Der Koch am Krisenherd

21. Februar 2008, 17:00
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Stefan Gates macht Kochsendungen der anderen Art - Er reist in Krisengebiete und zeichnet berührende Porträts der BewohnerInnen, indem er mit ihnen auf Nahrungssuche geht und isst, was sie essen

Manchmal kann das eklig sein, authentisch und spannend aber ist es stets. Im Sommer soll seine neue Serie im ORF laufen: "Cooking in the Danger Zone".

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Schon wieder eine Kochsendung. Dabei war doch davon auszugehen, dass die Sättigung des Publikums durch verfilmte Rezepte schön langsam erreicht ist und der Reflex der Fernsehstationen, jeden möglichen und unmöglichen Sendeplatz an Berufsgrinser in Kochjacken zu vergeuden, irgendwann kontrollierbar würde. Jetzt also Kochen am Krisenherd oder "Cooking in the Danger Zone", wie die Sendung im BBC-Original heißt. Was wie ein schlechter Witz klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen aber als raffinierter Kunstgriff von Protagonist Stefan Gates: Unter dem Vorwand einer Kochsendung, welche die (speziell in England) so beliebte Freude am Ekel über die Speisegewohnheiten anderer Kulturen bedient, serviert Gates faszinierende Reportagen, in denen er über den Umweg des Essens das Schicksal von Minderheiten beschreibt, die es ansonsten kaum je ins Hauptabendprogramm schaffen.

Die Kaste der Unberührbaren im Norden Indiens etwa. Viele von ihnen müssen wie Leibeigene in den Reisfeldern von Großgrundbesitzern schuften, können sich aber nicht einmal den Reis leisten, den sie selbst ernten. Sie müssen Ratten essen, die sie bei der Arbeit auf den Feldern erlegen. Zuerst wird das Fell abgesengt, dann wird das Tier auf offenem Feuer gegrillt. Das alles zeigt Stefan Gates, bevor er in die Ratte beißt. Sie schmecke überraschend zart, meint er, und alles andere als eklig und sei (wie so viele exotische Fleischsorten, Anm.) am ehesten mit Huhn zu vergleichen.

Koch-TV und politischer Reportage

Ab dann aber geht es kaum noch ums Essen, sondern um die obszönen wirtschaftlichen Vorteile, die manche aus der Aufrechterhaltung des Kastensystems in Indien ziehen. Diese einzigartige Verquickung von Koch-TV und politischer Reportage ist wohl auch der Grund, warum Gates soeben zur Berlinale eingeladen war - im Rahmen der Serie "Kulinarisches Kino". Das "Weltjournal" des ORF brachte bereits im Vorjahr die erste Staffel von "Cooking in the Danger Zone" (leider nicht in Zweikanalton), diesen Sommer ist die nächste eingeplant. Gates' Konzept, in den entlegensten Winkeln des Globus, bei bedrohten Völkern, Dschungelrebellen und zwischendurch auch wieder im Dickicht der Städte auf politisch-kulinarische Weltreise zu gehen, ist hochaktuelles, modernes Fernsehen, das den Zuschauer geschickt mit Sensationslust kitzelt, um ihm dann relevante Inhalte vorzusetzen.

Ein kulinarisches Abenteuer dieser Art kann wohl nur in England beginnen. Hier gibt es noch dieses Männlichkeitsideal eines unabhängigen Lebens am Rande der Zivilisation, und es gibt die öffentlich-rechtliche BBC, die zwar immer wieder Kritik einstecken muss, dabei aber doch einen untrüglichen Sinn für gute und wagemutige Fernsehformate an den Tag legt. Gerade auch bei Sendungen, die irgendwie unter die Rubrik "gute Küche" fallen. Stefan Gates fällt vermutlich im allerweitesten Sinn unter diese Kategorie. Er geht dorthin, wo es wehtut - zuerst dem Auge, dann dem Gaumen, manchmal dem ganzen Körper. In der Arktis assistiert er bei der Walross- und Belugawaljagd der Inuit; im Südseearchipel Tonga besucht er "die fetteste Nation der Welt" und testet ihren Speiseplan; im Goldenen Dreieck Burmas trifft er auf Rebellen gegen die Militärjunta, die ihre Ernährung nur aus dem bestreiten können, was sie im Dschungel vorfinden. Eine der packendsten Episoden spielt im Umland Tschernobyls, wo Gates das Essen der Bevölkerung auf Radioaktivität testet - und völlig jenseitige Belastungen feststellt. Dass er dennoch mit am Tisch Platz nimmt, ist für einen, dem das Schicksal der von ihm Gefilmten ganz augenscheinlich zu Herzen geht, selbstverständlich - natürlich auch, weil der danach durchgeführte Radioaktivitätstest im Labor schlicht sehr gutes Fernsehen ist.

