Sieben Stunden bis Mandalay

18. Februar 2008, 16:16
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Auf der Straße wird rechts gefahren - weil die Militärjunta es so wil. Eine Durchquerung von Burma offenbart die Armut und Isolierung eines einst so reichen Landes

Es ist fünf Uhr früh und stockdunkel. Die kühle Brise, die vom Sal_wyn-Fluss weht, trägt den Geruch von Holzrauch und Knoblauch durch die Gassen von Hpa An. Im Laden nebenan werfen drei Kerzen kleine Lichtkegel auf die Holzregale. Nachts wird der Strom abgeschaltet. Auf alten Fahrrädern balancieren Frauen riesige Blumenbündel zum Markt.

Hpa An ist eine beschauliche Kleinstadt. Aus dem Kloster am Fluss dringt der monotone Gebetsrhythmus der Mönche. In der Hauptstadt des Karen-Staates zählt Freundlichkeit zu den Charaktereigenschaften der Bewohner. Das Mädchen im Busunternehmen lächelt.

Selten genug, dass ein Ausländer in den Bus nach Thaton steigt. Abfahrt um sechs, verdeutlicht sie mit den Fingern beider Hände. Der Informationswert solcher Beteuerungen ist freilich gering. Als Reisender lernt man in Burma schnell, dass Fahrpläne zu den vielen Unverbindlichkeiten des Landes zählen. Im Licht der aufgehenden Sonne bevölkern Schüler in weißen Hemden und grünen Hosen die Straßen. „Hello!“, winken sie kichernd. Ein großes Transparent beschwört die „unerschütterliche Freundschaft“ zwischen Heer und Bevölkerung. „Wer sie untergräbt, wird als Staatsfeind behandelt!“

An der Baustelle gegenüber tänzeln Arbeiter auf dem schwingenden Bambusgerüst, um Ziegel nach oben zu befördern. Für den Handtransport sind sie mit Spagat zu Dreierpackungen zusammengebunden. Um sieben biegt der klapprige Bus um die Ecke. Eine halbe Stunde wuchten Träger Reissäcke und Tomatenkörbe aufs Dach. Dann kündigt eine schwarze Dieselwolke die Abfahrt an.

Fünf Ausweiskontrollen

Gemächlich rollt der Bus durch das weite Flusstal, aus dem bizarre Kalkfelsen ragen. Gemächlich ziehen Wasserbüffel Holzpflüge durch die Reisfelder. Mit Palmblättern gedeckte Bambushütten säumen die Straßen. Eine dicke Staubschicht überzieht die Blätter der Bäume – die Trockenzeit dauert bereits drei Monate. Im Schritttempo rollt der Bus über enge Holzbrücken.

Weil es die Militärjunta so will, wird in Burma rechts gefahren – obwohl sich das Lenkrad fast aller Fahrzeuge rechts befindet. Überholen ist ein Hasardspiel – der Busfahrer muss sich auf seinen Begleiter am linken Trittbrett verlassen. Nach 25 Kilometern passieren wir an einem Checkpoint die erste von fünf Ausweiskontrollen. Frauen nutzen den Zwangsaufenthalt zum Verkauf von Orangen, Eiern und gegrilltem Fisch. Gegen Mittag ächzt der überfüllte Bus mühsam eine Steigung hinauf – dann bleibt er stehen. Mit geübtem Griff öffnet der Fahrer eine Holzklappe im Boden und begutachtet den heißen Motor. Die Passagiere verlassen den Bus und richten sich auf eine längere Pause ein. Gelassen suchen sie unter Kautschukbäumen am Straßenrand Schutz vor der sengenden Sonne. Nach zwei Stunden liegen Fahrer und Adjutant noch immer ölverschmiert unter dem Bus und hantieren am Motor, der an einer Kette baumelt. Zeit ist in Burma ein dehnbarer Faktor, Eile ein unbekannter Zwang. Ich beschließe, das Fahrzeug zu wechseln, und klettere auf das Dach eines Pick-ups, dessen Fahrer mich bis Tathon mitnimmt. Nach einer Stunde muss ein Reifen des hoffnungslos überladenen Fahrzeugs gewechselt werden. Ich steige auf einen Lastwagen um und mache es mir auf den Reissäcken bequem.

