Schlimmer als "die Eislaufmuttis"

26. Februar 2008, 15:48
76 Postings

MTV-Dating-Shows machen aus Partner- wahl eine Familiensache - Gunkl, "Experte für eh alles", und eine Psychotherapeutin analysieren "Parental Control"

Wien - Der SchülerStandard lud den "Experten für eh alles" und Kabarettisten Günther Paal alias "Gunkl" und die Psychotherapeutin Andrea Scheutz zur Vorführung einer Folge der MTV-Sendung "Parental Control" ein. Szene für Szene wurde die Sendung analysiert und kritisiert. Es folgt ein Stück in fünf Szenen.

1. Szene: Die Vorstellung

Die Eltern präsentieren ihre Tochter Torrey. Sie sind unzufrieden mit ihrem Freund David und wollen daher nur eines: ihn loswerden. Zwei Auserwählte sollen für Torrey geeigneter sein, mit diesen wird sie auf Dates geschickt. Den Verlauf dieser Treffen verfolgen die Eltern mit David am Fernseher.

SchülerStandard: Wie lautet Ihr erster Eindruck?

Scheutz: Mir fällt nur "voll bescheuert" ein.

Paal: Unsinnig, ein breitbandiges, kategorisches Missverständnis. Es gibt im Menschenleben eine Phase, in der ein operatives "Nein" zum Zentrum der Ich-Statuierung wird. In der Pubertät ist der Mensch sehr dazu geneigt, auf Gröblichste zu verletzen, was die Parental-Generation von ihm erwartet, einfach damit er weiß, "das sind die und ich bin ich". Der Widerspruch ist das Mittel der ersten Wahl.

SchülerStandard: Also wird durch solche Sendungen die Entwicklung des eigenen Ichs gestört?

Paal: Die Entwicklung des eigenen Ichs ist ein so hochdramatischer Prozess, es wird der Malstrom (norwegischer Gezeitenstrom; Anm.) nicht gestört, wenn man einen Ast hineinhält, und es ist blöd anzunehmen, man könnte damit etwas bewirken.

Scheutz: Die Eltern bringen sie in einen Konflikt. Es ist völlig pervers, diesen jungen Mann zuschauen zu lassen.

Paal: Da sind wir bei der moralischen Keule angelangt, die aus dem tausendjährigen Wald geschlagen werden und unbearbeitet draufgedroschen werden muss. Diese unpackbare Unverfrorenheit, dieses Wissen zu haben, in welche Wunde man da den stinkigen Finger bohrt, zu wissen, dass das, was man da macht, hochgradig verwerflich ist, weil dieser Mensch leidet.

2. Szene: Die Auswahl

Torrey und ihr Freund werden gezeigt. Er lässt sich von ihr bedienen: Sie trägt den Picknick-Korb, sie fährt das Auto. David wedelt vor seiner Freundin, einer strikten Vegetarierin, mit einem Stück Fleisch. Die Eltern beschimpfen den nun auf derselben Couch sitzenden David. Dann folgen Vorstellungsgespräche bei Torreys Mutter und Vater. Sie wählen aus mehreren jeweils ihren Favoriten aus.

Paal: Die operative Trennung von Privatem und Öffentlichem ist ein Kulturgut, das wird hier radikal ruiniert. Tabus zu brechen ist lieb, aber im Bauschutt herumzukratzen bringt niemandem mehr etwas. Dass man da jemanden schlachtet und auf dem Schutt bluten lässt, damit es ärger ausschaut, als wir es eh schon gewohnt sind, will ich weder sehen noch in der Welt haben.

Scheutz: Was mich irritiert: Warum macht das Mädchen mit, wieso macht der Bursche mit, wieso lassen sich die beiden so weit bringen teilzunehmen? Also, was ist da der Hintergrund, wie stark sind die Abhängigkeiten?

Paal: Das sind diese transpersonalen Konzepte, dieses "Wenn ich gesehen werde, bin ich, und wenn ich auf MTV bin, gibt's mich wirklich".

SchülerStandard: Um zur Auswahl der Dates zu kommen: In manchen Folgen fragen Eltern sogar nach der Jungfräulichkeit der Kandidaten. Wie weit sollten Eltern gehen dürfen?

