"Wenn jemand aus Schweden anruft ..."

19. Februar 2008, 19:52
1 Posting

Chemie-Nobelpreisträger Alan Heeger im STANDARD-Interview über das bescheidene Ziel, das Energieproblem der Welt zu lösen

Chemie-Nobelpreisträger Alan Heeger, einer der Väter der Kunststoffsolarzellen, war kürzlich in Linz bei einer Tagung über Fotovoltaik. Margarete Endl sprach mit ihm über neue technische Herausforderungen und das bescheidene Ziel, das Energieproblem der Welt zu lösen.

*****

Standard: Sie haben als Wissenschafter schon sehr viel erreicht, sind in einem Alter, in dem viele Menschen längst im Ruhestand sind. Was treibt Sie an?

Heeger: Ich sehe mich nicht nur als Wissenschafter. Ich bin an vier Unternehmen beteiligt, drei davon habe ich mitbegründet. Ich mache immer noch Forschung, weil es ganz einfach aufregend ist. Ich kann mir kaum eine andere Tätigkeit vorstellen, die mich so erfüllt. Und ich bin dabei auch extrem wettbewerbsorientiert.

Standard: Was wollen Sie noch tun? Man sagt, Sie wollen das weltweite Energieproblem zumindest in Ansätzen lösen?

Heeger: Das Problem, an dem wir forschen, hat sicher das Potenzial dazu. Wir entwickeln Solarzellen auf Polymerbasis. Derzeit arbeiten wir daran, den Wirkungsgrad und die Lebensdauer der Solarzellen noch zu erhöhen. Der Vorteil dieser Kunststoffsolarzellen ist, dass sie sehr billig produziert werden können. Sie haben ein geringes Gewicht, sind biegsam und flexibel. Sie sehen wie eine bedruckte Plastikfolie aus. Übrigens habe ich vor drei Wochen Muhammad Yunus getroffen ...

Standard: Yunus erhielt 2006 den Friedensnobelpreis für die Mikrokredit-Bewegung, die den Armen die Chance geben soll, ihre Probleme selbst zu lösen.

Heeger: Ja. Yunus hat einen kreativen Weg gefunden, arme Familien in Dörfern ohne Elektrizität mit Solarenergie zu versorgen. Die von ihm gegründete Grameen Bank gewährt einen Mikrokredit für den Kauf eines kleinen Solarmoduls. Derzeit haben eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu Elektrizität. Sie sind zu arm, um überhaupt etwas zu kaufen. Dieses Modell hilft den Menschen, ihr Leben zu verändern. Gleichzeitig ist es eine große Chance für die Solarenergie. Besonders für unsere Plastiksolarzellen, weil sie so kostengünstig produziert werden können. Ich sagte schon, dass ich sehr ehrgeizig bin. Bei der Plastik-Elektronik haben wir noch einige Herausforderungen zu bewältigen. Ich möchte hier der Erste sein, der es schafft. Wie gesagt: Es geht darum, die Lebensdauer der Solarzellen zu erhöhen.

Standard: Sie nehmen hier an einer Tagung über organische Fotovoltaik teil. Sie selbst haben Fotovoltaik auf Polymerbasis entwickelt. Bisher dominiert die Fotovoltaik auf Siliziumbasis. Werden beide Technologien in 30 Jahren angewandt werden, oder wird sich eine durchsetzen?

Heeger: Das ist noch nicht klar. Entscheidend werden die Kosten und die Lebensdauer der Solarzellen sein. Vielleicht wird die Silizium- Fotovoltaik-Industrie gewinnen und ein Multimilliardengeschäft werden. Doch selbst wenn sich herausstellt, dass Polymer-Solarzellen nur für spezielle Anwendungen eingesetzt werden, sind sie nützlich.

Standard: Spürt man Konkurrenz während der Tagung?

Heeger: Wissenschafter sind Menschen, genau wie alle anderen. Wir sind konkurrenzorientiert. Man fällt dem anderen nicht in den Rücken, aber natürlich gibt es einen Wettbewerb untereinander.

Standard: Welche Rolle spielen Eitelkeit und Neid im Wissenschaftsbetrieb?

