Diese Kleidung ist Zucker

19. Februar 2008, 20:06
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Wissenschafter aus Dornbirn wollen aus Zuckermolekülen Fasern für Textilien entwickeln

Thomas Bechtold steht auf Zucker. Der Chef des Instituts für Textilchemie und Textilphysik in Dornbirn sieht darin weniger ein Süßungsmittel als vielmehr einen Stoff, aus dem man noch viel mehr machen könnte als kleine weiße Würfel. Funktionale Kleidung beispielsweise.

Die Zuneigung des Forschers Bechtold gilt den Polysacchariden, langkettigen Zuckermolekülen, die in der Natur überall vorkommen. In Form von Stärke dienen sie als Energiespeicher, in Form von Pektin oder Zellulose stellen sie die Gerüste dar, aus denen die Pflanzen aufgebaut sind. Verarbeitet werden sie in zahlreichen Industriezweigen: Die Textilindustrie webt Kleidung aus Viskose, einem Produkt aus Zellulose; die Lebensmittelindustrie mischt Pektine oder Stärke ins Essen, um Saucen oder Joghurts schön dick zu machen.

Seit Jahren erforscht Bechtold die Polysaccharide, denn gerade ihre vielfältigen Eigenschaften machen sie so interessant - aber kompliziert zugleich. "In den Molekülen gibt es Wasserstoffbrücken", sagt Bechtold, "die halten alles fest zusammen. Für die Natur ist das ziemlich günstig, für uns nicht so sehr." Nun wollen sich Wissenschafter aus ganz Europa vernetzen, um die Geheimnisse des Zuckermoleküls endgültig zu knacken.

Der Kerngedanke des Projektes Step: Shaping and Transformation in the Engineering of Polysaccharides: Wenn man beispielsweise die Eigenschaften von Zellulose erforscht - dann müsste das auch Rückschlüsse zulassen auf andere Polysaccharide. Diese Erkenntnis hat nun Industriebranchen zusammengebracht, die vorher kaum etwas miteinander zu tun hatten. Lebensmittel- und Textilienhersteller sind ebenso mit im Boot wie Universitäten aus ganz Europa. Sie wollen voneinander lernen.

In Österreich wäre die Textilindustrie der größte Nutznießer. Schließlich verweben die Kleidungshersteller hierzulande bevorzugt Viskose, die aus Zellulose hergestellt wird. Sie gilt als robust und wandlungsfähig, erzählt Wolfgang Zeyringer vom Verband der Textilindustrie. Gegenüber den Kunststofffasern - branchenintern abfällig "Chemiefasern" gescholten - verliert die Viskose zunehmend an Boden. "Chemiefasern sind billiger und können leichter verarbeitet werden", ärgert sich Zeyringer, "dabei hat Viskose eine viel höhere Qualität.

Polyester kann zum Beispiel kaum Feuchtigkeit aufnehmen und fühlt sich auf der Haut nicht so angenehm an." Er prophezeit, dass die Chemiefasern weltweit stetig Marktanteile gewinnen werden - sollte sich nichts ändern.

Schmelzen oder pressen

Diese Herausforderung haben Thomas Bechtold und seine Forscher angenommen. Seit sieben Jahren erforschen sie in einem Christian-Doppler-Labor in Dornbirn die Eigenschaften von Zellulose. "Wenn man die Zellulose endlich schmelzen könnte oder vielleicht in eine Form pressen, dann wäre das ein Riesenfortschritt", glaubt Bechtold. Dann könnte man nämlich Spezialtextilfasern herstellen mit genau den Eigenschaften, die ein Unternehmen benötigt: "Man könnte bei der Herstellung schon einstellen, ob ein Stoff das Wasser aufsaugen soll oder nicht."

Das Institut hat daher einen Förderantrag für Step koordiniert. Im Rahmen des Marie-Curie-Programms der Europäischen Union sollen dann vor allem junge Forscher gefördert werden, die das europaweite Wissen zu Polysacchariden zusammentragen und erweitern.

Wie realistisch die Hoffnungen sind? "Wir werden sicher brauchbare Resultate bekommen, aber ich möchte da nicht zu viel versprechen", wiegelt Bechtold ab. Das Projekt Step ist mittlerweile von der Europäischen Union zur Förderung empfohlen worden. Nun müssen die genauen Arbeitsaufgaben geplant und dann zur endgültigen Genehmigung vorgelegt werden. Bechtold hofft, dass bis Ende des Jahres die Fördergelder freigegeben werden, damit er sich weiter seiner Zuckerforschung widmen kann. (Jens Lang/DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2008)

  • In Dornbirn beforscht man Polysaccharide.
    foto: der standard

    In Dornbirn beforscht man Polysaccharide.

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