Die Lehren aus dem Kanu-Bau

27. Februar 2008, 13:59
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Natürliche Selektion gilt auch für menschliche Kulturen: Zwei Biologen belegen umstrittene These mit "revolutionärem" Ansatz

Natürliche Selektion ist das biologische Grundprinzip evolutionären Wandels. Gilt es auch für menschliche Kulturen? Zwei Biologen geben eine eindeutige Antwort auf die umstrittene Frage – anhand von polynesischen Kanus. Von Klaus Taschwer.


Stanford – Noch bevor der Text erschienen ist, gibt es bereits kräftiges Lob von einflussreichen Kollegen. "Dieser Aufsatz hat einen revolutionären Ansatz", sagt die renommierte US-Anthropologin Nina Jablonski: "Er ist einer der wichtigsten Artikel in der Anthropologie der vergangenen 20 Jahre." Und für den Evolutionsbiologen und Ökologen Jared Diamond stellt der Text, der in den Proceedings der National Academy of Sciences (PNAS) erscheint, "einen eindeutigen Fortschritt in einem umstrittenen Forschungsfeld dar".

Boote als Beweismaterial

Auf den ersten Blick mag das wundern, sind doch "Kanu-Design" und "Polynesien" zwei der vier Schlagworte, unter denen der Artikel ab sofort zu finden ist – in jeder Hinsicht abgelegene Themen. Doch die Veränderungen bei den Booten auf Tahiti und Co sind freilich nur das Beweismaterial, mit dem die beiden Biologen Deborah S. Rogers und Paul R. Ehrlich einen jahrelangen Streit zwischen Natur- und Sozialwissenschaftern schlichten wollen.

Dabei geht es um nichts anderes als die Frage, ob die natürliche Selektion, also eines der Grundprinzipien der Evolution, auch für menschliche Kulturen und ihre Hervorbringungen gilt – und wie sich das modellieren lässt.
Rogers und Ehrlich untersuchten die Entwicklungen im Kanu-Design auf elf Südseeinseln. Konkret ging es auf der einen Seite um 96 Merkmale, die einen funktionalen Einfluss auf die Seetüchtigkeit haben sowie auf der anderen Seite um 38 bloß dekorative oder symbolische Merkmale. Bei den statistischen Auswertungen zeigte sich eindeutig, dass die "Evolution" der funktionalen Bootseigenschaften viel langsamer von statten ging als die Veränderungen des Designs.

Für das Autorenduo ist das ein eindeutiger Beleg, dass die natürliche Selektion auch beim Kanu-Design eine zentrale Rolle spielte: denn auch bei der genetischen Evolution vollzögen sich die Veränderungen der "wichtigen" Gene viel langsamer als bei den anderen Teilen der DNA. Und das wiederum lege den Schluss nahe, dass sich der kulturelle Wandel nach denselben Grundprinzipien vollziehe. Und: vollziehen sollte.

Politische und Ökologische Mission

Angesichts der großen Menschheitsprobleme wie Klimawandel, Bevölkerungswachstum oder Armut verfolgen Rogers und Ehrlich mit ihrer Studie nämlich auch eine politische und ökologische Mission. Und die ist nicht ganz unproblematisch. "Wir müssen beginnen", meint Rogers, "unsere Kultur nach den mächtigen Kräften der Natur und der natürlichen Selektion auszurichten anstatt gegen sie zu arbeiten." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.2.2008)

  • Natürliche Selektion auch beim polynesischen
Bootsdesign: Funktionale Merkmale wie der Ausleger veränderten sich langsamer als der Zierrat.
    foto: standard/u.s. library of congress

    Natürliche Selektion auch beim polynesischen Bootsdesign: Funktionale Merkmale wie der Ausleger veränderten sich langsamer als der Zierrat.

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