Im Schneckentempo

Auf den Staub achte ich schon längst nicht mehr. In der Abenddämmerung erreicht der Lkw Pago. Ich steige auf ein luxuriöses Transportmittel um – einen Überlandbus mit nummerierten Plätzen. Bevor ich einsteige, serviert man mir in einer indischen Kneipe für 20 Cent ein vorzügliches Abendessen. Die Nacht ist kühl. Die Burmesen ziehen ihre Wollmützen tief in die Stirn. Um 4.30 Uhr hält der Fahrer irgendwo am Straßenrand. „Meiktila“, bedeutet er mir. Vor einem Kaffee werden auf einem Holzfeuer Teigstreifen in Öl gebacken. Die wenigen Gäste starren mich verwundert an. Als ich beschließe, den Tag abzuwarten, hält ein Kleinbus an der Ecke. „Shwen_yaung?“, fragt der Fahrer. Ich nicke. Für die Strecke fordert er 10.000 Kyat. Ich biete die Hälfte und ignoriere alle weiteren Angebote. Schließlich willigt er ein.

Meine Frage nach der Fahrtdauer beantwortet er mit geöffneter rechter Hand – fünf Stunden. Ich tippe auf das Doppelte. Nach einer Stunde hält der Fahrer inmitten der Reisfelder – Reifenwechsel. Ich setze mich auf die Böschung und beobachte den Sonnenaufgang. Pferdewagen und Fahrräder beherrschen die Schotterstraße. Nach drei Stunden kommen die Berge in Sicht. Im Schneckentempo windet sich der Bus die Serpentinen hinauf.

Chinesische Trucks ziehen lange Staubfahnen über die Hänge. Die Frau neben mir deutet an, dass sie brechen muss. Ich lasse sie ans Fenster rücken. Andere Insassen übergeben sich in Plastiktüten. Mich beginnen allmählich Zweifel zu plagen: War meine Entscheidung, keine regierungseigenen Maschinen für Inlandsflüge zu nutzen, wirklich sinnvoll? Als ich den Bus in Shwenyaung verlasse, steht die Sonne tief am Himmel. Nach 31 Stunden fehlt mir die Energie, um den Staub vom Rucksack zu klopfen. Dass aus der Dusche kaltes Wasser rinnt, kann mich nicht mehr irritieren.

Eine Fahrt durch Burma mutet an wie eine Reise ins vorige Jahrhundert. Der Zustand der Straßen ist _miserabel, die antiquierte Eisenbahn rollt mit 20 km/h durchs Land, der Fuhrpark des Landes ist rund 50 Jahre alt. Fast die Hälfte des Tages müssen die Menschen ohne Strom auskommen. Von Taunggyi nach Hsipaw sind es gerade einmal sechs Stunden. Doch auf meine Bitte nach einem Ticket windet sich der freundliche Angestellte des Busunternehmens. Er empfiehlt mir die Fahrt über Mandalay. 15 Stunden Umweg für 150 Kilometer? Eine dolmetschende Schülerin erläutert mir den Grund: „No foreigners, Sir.“ Mühsamer Umweg Die Ursache für das geheimnisvolle Verbot flüstert mir ein Taxifahrer zu: Ausländern sollen die unzähligen Opiumfelder verborgen bleiben, deren Zerstörung die Regierung gerne in ihrer Erfolgsbilanz propagiert. Doch gegen entsprechende Geschenke sehen die Militärs gerne weg – beim Drogenhandel, beim Schmuggel von Jade und Rubinen, beim illegalen Export von Teakholz nach China. Für Hsipaw nehme ich auch den mühsamen Umweg in Kauf.

