Das Butterbrot

24. Februar 2008, 17:00
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Das Butterbrot ist im Höhenflug - Nobelbrote mit Edelschmiere schreien nach feinsten Salzen und Bio-Schnittlauch

Markus Mittringer kann sich aber noch an den Butterbrot-Terror von früher erinnern.

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Und was macht der Erwin Wurm? Der arbeitet nicht für ein Butterbrot, der macht eine mobile Immobilie draus, der schmiert ungemein wertsteigernd, baut Zinshäuser auf die karge Scheibe, erkennt im Fett sofort die satten Einnahmen, den Mehrwert der gemeinen Stulle. Andere werden damit abgespeist. Und eben deshalb gilt als moralisch hochstehend, selbst das wurstlose Brot noch zu teilen. (Goethe ließ das Werther stellvertretend erledigen.)

Oder anders angefangen: Wer mit Butterbroten großgezogen wurde, aufgewachsen ist mit - je nachdem - gerade einmal die Brotporen abdichtenden Minimalmengen von Fett oder eben dicken Scheiben von der Teebutter auf dem Industriemischbrot, der findet es womöglich affig, aus dieser Arme-Leute-Jause ein kulinarisch hoch wertvolles Mahl mit mindestens drei Hauben oben drauf zu machen. Der lässt sich auch dann nicht überzeugen, wenn das Brot einem zutiefst ländlichen Holzbackofen entsprungen ist, die Butter nicht nur von ausgesuchter Sennerinnenhand gestoßen wurde, sondern in der Essenz auch noch von Kühen stammt, die nichts außer hochfeinen Kräutern von tadellos unverpesteten Almen wiedergekäut haben.

Deko mit Geschmack

Und selbst dann, wenn völlig unzerquetschte Schnittlauchröllchen zugleich Deko wie feinherben Nachgeschmack geben: Es gibt ganze Generationen, denen doch die Wurst fehlt. Auch weil so ein Edelbutterbrot nun wirklich nicht für ein Butterbrot zu bekommen ist. Und man ja doch nicht immer an die Wiederkehr des Ewiggleichen in Kindheit und Adoleszenz erinnert werden möchte: lauwarme Fettkrümel aus dem Rucksack zu Stärkung auf für sich allein gesehen schon unerträglichen Schulwandertagen. Halbzähe, mehr als spärlich bebutterte Grauscheiben in der eigenen Hand, resche, üppig mit Extrawurst und Gurken gespickte Mohnflesserln in den Mündern so feister wie satter Kameraden. Wie gerne nur wäre man da ein Stück weiter südlich oder westlich aufgewachsen, hätte seine ersten Brotzeiten in Ländern verbracht, in denen es weder den Begriff der Brotzeit noch Schwarzbrot überhaupt gibt. In Italien zum Beispiel, wo Weißbrot mit Butter ausschließlich dazu da ist, hernach anständiges Essen serviert zu bekommen, oder in Frankreich, wo stets frische Baguettes duften - in Ländern also, deren Kultur ganze Treppenhäuser höher einzustufen ist. Aber nein: Ausgerechnet das österreichisch-deutsche Pausen-Butterbrot musste es sein.

Und selbstredend in der härtesten aller denkbaren Varianten: als Doppeldecker, zweischeibig, in der Mitte durchgeschnitten und in fettäugigem Papier verpackt! Wenn man sich vorstellt, wie viele dieser, mit pubertierenden Augen betrachtet, völlig unerotischen Kalorienbomben unangebissen in den Mistkübeln der Volks- und Hauptschulen, unter den Sitzen der Straßenbahnen, in den Schulbankfächern der Gymnasien gelandet sind, wundern einen anderer Länder Hungersnöte rein gar nicht mehr.

Sauer- oder Süßrahmbutter

Aber gut, zunächst das Wirtschaftswunder und in Folge dann die Globalisierung haben das gemeine Butterbrot als Grundnahrungsmittel verdrängt, und der dank McDonald's und sonstiger Mastanstalten geblähte Schüler von heute kann sich gar nicht mehr vorstellen, warum die Frage nach der richtigen Aufprallseite eines Butterbrotes in freiem Fall je von Belang war. Und nun waren einer Renaissance Türen und Tore geöffnet. Plötzlich quollen die Regale vor Buttervarianten über: Zuerst kamen Produkte irischer Billigprovenienz (ganz schlimm auch die hochbeliebte Kleinbürgersitte, Kolchosenware einzuschmuggeln), später dann kam mit der ersten Biowelle (jetzt an bärtige Männer mit Selbstgestricktem in einem Laden voll von Haferflocken und deren Zwillingen, den Motten, denken) das Ranzige wieder in die städtischen Haushalte. Bauern entdeckten die Selbstvermarktung und lieferten dottergelbe Hormonbomben aus. Aber auch das hat sich beruhigt. Bio und Hygiene sind ausgesöhnt, jeder Supermarkt hat anständige Sauer- oder Süßrahmbutter im Angebot. Und bisweilen darf es auch Ziegen- oder Schafmilchbutter sein.

Und da es auch eine schwindelerregende Vielfalt von Brot zu erstehen gibt und Schnittlauch, der ausschließlich von Berner Sennenhunden gedüngt wurde, steht einem fröhlichen Kombinieren nichts mehr im Weg. Zudem kann mit Salzen verfeinert werden, die bis auf wenige Zentimeter genau ihrem Ursprung zugeordnet werden können, die in Vollmondnächten aus speziellen Meeresstraßen extrahiert werden. Und also ein klein wenig teurer kommen als ein Kilo Pikantwurst. Und so kam das Arme-Leute-Universalessen zu Kultstatus. Sonst seriöse Erwachsene legen hunderte Kilometer für eine Bemme (sächsisch) zurück. Vielleicht verschwunden, jedenfalls aber nicht mehr Ziel medialer Entrüstung sind die legendären Butterberge, die die EU anhäuft und zwecks Preisstabilisierung in regelmäßigen Abständen schlicht vernichtet. (Markus Mittringer/Der Standard/rondo/22/02/2008)

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    Das österreichisch-deutsche Pausen-Butterbrot.

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