Konzept für Natürlichkeit

20. Februar 2008, 16:59
1 Posting

In Bad Birnbach wurde von Anfang an Wert gelegt auf eine durchdachte Bebauung und den Erhalt der Natur rund um die "Rottal Terme"

Bereits 1939 haben die Nazis in Birnbach in Bayern auf der Suche nach dem schwarzen Gold, das sie für ihren Krieg so dringend gebraucht hätten, in die Tiefe gegraben. Anstatt auf das erhoffte Öl, stießen sie jedoch "nur" auf 70 Grad heißes Wasser, für das sie keinerlei Verwendung hatten und so das Bohrloch schnell wieder verschlossen, den riesigen Bohrturm abmontierten und Birnbach blieb bis auf Weiteres sich selbst überließen.

In der Tiefe liegt die Heilkraft

Erst 1973 wagte man sich ein zweites Mal in die Tiefe, und dieses Mal wusste man die kristallklare Flüssigkeit zu schätzen. Aus 1.618 Metern Tiefe ergießen seither sieben Liter pro Sekunde des bis zu 70 Grad heißen Wassers an die Oberfläche. Heute schlummern drei Marmorlöwen an der Quelle und bewachen das Blubbern, das aus dem Bauch der Erde an die Oberfläche steigt. Und was hier bewacht wird ist tatsächlich Gold wert: Die Heilkraft des Thermalwassers wurde vom Institut für Medizinische Balneologie und Klimatologie der Universität München bestätigt. Es handelt sich um eine fluoridhaltige Natrium-Hydrogencarbonat-Chlorid-Therme, die sich besonders heilsam bei Rheumatismus und Gelenkerkrankungen zeigt.

Die Bewohner von Bad Birnbach nutzten die Entdeckung damals auf unterschiedliche Weise: die Männer suhlten sich in einer eilig heran getragenen Badewanne in den heißen Wassern. "Die Frauen schleppten das Wasser eimerweise nach Hause, um damit ihre Fenster zu putzen, weil es angeblich kein Schlieren auf dem Glas hinterließ", sagt Josef Beil, Chef der Rottal Terme.

Nach der anfänglichen Begeisterung stellte sich konstruktive Vernunft ein und ein interdisziplinäres Gutachterteam wurde mit der Erarbeitung eines Entwicklungskonzeptes beauftragt. Nichts wurde dem Zufall überlassen, alles mit deutscher Gründlichkeit geplant, berechnet und errichtet.

Entgegen aller Trends

Der Markt Bad Birnbach und der Zweckverband Thermalbad Birnbach, Träger der Fremdenverkehrsentwicklung, beugten durch den Aufkauf fast aller bebaubaren Flächen, der Grundstückspekulation und einer wuchernden Bautätigkeit vor. Von Beginn an wurden sämtliche Eventualitäten berücksichtigt, Verkehrswege geplant, Landschaftsplaner hinzugezogen, demografische Entwicklungen analysiert und entsprechend all dieser Ergebnisse wurde schließlich die Rottal Terme – ohne "h" geschrieben – gebaut und 1976 eröffnet. Entgegen dem damaligen Trend, Betonmonster in die Landschaft zu stellen, hatte man die Vision vom Erhalt der dörflichen Struktur, an der festgehalten und die schließlich auch in die Tat umgesetzt wurde.

Das Konzept der "ländlichen Idylle" machte auch vor den Privathäusern nicht halt und sämtliche Bewohner des Ortes wurden angehalten, ihre Fassaden zu restaurieren und in vorgegebenen Farben zu streichen. Heute bietet das Dorf den perfekten Rahmen für Brauchtum, Vereinsumzüge und Prozessionen. Das gesamte Rottal wurde schließlich von der Planung gepackt und dem Wind, der von West nach Ost die Rott entlang weht, wurde durch entsprechende Baumpflanzungen und Häuserbauten Einhalt geboten. Rund um Bad Birnbach wurde gepflanzt und begrünt, denn "auch Gottes freie Natur will gestaltet werden", ist Alois Dorfner, Leiter der Kurverwaltung, überzeugt. "Wir haben die Natur gut gestaltet und charmant verpackt."

Bad mit der Menge

Gut verpackt ist auch die Rottal Terme, vielleicht sogar ein bisschen zu eng geschnürt. 30 Becken mit einer Wassertemperatur zwischen 28 und 40 Grad stehen den durchschnittlich 1.500 Besuchern jeden Tag zur Verfügung. Vor allem die Indoor-Becken sind allerdings teilweise sehr klein geraten und auch bei den Räumlichkeiten kommt schnell ein Gefühl der Beengtheit auf.

Durch die Größe der Anlage und die Verstreutheit der Becken müssen Gäste vor allem mobil sein. Die Therme gliedert sich in drei Hauptbereiche: Das Erholungsbad mit dem Thermenbach, einem Strömungsbecken im Außenbereich mit mehreren Duschen, einer musikbeschallten Grotte und bunten "noodels" zum faulen dahin treiben. Weiters das Vitarium, das von Nackedeis bevölkert wird und in dem sich Saunen und Dampfbäder befinden, sowie dem Gesundgarten mit Schwerpunkt Medizin und Sport.