Paal: Ja, gar nicht. Dass der da sitzt, ist ein Fehler. Die Situation ist in sich komplett neben der Mütze.

Scheutz: Der Typ, den sie für die Tochter ausgesucht hat, so sagt die Mutter, ist "total sexy". Das ist gestört, denn es geht um die Erfüllung ihrer Wünsche und nicht die ihrer Tochter.

Paal: Dass die Mutter einen für sich aussucht, das geht ja noch eine Stufe weiter als bei den Eislaufmuttis. Die, die es selbst nicht an die Weltspitze geschafft haben. Oder die Väter, die Fußballhelden werden wollten, und das Kind hat dann den Traum zu erfüllen.

Scheutz: Ein ganz großes Problem ist heute die Mutter-Tochter-Eifersucht. Also, dass die Mutter eifersüchtig auf die Schönheit der Tochter ist.

3. Szene: Das erste Date

Torrey wird vom ersten Kandidaten abgeholt. Er hat sich einen Schönheitssalon fürs erste Date ausgesucht. Sie unterziehen sich einer Pediküre. Zuerst lackiert er Torreys Fußnägel, dann wird getauscht. Als er seine Füße "freilegt", wird deutlich, dass an der Fußoberseite des Kandidaten eine kräftige Behaarung sprießt. Die Eltern, die das Spektakel mit David live beobachten, finden seine Idee süß, und auch die Behaarung schreckt sie nicht ab. David hingegen lästert. "Piep"-Töne zensieren seine Flüche.

Paal: Zu dem Haarwuchs auf den Füßen: Wenn du das hast, bist du in jeder Freak-Show die Attraktion, das wird dann nach dir benannt, dieses Syndrom. Die Intimsphäre geben wir beim Vorspann ab. Wir zertrampeln die Intimsphäre, soweit sie noch in Spuren vorhanden ist.

Da schaut die Kamera zu bei diesem gemütsbehinderten Porno. Die sind wirklich am Boden, es geht nicht tiefer, und dann sagt einer "Fuck" und es wird zensiert? Welche Ordnung ist gefährdet wenn einer "Fuck" sagt, während er dem andern schon bis zum Knie im Hintern steckt?

Scheutz: Außerdem ist es wie bei all diesen Sendungen, wo es darum geht "Wer ist besser?", "Wer ist stärker?", ein Zurückgehen auf das Darwin-Prinzip, wo wir doch, was Humanität betrifft, schon ein bisschen weiter sind.

4. Szene: Das zweite Date

Der zweite Kandidat nimmt Torrey für sein Date mit in die Eislaufhalle. Hier werden motorisierte Gummireifen bestiegen, mit welchen die beiden über das Eis jagen. Es gibt mehrere Kollisionen, einmal vom Kandidaten kommentiert mit: "Ich ramm' dich von hinten." David ist geschockt, die Eltern lässt das unberührt. Zuletzt bekommt Torrey noch einen Scherenschnitt mit Sprüchen geschenkt, welcher nach Torreys Ankunft daheim sofort von David zerlegt wird.

Paal: Hier wird ein Frauenbild behandelt, das wir seit den 60ern hinter uns gebracht haben.

Scheutz: Der Date-Partner wird als jemand Toller von den Eltern vorgestellt, und dann gibt er sexistische Meldungen wie "Ich ramm' dich von hinten" von sich. Wenn mir oder meiner Tochter das jemand beim ersten Date sagt ...

Paal: Das kann man für gar nichts nehmen. Als Alternative zu einer Kiefereiterung oder zu drei Monaten nackt am Flughafen von Anchorage stehen und die russische Hymne singen vielleicht. Da kann man darüber nachdenken, was klüger ist. Aber sonst ist es für überhaupt nichts.

5. Szene: Die Entscheidung

Torrey hat die Wahl. Sie kann bei ihrem Freund bleiben oder einen der beiden Kandidaten wählen. Zuerst eliminiert sie das zweite Date, er sei ihr zu "kumpelhaft". Dann kommt die endgültige Entscheidung. Torrey zählt Vor- und Nachteile beider auf. Ein tiefer Ton verstärkt die Euphorie des Zuschauers. Torrey blickt alle an und entscheidet sich für ...

