
Robert Dornhelm inszeniert nach "Krieg und Frieden" "La Bohème".

Und jetzt bitte weniger Overacting mit den Augenbrauen: Rolando Villazón und Anna Netrebko beim Dreh zu "La Bohème".
Während dieser Tage das gleißende Licht der Medienöffentlichkeit auf die Dreharbeiten in den Wiener Rosenhügel-Studios und auf die Stars von Robert Dornhelms Bohème-Verfilmung gerichtet ist, haben wir uns auf die ungewöhnlicheren Details konzentriert – und beginnen also an den mindestens ebenso illustren Rändern.
Am Rand der Pressekonferenz am Dienstagabend saß zum Beispiel ein weißhaariger Herr mit buschigem Schnurrbart. Der Schnurrbart war aufgeklebt, und der Herr ist, wie Bohème-Koproduzent Jan Mojto gut gelaunt zum Besten gab, "angeblich Leiter einer großen Wiener Kulturinstitution". Da musste sogar der Herr, er heißt Ioan Holender, lachen. Vorher war er sich vielleicht ein bisschen allzu unbemerkt vorgekommen.
Der Staatsoperndirektor saß jedenfalls da am Rand, mit aufgeklebtem Schnurrbart, weil er im Film den Staatsherrn Arcidoro spielt. Das heißt: Holender bewegt, während er "singt", die Lippen zum Originalgesang von Tiziano Bracci (die Tonspur des Films stammt von einer konzertanten Bohème-Aufführung aus dem April vergangenen Jahres). Und als die Journalisten endlich auch von ihm etwas wissen wollen, sagt er, dass er "viel gelernt" hat.
"Verschwendung!"
"Oper und Film", so Holender, "haben nichts miteinander zu tun". Dass er dabei wesentliche Ähnlichkeiten zwischen den beiden Gesamtkunst-Formen, etwa im durch und durch artifiziellen Aufbau von Emotion, unterschlägt: Nein, es kümmert ihn nicht. Wichtiger scheint dem ewigen "Sparmeister" (so sein Cousin Dornhelm: "Mir hat er einmal einen Pensionistenfahrschein geschenkt!"), dass er am Set mit unfassbar opulenter "Verschwendung" konfrontiert war.
Das Essen, das da gefilmt werde, zum Beispiel, so Holender, "ist echt"! "Für jede neue Einstellung wurde erneut Fisch serviert!" Rolando Villazón habe im Lauf des Drehs so viel Fisch gegessen, "dass er irgendwann erbrechen musste"! Dass es laut Villazón zu viel Ente war, tut nichts zur Sache. Entscheidend ist Ioan Holenders Fazit: "Was hier entsteht, ist etwas Eigenes. Es ist kein wirklicher Film, es ist keine Oper ..." An dieser Stelle hätte man ihn wegen geschäftsschädigender Aussagen wohl bei jeder anderen internationalen Pressekonferenz am aufgeklebten Schnurrbart aus dem Raum gezogen.
Aber hier ist nicht "international", hier ist Wien und hier kann selbst ein Regisseur wie Robert Dornhelm in einem Ambiente, das an Josefstadt-Inszenierungen der frühen 50er-Jahre erinnert, sagen: "Man kann Oper nicht realistisch verfilmen. Oper ist artifiziell." Gut, Film ist es, wenn man zum Beispiel nie Kinomusicals gesehen hat, offenbar nicht, aber insgesamt, so Dornhelm im Presseheft, geht es bei dieser Bohème ohnehin nur um eines: "Ich will den Sängern Netrebko und Villazón ein Denkmal setzen."
Zurückgebeamt
In solchen Momenten fühlte man sich bei diesem Setbesuch zurückgebeamt ins 19. Jahrhundert. Eine Pressekonferenz mit erzkonservativen Hollywoodstars wie, sagen wir einmal: Tom Cruise oder Mel Gibson wären dagegen geradezu Avantgarde. Zeitgenössisch ist an diesem Abend lediglich die Tatsache, dass rührige Presseagenten bewährte Methoden exekutieren, damit möglichst viele Medien in möglichst kurzer Zeit zu einer "Geschichte" kommen.
Und jetzt sitzen da also im 15- bis 20-Minuten-Abstand jeweils acht bis zehn Journalisten Frau Netrebko sowie den Herren Villazón und Dornhelm gegenüber, und sie können nachher schreiben, was sie schon vorher ahnten, dass sie hören würden.
Erstens: die Dreharbeiten – die reinste Freude!
Zweitens: Für die Kamera spielen und auf der Bühne spielen, das ist, wenig überraschend, ein großer Unterschied! Netrebko: "Ich musste lernen, mit weniger exaltierten Gesichtszügen zu singen. Anfangs waren wir wirklich geschockt, wenn wir die Aufnahmen unserer Gesichter und unserer Gesten sahen." Villazón, in Anspielung auf sein Gesicht: "Ja, meine Augenbrauen betreiben definitiv Overacting."