Heeger: Wissenschafter wollen Erfolg haben. Das ist nichts Negatives, auch wenn man das viele Jahre so darzustellen versuchte. Im Geschäftsleben gibt es sicher Situationen, wo jemand einem anderen schaden will, ihn rausdrängen will. Ich glaube nicht, dass das in der Wissenschaft auch passiert. Aber natürlich behalten einige ihre Entwicklungen geheim, um als Erste ans Ziel zu gelangen. Natürlich trachtet jeder danach, in den besten Wissenschaftsjournalen zu publizieren. Diese Arbeiten werden vorher evaluiert. Es wird selten vorkommen, dass jemand auf einem Manuskript sitzenbleibt, ohne zu antworten, um jemandem absichtlich zu schaden. Aber passieren kann es natürlich. Die Konkurrenz ist relativ groß.

Standard: Inwieweit hat der Nobelpreis Ihr Leben verändert?

Heeger: Ich bekomme viele Einladungen, und viele hochqualifizierte Leute wollen mit mir arbeiten. Doch ich war immer schon mit guten Mitarbeitern gesegnet. Von meinen Kollegen werde ich nicht anders als vorher behandelt. Wir sind eine spezielle Universität: Wir haben fünf Nobelpreisträger. Sicher ist es nun leichter, Forschungsgelder zu bekommen. Vor allem habe ich die Gelegenheit genutzt, etwas gänzlich Neues zu lernen. Als ich den Preis bekam, dachte ich mir: Mach einmal etwas anderes. Also habe ich Biologie gelernt und mache nun Forschung in dem Bereich. Das ist interessant und macht mir sehr viel Freude.

Standard: Haben Sie 2000 erwartet, den Nobelpreis zu bekommen?

Heeger: Einige Leute spekulierten bereits um 1990 herum, dass es eines Tages passieren würde. Doch nichts geschah. Jedes Jahr gab es Gerüchte. 1998 - ich war gerade auf einer Konferenz in Japan - rief der Veranstalter am Tag vor der Bekanntgabe des Nobelpreises sogar die ganze Presse zusammen. Und nichts geschah. Da dachte ich mir: Zur Hölle damit. Als dann das Telefon an jenem Tag im Oktober 2000 um sechs Uhr morgens läutete, war ich überrascht. Aber auch nicht. Meiner Frau hatte ich gesagt: Wenn jemand aus Schweden anruft, leg bitte bloß nicht den Hörer auf. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2008)

Links Zur Person

Alan J. Heeger (72), geboren in Sioux in Iowa, ist Physiker und Chemiker. Er ist Professor an der University of California in Santa Barbara. Im Jahr 2000 erhielt Heeger den Nobelpreis für Chemie, gemeinsam mit Alan G. MacDiarmid und Hideki Shirakawa. Wie zumeist ist der Nobelpreis auch hier eine verspätete Anerkennung für Forschungsarbeit gewesen: Die drei Wissenschafter hatten Mitte der 1970er-Jahre entdeckt, dass es elektrisch leitfähige Kunststoffe gibt.

Die praktischen Anwendungen liegen in gedruckter Elektronik. Integrierte Schaltungen können preisgünstig mit dem Tintenstrahldrucker gedruckt werden. In den frühen 1990er-Jahren entdeckten Heeger und sein Team die Möglichkeit, Solarzellen aus Kunststoffen zu erzeugen. Diese Technologie wird derzeit mit dem Unternehmen Konarka in Boston, Linz und Nürnberg kommerziell genutzt. Heeger ist verheiratet und hat zwei Söhne. (me)
  • Alan Heeger bei seinem Besuch am Campus der Johann-Kepler-Universität. Er will auch mit 72 nicht mit der Forschung aufhören: "Ich kann mir kaum eine Tätigkeit vorstellen, die mich so erfüllt."
    foto: der standard/habitzl

    Alan Heeger bei seinem Besuch am Campus der Johann-Kepler-Universität. Er will auch mit 72 nicht mit der Forschung aufhören: "Ich kann mir kaum eine Tätigkeit vorstellen, die mich so erfüllt."

Share if you care.