Der kleine Ort am Dokhlawady-Fluss entpuppt sich als idyllische Oase der Ruhe. Pagoden ragen aus blühenden Feldern, warme Quellen laden zum Baden ein, Wasserfälle bieten Abkühlung, schmale Wege führen durch Bambuswälder zu versteckten Klöstern. Am Flussufer unterhalten sich waschende Frauen, spielende Kinder sitzen auf den reglos im grünen Wasser verharrenden Büffeln. Jenseits des Flusses liegt ein hinter Bäumen verborgenes Haus mit wechselvoller Geschichte. Der „Shan-Palace“ ist jene Villa, in der die Österreicherin Inge Sargent zehn Jahre als Prinzessin lebte.

Ihren burmesischen Ehemann Sao Kya Seng hatte die Kärntnerin als Studentin in den USA kennengelernt – ohne seine adelige Herkunft zu kennen. Nach seiner Verschleppung und Ermordung durch die Militärs flüchtete Sargent 1962 mit ihren beiden Töchtern aus Burma. Ihre märchenhaften Jahre als Mahadevi, als „Himmelsprinzessin“ des Shan-Volkes, schilderte sie in dem suggestiven Buch Dämmerung über Birma.

Im Haus des ermordeten Prinzen lebt heute dessen Verwandte Sao Sarm. „Treten Sie ein“, sagt sie freundlich. In dem getäfelten Wohnzimmer hängen die Fotos, die ich aus dem Buch kenne. Inge Sargent mit ihrem Prinzgemahl in Shan-Tracht auf einem vergoldeten Holz-Sofa. Sao Sarms Mann wurde wegen „regierungsfeindlicher Tätigkeit“ zu 15 Jahren Haft verurteilt. „Alle zwei Monate darf ich 15 Minuten mit ihm sprechen. Dafür fahre ich sieben Stunden bis Mandalay“, erzählt Sao Sarm.

Das Gefängnis der zweitgrößten Stadt Burmas hatte ich nur zwei Tage zuvor gesehen. Beim Aufstieg auf den Mandalay Hill hatte mich ein Lehrer angesprochen und mich vom Hügel auf das riesige Areal hingewiesen. Bei Sonnenuntergang hatte er mich auf der Tempelmauer in ein langes Gespräch verwickelt. Oo Myat muss sich mit privatem Englischunterricht durchschlagen. In öffentlichen Schulen darf der Regimegegner nicht mehr unterrichten. Er fühle sich isoliert, gestand der 37-Jährige: „Mein einziger Draht zur Welt ist Radio BBC.“

Wertvolle Gabe

Obwohl Burma von der Außenwelt abgeschottet ist, nimmt die Isolierung weiter zu. Die Gebühr für Satellitenantennen steigt demnächst von 6000 auf eine Million Kyat (1000 Euro) – eine für Normalbürger unerschwingliche Summe. Das Internet unterliegt strengen Kontrollen, das Öffnen einer Webseite dauert oft zehn Minuten. Mehrere Fluggesellschaften haben ihre Flüge nach Rangun eingestellt. Ich schenke dem Englischlehrer George Orwells Buch Burmese Days, das ich mir für die Reise gekauft hatte. Oo Myat zeigt sich gerührt und schiebt das Buch wie eine wertvolle Gabe unter seine Jacke. Mit einer Rikscha kehre ich ins kleine Hotel zurück. In der Millionenstadt Mandalay herrscht nach Sonnenuntergang in vielen Straßen völlige Dunkelheit. Die offenen Kanalisierungsschächte erweisen sich als gefährliche Fallen. Nach 21 Uhr gibt es kaum noch ein offenes Lokal. Am nächsten Abend steige ich in Mandalay in den Autobus nach Rangun. Wie lange die Fahrt dauert? 16 Stunden, kritzelt die Frau am Schalter lächelnd auf die Rückseite des Tickets. Eine Erholungsreise. (Gerhard Mumelter/DER STANDARD/Album/16./17.2.2008)

  • Das Internet unterliegt in Burma einer strengen staatlichen Kontrolle. Manche suchen stattdessen Zuflucht bei traditionelleren Medien – ein Mönch bei der Lektüre eines Buches.
    foto: mumelter

    Das Internet unterliegt in Burma einer strengen staatlichen Kontrolle. Manche suchen stattdessen Zuflucht bei traditionelleren Medien – ein Mönch bei der Lektüre eines Buches.

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