühmte") oder seine Begegnung mit dem katalanischen Starkoch Ferran Adrià ("Der hielt mir einen Vortrag und ging dann einfach").

Mit Letzterem verbindet ihn immerhin, dass beide mit dem internationalen Eckart-Witzigmann-Preis der Deutschen Akademie für Kulinaristik ausgezeichnet wurden: Adrià 2005 und Spoerri 2007, obwohl dieser nur für sich selbst kocht. Das tut Spoerri immerhin praktisch täglich - nach einem Menüplan, der vor allem aus Gemüse, Obst und weißem Fleisch besteht und ihn mehr als 15 Kilogramm abnehmen ließ.

Wenn er in Wien essen geht, dann am liebsten zum Luxus-Chinesen Goldene Zeiten am Luegerplatz. Die Wiener Küche war es jedenfalls nicht, warum es Spoerri nach Wien zog, weil die sei in erster Linie ungesund und etwas fantasielos: "Ihr seid zwar stolz auf euren Tafelspitz. Aber so etwas Besonderes ist das auch wieder nicht." (Klaus Taschwer/Der Standard/rondo/22/02/2008)

  • Der Neo-Wiener Daniel Spoerri  macht aus vergänglichem Essen  - in jeder Hinsicht - haltbare Kunst. Seit fast einem halben Jahrhundert.
    foto: heribert corn

    Der Neo-Wiener Daniel Spoerri macht aus vergänglichem Essen - in jeder Hinsicht - haltbare Kunst. Seit fast einem halben Jahrhundert.

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