Paal: Ich würde gerne von hier weggehen, ohne dass wir das weiterrennen lassen. Es interessiert mich radikal nicht. Einen von den zwei Wurschteln wird sie nehmen, und sie wird ihn nächstes Jahr wieder auf den Markt schmeißen, oder mit ihm viele kleine Trash-Kinder zeugen, die genauso Voll- Pleampln sind wie offenbar Generationen all derer, die beim Kielholen auf der "Mayflower" hängen geblieben sind, oder irgendwie sich im Uferschlamm der Ostküste Amerikas als präbiotische Unbuchteln offenbar doch an Land gerettet haben und jetzt diesen Populationsschrott darstellen.

SchülerStandard: Tragen die Seher solcher Formate die Verantwortung?

Scheutz: Es ist nie die Schuld von denen, die es anschauen, vor allem bei Jugendlichen nicht, sondern von denen, die so eine Welt verkaufen. Ich glaube, dass viel mehr passieren muss, was Medienerziehung betrifft. Das, was wir im Fernsehen immer wieder sehen, erscheint uns als normal. Wir stumpfen einfach ab. Das Zur-Schau-Stellen, das Sexistische ist der Wahnsinn daran. Die Tochter wird angepriesen als Ware und nicht als Mensch.

Paal: Dass es irgendetwas gibt, was nur zwei Menschen und sonst niemanden etwas angeht, wird durch so etwas zunehmend ruiniert oder abgeschafft. Wenn man 20 Jahre lang solche Sendungen macht, kann man diese nicht mehr machen, weil es die Verletzung der Intimität, die hier der Motor ist, nicht mehr gibt, denn die Intimität ist nicht nur tot, sondern längst verrottet, längst Humus. (Sara Mansour Fallah, Sebastian Kraner/DER STANDARD Printausgabe, 26. Februar 2008)

Zu den Personen
Andrea Scheutz (geb. 1961) unterrichtete vorerst als AHS-Lehrerin, später wechselte sie in den Bereich der Psychotherapie. 1997 begründete sie das Institut "Frauensache" mit, wo die zweifache Mutter heute als Supervisorin und Focusing-Begleiterin tätig ist.

Günther Paal alias Gunkl (geb. 1962) begann als gelernter Saxofonist 1993 in der Band Alfred Dorfers, mit dem er heute noch in der Sendung "Dorfers Donnerstalk" - als "Experte für eh alles" - auftritt.

Parental Control
Bei "Parental Control" begeben sich Eltern auf die Suche nach einem Ersatz für den Partner ihres Kindes, in diesem Fall Torrey. Dem Favoriten des Vaters und der Mutter steht jeweils ein Date zu. Gemeinsam mit den Eltern verfolgt der jetzige Partner David den Verlauf per Fernsehübertragung. Die letzte Entscheidung trifft Torrey.

Ähnlich ist auch die MTV-Sendung "Date my Mom", bei der drei Mütter ihre Töchter bei Dates vertreten. Die Männer entscheiden sich anhand deren Aussagen für eine der Töchter.

Torrey ist brünett, schlank und eine überzeugte Vegetarierin.

Die Eltern sind zwei Amerikaner der Mittelschicht. Torrey ist ihr einziges Kind.

David ist Afroamerikaner. Er wird als arrogant und Antivegetarier beschrieben.

Kandidat 1 ist der Auserwählte der Mutter und letztendlich Gewinner.

Kandidat 2 ist die Wahl des Vaters, entspricht aber, mit vulgären Sprüchen, nicht der klassisch elterlichen Vorstellung.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Ein ganz großes Problem ist, dass heute die Mutter eifersüchtig auf die Schönheit der Tochter ist", sagt Andrea Scheutz.

  • "Tabus zu brechen ist lieb, aber im Bauschutt herumzukratzen bringt niemandem mehr etwas." - Günther Paal und Andrea Scheutz.
    foto: standard/cremer

    "Tabus zu brechen ist lieb, aber im Bauschutt herumzukratzen bringt niemandem mehr etwas." - Günther Paal und Andrea Scheutz.

Share if you care.