Gerhard Polt: "Ein Pranger, der ist immer gut!"

28. Februar 2008, 18:07
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Der 65-jährige bayerische Kabarettist, der ab Donnerstag viermal in Österreich gastiert, im Interview

... mit Christian Schachinger: über patscherte Menschen, Steuerhinterziehung und die problematische Abschaffung des katholischen Fegefeuers.


Standard: Herr Polt, anlässlich Ihres 65. Geburtstages 2007 gratulierte Ihnen der bayerische Kunstminister mit dem schönen Zitat: "Dass es dem Kabarettisten an Stoff auch künftig nicht mangeln wird, dafür sorgen wir schon – die Bayern und die Bayerische Staatsregierung." Fühlt man sich da als Kabarettist nicht leicht verzweifelt?

Polt: Nein, der Minister spricht natürlich pro domo, weil er meint, dass sich Kabarett ausschließlich mit politischen Figuren zu beschäftigen hat. Ich habe immer versucht, auf die Gesellschaft im Gesamten Bezug zu nehmen. Wenn ich weiß, was die Menschen denken, was in ihnen vorgeht, dann habe ich ein Gesellschaftsbild – und ich kann mir die politische Landschaft dazu gleich mitdenken.

Standard: Es geht Ihnen darum, Zeitphänomene hinsichtlich ihrer allgemeinen Gültigkeit zu verdichten?

Polt: Wenn Sie Leute fragen: Wie denken Sie drüber, wie verhalten Sie sich, was ist Ihre Zukunft, Ihre Vergangenheit, wie stehen Sie dazu? Das hat mich eigentlich immer mehr interessiert. Ich sag’s mal vorsichtig, ich habe unter Wissenschaftern, Journalisten und sonstigen Leuten, auch Arbeitern – woaß der Teifi! – oft die ergiebigeren Leute gefunden. Weil die sich auch nie in ein Licht rücken wollen.

Standard: 1982 haben Sie in Bayern für erheblichen Wirbel gesorgt mit einem Fernsehauftritt, der sich gegen den heute längst gebauten Rhein-Main-Donau-Kanal wendete. Wie geht man mit solchen Rückschlägen um? Lebt man altersmilde nach dem Motto: Früher war ich entsetzt, jetzt versuche ich mich darüber zu amüsieren?

Polt: Ist ja logisch, dass man, wenn man jung und unerfahren und möglicherweise in der Studentenbewegung aktiv ist und einen Druck in sich verspürt, glaubt, etwas unmittelbar verändern zu können. Jedes Jahrzehnt hat eine neue Regierung. Und dann verändert sich halt die Gesellschaft ein bisserl. Es gibt aber auch das Stabile im Menschen. Wenn ich mir zum Beispiel die Zeichnungen vom Wilhelm Busch anschaue, dann bin ich beruhigt, weil ich das Gefühl habe, die Situationen, die der zeichnet, die sind noch immer akut. Also, der Mensch hat sich nicht verändert. Meine eigene Sichtweise hat sich aber durch Wilhelm Busch erweitert. Gut beraten ist man, wenn man sich dem Veränderbaren wie auch dem Unveränderbaren zuneigen kann.

Standard: Wie Karl Valentin gesagt hat: "Es ist schon alles gesagt worden. Nur noch nicht von allen."

Polt: Ja, freilich. Man lernt sich über die Jahre selbst kennen. Man muss ja. Oft sind ja auch die eigenen Abgründe überraschend. Und es ist nicht nur erschreckend, das ist auch komisch! Komik kann trösten. Mir hat einmal ein Mensch nach einer Vorstellung ein Buch geschenkt, "Der Witz in Auschwitz". Da bin ich grad erschrocken. Dann habe ich aber sehr schnell kapiert, was er wollte. Dass Menschen sich in sehr schwierigen Situationen von ihrer verzweifelten Situation abzulenken versuchen. Wenn einem das gelingt, dann ist man bereichert.

Standard: "Jubiläum", ein alter Dialog, in dem Sie das Holocaust-Gedenken behandeln, da bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Scheut man vor solchen Tabus auch kurz einmal zurück?

Polt: Sie werden das auch auch kennen. Es gibt Menschen, die aus einer gewissen Naivität und Unschuld heraus etwas erzählen, das einen beinahe erschlägt, weil der Satz selber ungeheuerlich ist, aber man die Person, die ihn sagt, schwer verurteilen kann.

