"Tod, Leben und vielleicht Liebe"

19. Februar 2008, 19:42
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Politologe Herbert Gottweis im STANDARD-Interview: Sozialwissenschaft kann helfen Ängste in die Forschung abzubauen

Die Sozialwissenschaft erfüllt in den Biobankenprojekten eine eigene Rolle: Sie kann helfen, gesellschaftliche Überlegungen und Ängste in die Forschung einzubauen, sagt der Politologe Herbert Gottweis zu András Szigetvari.

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STANDARD: Welche Rolle spielt die Politikwissenschaft bei Biobanken?

Gottweis: Aus sozialwissenschaftlicher Sicht gibt es eine empirische Perspektive. Wir untersuchen weltweit Biobanken, sehen uns an, wie sie aufgebaut werden. In unserer Forschungsgruppe, Life-Sience-Governance, wollen wir darüber hinausgehen und nicht nur Forschung im Kämmerlein machen, sondern aktiv mit unseren Forschungssubjekten interagieren. Nicht indem wir ihnen sagen: Das ist falsch und das ist richtig. Sondern in einem Dialog.

Den Naturwissenschaften wird oft vorgeworfen, dass sie über die Gesellschaft drüberfahren. Naturwissenschafter kommen mit tollen Projekten, sagen, das sei die Zukunft, während die Gesellschaft noch nicht bereit ist. Oft werden so Dinge übersehen, die zu riesigen Konflikten führen. Die Aufgabe des Sozialwissenschafters ist es also nicht, Akzeptanz zu schaffen, sondern einen Moment gesellschaftlicher Reflexion einzubringen.

STANDARD: Sie bekommen hohe Fördergelder für Ihre Forschung.

Gottweis: Die Situation schaut sicher gut aus. In dem Bereich Life-Sciences passiert ja auch unglaublich viel Spannendes. Da kristallisiert sich viel heraus, was heute in der Gesellschaft passiert. Wohin gehen wir? Wer sind wir? All diese großen Fragen, die die Sozial- und Geisteswissenschaften immer beschäftigt haben, werden heute in den Lebenswissenschaften neu gestellt. Unsere große Frage in der Forschungsgruppe ist ja auch das Regieren von Tod und Leben. Und das sind - egal ob in der Antike oder der klassischen Literatur - die großen Themen: Tod, Leben und vielleicht noch die Liebe.

STANDARD: In den Biobankdebatten geht es oft um Datenschutz, selten darum, ob sie überhaupt sinnvoll sind.

Gottweis: Nicht nur Datenschutz, wichtig sind auch Fragen der Patientenautonomie und der Zustimmung der Spender zur Forschung. Was Sie aber da natürlich sehen, ist, dass Naturwissenschafter oft so von ihrer Arbeit überzeugt sind, dass sie gar nicht mehr darüber reden. Die Grundüberlegung ist, dass bei großen medizinischen Problemen von Alzheimer bis Parkinson die meisten Medikamente bei 40 bis 50 Prozent der Patienten nicht funktionieren.

Also soll eine neue Generation von Medikamenten und Therapien geschaffen werden, die quasi maßgeschneidert werden. Das ist, auch wenn es noch Zukunftsmusik ist, was bei vielen Biobankenprojekten dahintersteckt.

STANDARD: Verstärken Biobanken durch die zugänglichen Infos nicht auch die Angst vor Krankheiten?

Gottweis: Sie können sich schon heute mit einem Wattebausch durch den Mund fahren, diesen an eine Firma einschicken und eine Humangenomanalyse für 1000 Euro bekommen, wo Ihnen gesagt wird, wo ihre Gefährdungen liegen. So etwas sollte man nicht machen, weil es da keine Beratung gibt. Natürlich stellt sich die Frage, was wir überhaupt wissen wollen. Andererseits können wir mit Biobanken bestimmte Infos gewinnen, und soweit wir wissen, sind die Leute daran interessiert. Die Menschen erwarten eine immer bessere medizinische Versorgung, die Überdrüberbetreuung. Unter diesem Druck steht das medizinische System. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.2.2008)

Zur Person
Herbert Gottweis (50) unterrichtet Politikwissenschaft an der Universität Wien und leitet die Forschungsgruppe Life-Sience-Governance.
  • Herbert Gottweis.
    foto: der standard/urban

    Herbert Gottweis.

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