Drittens: Sehen die Sänger eine Zukunft als Kinostars? Netrebko: "Eher nicht. Ich sehe mich nicht als Schauspielerin. Da müsste mich ein Projekt oder ein Regisseur schon sehr interessieren." Villazón: "Na ja, wenn man mir eine Komödie anbietet ..." Dornhelm: "Ich würde ihn sofort als leading actor besetzen. Er ist der geborene Tragöde." Die beste Frage und die beste Antwort: "Was ist der Unterschied zwischen einem Tod auf der Leinwand und dem Sterben auf der Bühne?" Netrebko: "Der ist nicht so groß. Es dauert immer 15 Minuten."
In so einem Satz schimmert immerhin etwas durch von einem Professionalismus, einem Handwerk, einem Expertentum in Sachen kondensierter Emotion, über das man von solchen Stars gerne mehr erfahren würde. In Wien hingegen beschränkte man sich bei diesem PR-Termin eher auf das übliche Schwärmen über die angebliche "Weltstadt der Musik" (Co-Produzent Kurt Mrkwicka); oder man erging sich in Vermutungen darüber, wie sehr sich Anna Netrebko gewünscht hat, dass Ioan Holender eine Nebenrolle übernimmt.
"Wie geht es Ihnen mit der Mineralwasser-PR für Ihr Baby?" Nein, diese Frage hat gottlob doch niemand gestellt, an einem Abend, an dem eine für hiesige Verhältnisse wichtige Großproduktion beträchtlich unterverkauft wurde. (Claus Philipp, DER STANDARD/Printausgabe, 20.02.2008)
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La Boheme ist eine sehr traurige, dramatische und - für mich - sehr schöne Oper. Warum ausgerechnet Netrebko mit ihrer dumpfen Stimme die Mimi verkörpern soll, hat wohl rein wirtschaftliche als künstlerische Begründungen. Ihre Stimme passt so absolut nicht zu der Rolle eines jungen Mädchens.
Abgesehen davon scheint die Inszenierung auch ein bisserl "eigenartig" zu sein. Auf dem Bild oben wirkt die arme, von Krankheit gezeichnete Mimi (eigentlich ja Lucia) eher wie eine vollgeschminkte Karrierefrau, die einen Künstler besucht!!!
Auch so kann man gute Oper zerstören :(((
...das ist total absurd. Weder ist die Stimme der Netrebko "dumpf", noch für die Mimì ungeeignet - ganz im Gegenteil, die Mimì ist derzeit eine ideale Rolle für sie. Seit zwei Jahren sage ich zum Thema Netrebko ständig, was sie jetzt singen müsste, ist: Liù, Mimì, Desdemona, Amelia Grimaldi - und nicht Elvira, nicht Amina, auch nicht mehr wirklich Violetta. Sie geht halt den Weg der Toti dal Monte oder der Freni und entwickelt sich von einem Koloratursopran (auch sie war, wie die beiden anderen, eh nie ein ganz echter, deswegen ja diese Entwicklung) zu einem lyrischen, und an der dal Monte sieht man, was passiert, wenn man diesen Fachwechsel verschläft. Mimì ist für so eine Stimme ideal, das wiederum sieht man der Freni.
die Violetta ist natürlich eine Grenzpartie. Deswegen hab' ich ja auch schön vorsichtig "nicht mehr wirklich" geschrieben. Es ist ja durchaus noch sehr gut, aber mir hat's halt vor etlichen Jahren von der Netrebko besser gefallen, so wie für mich auch die Freni nur Mitte 60er Jahre eine Violetta war, und schon in dem TV-Film mit Bonisolli überzeugt sie mich nicht mehr wirklich. Aber das sind dann natürlich schon Geschmacksdetails.
...nicht bezüglich Freni, sondern bezüglich Netrebko: nicht vom warmen, dunklen Timbre irreführen lassen! Das ist absolut keine dramatische Stimme - eine Gioconda oder zwei Toscas, und sie hat einen Stimmschaden fürs Leben. Das dauert noch mindestens zehn Jahre, bis sie bei solchen Partien angelangt ist. (Und übrigens: die Violetta bei ihrem Wien-Debüt war einfach grandios. Bei der Salzburger Hype-Produktion immer noch sehr gut, aber doch schon deutlich schwächer und nicht mehr als grandios zu werten. Und inzwischen sind wieder ein paar Jahre vergangen...)
Dazu ein Regisseur, der unumwunden zugibt, mit dem Metier Oper nichts anfangen zu können..... Es bleibt bei Zeffirelli und der Karajan-Boheme. Das ist die endgültige Interpretation wo sich die Spielfreude der Sänger ins Publikum überträgt und bei Marcellos 'corragio' kein Auge trocken bleibt. (Und das Beste, man weiß, daß es genauso gut 'life' über die Rampe kam !)
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