"Hoffnung, dass anders sein hip wird"

26. Februar 2008, 17:57
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Das Wiener AMS wendet sich verstärkt Migranten zu. Chefin Claudia Finster erklärt, warum erst jetzt - und wieso die Hoffnung auf den Frauen liegt

Wien - Das Wiener AMS wendet sich heuer verstärkt Menschen mit Migrationshintergrund zu. Warum erst jetzt, beantwortet die Wiener AMS-Chefin Claudia Finster im Gespräch mit derStandard.at so: "Wir haben 2005 Werkzeuge bekommen, um die Effizienz unserer Maßnahmen unter ausländischen Arbeitsuchenden besser überprüfen zu können. Es gab zwar so ein Gefühl, aber damit sind wir erst draufgekommen, dass etwas nicht funktioniert."

Nun hat man ein Bündel an Maßnahmen geschnürt, um die Sache konzertiert anzugehen. Investiert wurde unter anderem in die eigene Beratungskompetenz. Für die Mitarbeiter gab und gibt es eine Schulung im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen (so genanntes Diversity Management). Die Zusatzgelder aus der Bundesgeschäftsstelle wurden mit Bundesminister Martin Bartenstein ausgehandelt. 65 Millionen fließen heuer in die Förderung von Kursen. Insgesamt 11.500 Kursplätze stehen zur Verfügung, 2.500 mehr (plus 3,5 Millionen Euro) als im Jahr davor.

Schwerpunkt Frauen

Ein Schwerpunkt liegt heuer unter anderem auf Frauenförderung. Sie sollen auch für technische Berufe motiviert werden. Angeboten werden verschiedene Qualifikationsmaßnahmen, die sechs Monate, aber auch bis zu vier Jahre dauern können. Etwa die Programme FIT (Frauen in Handwerk und Technik) und MIT (Mädchen in Handwerk und Technik). "Wir setzen die Hoffnung auf Frauen, weil wir Männer deswegen nicht ausreichend motivieren können, weil sie oft Familienerhalter sind und mit dem Geld, das wir während der Ausbildung zahlen können, das nicht möglich ist", sagt Finster. Ein Drittel (37 Prozent) der Arbeitslosen insgesamt sind Frauen, die Ausgaben für die Förderung der weiblichen Kunden betrug im Vorjahr rund 45 Prozent, der Minister wünscht sich 50 Prozent.

"Wir hoffen, dass in Zukunft anders sein hip ist, momentan zeichnet sich das noch nicht so ab", setzt Finster auf andere Zeiten, besonders bei manchen Gruppen aus verschiedenen Ethnien. Zum Beispiel könnten viele türkische Frauen einen hohen Grad an Selbstbestimmtheit nur in bestimmten Bereichen umsetzen. Die Berufswelt gehört da nicht zwingend dazu. Trotzdem müssten diese Frauen offenbar einen Beitrag zum Haushaltseinkommen leisten, so Finster. Diese meist schlecht ausgebildeten Frauen unterzubringen, erfordere ein Bündel an Maßnahmen - schon um diese Gruppe zu erreichen: "Da müssen wir zum Beispiel über den Mann kommunizieren oder mit dem Sohn, vor allem, wenn die betroffenen Personen nicht Deutsch sprechen." Man könne manche Frauen nach der Ausbildung nicht einfach auf den Markt schicken, erläutert die AMS-Chefin: "Man muss sich zum Beispiel anschauen: Arbeiten in einem potenziellen Betrieb nur Männer? Oder: Wie sieht es mit der Kinderbetreuung aus."

In der Praxis

Migrantische AMS-Mitarbeiter gibt es laut Finster, aber nicht für jede Sprachgruppe, "da könnten wir die Versorgung nicht sicherstellen, denn wir haben es mit Massen zu tun." Die Sprachbarriere wird im Wesentlichen mit Englisch überbrückt. Für nur türkischsprachige Kunden muss dann vielleicht ein weiterer Termin mit einem Dolmetscher vereinbart werden. Mehrsprachiges Informationsmaterial darüber, wie ein Antrag zu stellen ist, steht etwa in serbokroatisch, türkisch und englisch zur Verfügung.

Auf Zahlen, was bei dem verstärkten Aufwand herauskommen soll, will man sich noch nicht festlegen, so Claudia Finster: "Die Ziele, die wir erreichen wollen, sind, dass wir intern besser qualifiziert sind. Jetzt sind wir ein Bauerngarten. Wenn wir gemeinsam zu einem Bild kommen, dann gibt es Zielvorgaben. Jetzt geht es darum, das Thema ernst zu nehmen, damit umzugehen, Maßnahmen umzusetzen, wir probieren aus. Bei uns ändert sich etwas, wir sind in Aufbruchstimmung." (Regina Bruckner)

Wissen
Insgesamt 77.723 Menschen waren Ende Jänner in Wien arbeitslos gemeldet, der Anteil an Ausländern lag bei 21.533 (27,7 Prozent). Das waren 2355 oder 9,9 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.
Beim Jugend-AMS wurde erstmals 2006 bei der Klientel nachgefragt, um genaueres über migrantische Hintergründe herauszufinden, vorher gab es keine entsprechenden Daten. Über 70 Prozent (rund zwei Drittel der 12.000 gemeldeten Jugendlichen unter 21) gaben an, Migrationshintergrund zu haben. Diese Gruppe lebt auch noch im Familienverband, 40 Prozent sprechen zu Hause die Sprache des Herkunftslandes. Was die Herkunftsländer betrifft, so ist das beim AMS für Jugendliche eine nach Nationalitäten bunt gemischte Gruppe, die von japanischem Hintergrund bis zum spanischen reicht.

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AMS Wien
  • "Es gab die Anforderung an das AMS nicht. Man hatte andere Brennpunkte am Arbeitsmarkt, Jugendarbeitslosigkeit, Altersarbeitslosigkeit, Jobs, die weggebrochen sind", rechtfertigt Claudia Finster den späten Start: "Bei uns ändert sich etwas, wir sind in Aufbruchstimmung."
    foto: bruckner

    "Es gab die Anforderung an das AMS nicht. Man hatte andere Brennpunkte am Arbeitsmarkt, Jugendarbeitslosigkeit, Altersarbeitslosigkeit, Jobs, die weggebrochen sind", rechtfertigt Claudia Finster den späten Start: "Bei uns ändert sich etwas, wir sind in Aufbruchstimmung."

  • "Jetzt bearbeiten wir das Thema ordentlich mit Deutschkursen, aufsuchender Vermittlung, wir haben uns mit Schulen verbrüdert, die Wirtschaftskammer ist aufgesprungen mit einem Mentoring-Projekt. Und der politische Wille ist dazugekommen" betont die Wiener AMS-Chefin.
    foto: bruckner

    "Jetzt bearbeiten wir das Thema ordentlich mit Deutschkursen, aufsuchender Vermittlung, wir haben uns mit Schulen verbrüdert, die Wirtschaftskammer ist aufgesprungen mit einem Mentoring-Projekt. Und der politische Wille ist dazugekommen" betont die Wiener AMS-Chefin.

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