Standard: Ihre Figuren lernt man oft weniger als bösartig, sondern einfach als patschert, etwas deppert, aber nicht grundsätzlich ungut kennen.

Polt: Ja, nicht unsympathisch, worauf ich immer Wert lege! Wenn diese Bühnencharaktere von Haus aus als Ungustln dastehen, kann sich das Publikum sofort von ihnen distanzieren. Dann erreiche ich nicht viel. Der Sinn liegt eben darin, dass die Leute im Saal erschrecken: Oha, was sagt denn der da?! Es gibt eben Menschen, die umarmen einen, die sind nett, die wollen einem nur Gutes und sagen dann zum Teil Ungeheuerlichkeiten. Es hat aber eben auch eine gewisse Unschuld. Den raffinierten Kerl, den Zyniker trifft man ja nur selten.

Standard: Man kann Ihre Arbeit auch als relativ umfassende Ideengeschichte der letzten 30 Jahre lesen.

Polt: Man kann daraus durchaus Denkweisen ableiten, die auf ihre Art als Chronik funktionieren. Nur dass ich nicht auf Dokumentarisches Wert lege, sondern auf Absonderlichkeiten.

Standard: Sie haben noch nie das Thema Steuerhinterziehung behandelt. Obwohl diese doch als Volkssport gilt.

Polt: Sie meinen jetzt diese Liechtenstein-Sache. Natürlich gibt es Leute, die am Staat Millionen vorbeischwindeln. Aber es gibt auch Politiker, die Milliarden an Steuergeldern verbrennen. Da wird keiner fragen, ob die nicht eingesperrt gehören. Die allgemeine Moral ist nicht schlüssig. Von Fall zu Fall braucht man halt einen Pranger. Der ist immer gut! Die Leute echauffieren und amüsieren sich. Einer muss vielleicht sogar öffentlich beichten. Das ist Unterhaltung im besten Sinn.

Standard: Katholische Länder haben da natürlich bezüglich Schuld und Sühne mehr zu bieten als protestantische.

Polt: Das glaube ich auch! Das katholische Element ist mediterraner. Im Grunde genommen haben sie dort die bessere Küche und die bessere Unterhaltung. Also, die Protestanten müssen sich diesbezüglich anstrengen!

Standard: Berlusconi ist eine interessantere Figur ...

Polt: ... als der schwedische Außenminister!

Standard: Die katholische Kirche hat sich vom Konzept der Vorhölle verabschiedet. Ist das nicht fatal?

Polt: Dass es kein Fegefeuer mehr gibt, ist für einen Katholiken schon erstaunlich. Dass er da 2000 Jahre warten hat müssen, um das zu erfahren! Wenn man sich vorstellt, all die schönen Bilder von Hieronymus Bosch – und jetzt das! Ich habe von einem Theologen gehört, Hölle würde jetzt eine größere Entfernung zu Gott bedeuten. Na gut, wenn das so ist, dann ist keiner mehr da mit dem Dreizack, keiner zwickt einen mehr in den Hintern und es stinkt nicht mehr nach Schwefel. Die Kirche wird sich schwertun mit dem Begriff der Repressalien. Da sage ich doch auch: Ein bisserl weiter weg von Gott, das macht mir eigentlich nix aus! Eine schwierige Situation. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.2.2008)

Zur Person:
Gerhard Polt, 1942 in München geboren, wuchs als Ministrant im Wallfahrtsort Altötting auf. Der studierte Skandinavist, der heute am Schliersee lebt, zählt zu den Großen des Kabaretts. Bekannt wurde er auch im Fernsehen und Kino mit Arbeiten wie "Fast wia im richtigen Leben", "Man spricht deutsch" oder "Kehraus". Ab Donnerstag, 21. 2., gastiert der 65-Jährige in Wiener Neustadt, Klosterneuburg, Linz und St. Pölten. Mitte März tritt er zweimal am Wiener Burgtheater auf.

Link: www.biermoesl-blosn.de/polt

  • Gerhard Polt (65) im Interview: "Man lernt sich über die Jahre selbst kennen. Man muss ja. Oft überraschen einen die eigenen Abgründe. Und es ist nicht nur erschreckend, das ist auch komisch!"
    foto: dionys asenkerschbaumer

    Gerhard Polt (65) im Interview: "Man lernt sich über die Jahre selbst kennen. Man muss ja. Oft überraschen einen die eigenen Abgründe. Und es ist nicht nur erschreckend, das ist auch komisch!"

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