Zwischen den drei Bereichen liegen längere Wegstrecken, vor Betreten ist jedes Mal ein Drehkreuz zu passieren und ehe man endlich den Ort des Geschehens erreicht muss man erst durch endlos lange Gänge mit Kabinen und Kästchen gehen. Allzu schnell verliert man bei all den Türen, Treppen, Drehkreuzen, Stufen, Durchgängen und Zwischenwänden die Orientierung. Die Beschilderung ist ebenfalls karg ausgefallen und nach einiger Zeit wirft man enerviert das Handtuch – so fern man dafür noch einen Platz findet. Denn die Ablageflächen und Kleiderständer am Beckenrand sind hoffnungslos überfüllt mit einer fröhlich-bunten Mischung aus Bademänteln, Sporttaschen und Badetüchern.

Die Saunen und Dampfbäder sind ausgesprochen gut besucht, da neben Hotelgästen auch Tagesbesucher die Therme bevölkern. Im Angesicht ihres Schweißes sitzen hier bis zu 90 SaunistInnen neben- und übereinander. Die allgegenwärtige Nacktheit im Vitarium ist nicht jedermanns Sache. Um den Flüssigkeitsverlust nach einer Schwitzkur auszugleichen, können Getränke am Buffet gekauft werden, Trinkwasserbrunnen gibt es in der Rottal Terme nicht. Auch fehlen Hinweise zur richtigen Anwendung von Heilwasser und Kneippkuren.

Ruhe im Kaminzimmer

Auf der Suche nach Erholung landet man irgendwann in den Ruheräumen mit Blick auf die Thermalbecken. Hier stehen bequemen Liegen und vom Hausmeister selbst konstruierten Stühlen, die Pärchen zum Kuscheln animieren sollen und sorgen für ein entspannendes Chill-Out nach dem Zappen durch die Becken. Im Kaminzimmer knistert ein wohliges Feuerchen, die Plätze sind heiß begehrt, die Atmosphäre ist ruhig und relaxed. Der Lärmpegel ist allgemein sehr gering, wohl auch, weil nur sehr wenig Kinder zu den Besuchern zählen. "Wir veranstalten seit einiger Zeit Familien-Tage, um die Therme auch für jüngere Gäste machen. Diese Angebote werden gerne angenommen und erfreuen sich großer Beliebtheit", so Josef Beil. Damit will man sich von dem wenig attraktiven Image eines reinen Heilbades weg bewegen in Richtung einer lebendigen Freizeiteinrichtung für alle Altersstufen.

Durch die vorsichtige Bebauung der Region wurden Bausünden verhindert und ein harmonisches Gesamtbild prägt heute die dörfliche Struktur im gesamten Gebiet. Von der Therme aus lassen sich in alle Richtungen Wanderwege zu Fuß erreichen, die durch die liebliche Landschaft führen. Überall im so genannten Bäderdreieck, das die Orte Bad Füssing, Bad Griesbach und Bad Birnbach einschließt, wird auf bayrische Traditionen Wert gelegt und damit auch auf die bayrische Küche.

Der Weg zur Ente

Abgesehen von Weißwurst und Weizenbier serviert der Schweibacher Hof im nahe gelegenen Schwaibach, das bei einer gemütlichen Wanderung zu Fuß erreichbar ist, Ente mit Blaukraut, bayrischen Kartoffelknödeln und dem obligatorischen Weizenbier. Sehr schnell hat man die davongeschwommenen Kalorien so wieder oben. Aber sich den Genuss dieser zarten Ente entgehen zu lassen, wäre ein Sakrileg. So wie es unverzeihlich wäre, nicht wenigstens eine der vielen medizinischen und kosmetischen Anwendungen zu probieren, die in der Rottal Terme angeboten werden.

Die angrenzende Berufsfachschule bildet heute die Physiotherapeuten und Masseure von morgen aus und sorgt für einen gleich bleibenden Qualitätsstandard der Behandlungen. Gleich bleibend will man in der Rottal Terme nicht bleiben, gibt sich Beil innovativ. Viele Ideen, wie ein begehbares Aquarium mit Fußreflexzonenparcours, gehen ihm durch den Kopf und sein Enthusiasmus reicht aus, um mehr als eine davon in den nächsten Jahren auch in die Tat umzusetzen. (ham, derStandard.at, 19.2.2008)
Anm.: Rottal Terme ohne "h" ist ein Markenzeichen und kein Rechtschreibfehler

Informationen: Bad Birnbach - Rottal Terme.


Die aktuellsten Reisethemen gibt es wöchenlich im Reise- Newsletter. Abonnieren Sie hier den Reise-Newsletter
  • Die Außenbecken mit bis zu 40°C Wassertemperatur sind vor allem im Winter sehr frequentiert.
    foto: rottal terme

    Die Außenbecken mit bis zu 40°C Wassertemperatur sind vor allem im Winter sehr frequentiert.

  • Insgesamt stehen 30 Becken zur Verfügung.
    foto: rottal terme

    Insgesamt stehen 30 Becken zur Verfügung.

  • Es wurde bei der Entstehung der Rottal Terme vor allem darauf geachtet, keine Bausünden zu begehen und die dörfliche Struktur und Anmutung zu erhalten.
    foto: rottal terme

    Es wurde bei der Entstehung der Rottal Terme vor allem darauf geachtet, keine Bausünden zu begehen und die dörfliche Struktur und Anmutung zu erhalten.

Share if you care.