Emotionale und moralische Bedeutung

Ganz uneitel schafft Gates es, seinen Spleens eine politische, ja eine existenzielle Ebene zu geben. Er interessiert sich für das Essen in seiner "emotionalen und moralischen Bedeutung für uns sterbliche Menschen". Von dieser Bedeutung ist im Supermarkt nicht so viel zu verspüren, deswegen macht Gates es sich zu seiner Aufgabe, zu den Ursprüngen einzelner Lebensmittel zu reisen. "Cooking in the Danger Zone" kümmert sich dabei nicht um Genregrenzen: politische Reportage, persönliches Survivalexperiment und Kochsendung gehen ineinander über. Der "Gastronaut" exponiert sich, er wagt sich in Gefahrenzonen wie Afghanistan und zu den Zapatisten im Süden Mexikos.

Zugleich tut Gates nie so, als wäre er ohne Team unterwegs. Er ist britischer Fernsehstar und Einzelgänger zugleich. So kommt er inzwischen bis nach Palästina oder in die Slums von Haiti, versucht aber auch, in Japan herauszufinden, ob es den vielbeschworenen fünften Geschmack, "umami", tatsächlich gibt (die Antwort bleibt eher offen). Längst ist der Gastronaut ein kleines Imperium geworden. Er schreibt Bücher ("Der Gastronaut" ist auch auf Deutsch erschienen, "In the Danger Zone" bisher nur auf Englisch) und Kolumnen, hat eine reichhaltige Website (http://thegastronaut.com, mit einer "weird food gallery" und kontroversen Rezepten), und verfolgt dabei konsequent seinen ganz eigenen Lebensplan. Mit seiner Frau, der Food-Fotografin Georgia Glynn Smith, und den beiden Kindern möchte er es bis 2020 geschafft haben, jedes erreichbare Nahrungsmittel der Erde einmal ausprobiert zu haben. Sollte es also hinter einer Tiroler Skihütte oder im Schilfgürtel des Neusiedler Sees, in den Teichen des Waldviertels oder in einem Kärntner Tal noch einen unentdeckten Wurm oder ein seltsames Schrot geben - eine E-Mail an den Gastronauten genügt. (Bert Rebhandl/Der Standard/rondo/22/02/2008)

  • Selbst ist der Mann:  Stefan Gates beim Melken  eines Kamels, das einer israelischarabischen Familie in der Negev-Wüste gehört.
    foto: marc perkins

    Selbst ist der Mann: Stefan Gates beim Melken eines Kamels, das einer israelischarabischen Familie in der Negev-Wüste gehört.

  • Die Karen-Rebellen im Nordosten Burmas können sich nur von Wild (hier: Zibetkatze) und Wildfrüchten ernähren - weil die Junta ihre Felder zerstört.
    foto: marc perkins

    Die Karen-Rebellen im Nordosten Burmas können sich nur von Wild (hier: Zibetkatze) und Wildfrüchten ernähren - weil die Junta ihre Felder zerstört.

  • Bei den Zapatisten in Chiapas dokumentierte Gates die verheerenden Auswirkungen des nordamerikanischen Freihandelsabkommens auf mexikanische Maisbauern.
    foto: alex mackintosh

    Bei den Zapatisten in Chiapas dokumentierte Gates die verheerenden Auswirkungen des nordamerikanischen Freihandelsabkommens auf mexikanische Maisbauern.

  • Im Sperrgebiet: Diese Frau lebt seit  20 Jahren von dem, was ihr Gemüsegarten bei Tschernobyl hergibt.  Hier testet Gates ihre Kohlsuppe mittels Geigerzähler.
    foto: marc perkins

    Im Sperrgebiet: Diese Frau lebt seit 20 Jahren von dem, was ihr Gemüsegarten bei Tschernobyl hergibt. Hier testet Gates ihre Kohlsuppe mittels Geigerzähler.

  • Gates' erstes Buch ist ein kulinarisches Abenteuer der überaus kurzweiligen Art. Wahnwitzige Rezepte wechseln mit ebenso amüsantem wie unnützem Wissen und Berichten über bedenkliche kulinarische Selbstversuche - etwa der forcierten Einnahme besonders blähend wirkender Lebensmittel.  
Stefan Gates: "Der Gastronaut". € 20,50 / S. 238, Gerstenberg 2006.
    foto: buchcover

    Gates' erstes Buch ist ein kulinarisches Abenteuer der überaus kurzweiligen Art. Wahnwitzige Rezepte wechseln mit ebenso amüsantem wie unnützem Wissen und Berichten über bedenkliche kulinarische Selbstversuche - etwa der forcierten Einnahme besonders blähend wirkender Lebensmittel.
    Stefan Gates: "Der Gastronaut". € 20,50 / S. 238, Gerstenberg 2006.

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