Erneuerung nach Corvinus

23. Februar 2008, 17:00
posten

Ein gar nicht so abwegiger "Renaissance"- Spaziergang durch Budapest

Wenn sich Budapest heuer daran erinnert, dass König Matthias Corvinus vor 550 Jahren den Thron bestiegen hat, dann wohl auch deshalb, weil man ihn gern als Erneuerer und Mäzen unzähliger Renaissance-Künstler sieht. 2008 in Ungarn zum Renaissance-Jahr zu erklären liegt also nahe, aber man will sich dabei nicht auf einen bedächtigen Kulturfahrplan beschränken. Der wird zwar mit einer Medici-Sonderausstellung im Museum der Schönen Künste ebenso ausgehängt wie mit einem entsprechend adaptierten Budapester Frühlingsfestival, es ist allerdings auch besprochene Sache, diese Ode an die Erneuerung auch finanziell wörtlich zu nehmen.

Insgesamt sechzehn Millionen Euro stellt die ungarische Regierung für das Programm zur Verfügung, zwei Drittel davon sollen aber in aktuelle Kunstprojekte fließen. Abgesehen von zwei Veranstaltungsreihen, die sich auf die Suche nach Neuerungen im Tanz und in der Gastronomie begeben, wird es aber vor allem Touristen schwerfallen, die Erneuerer aufzuspüren.

"Künstler beobachten in Budapest" nennt András Török, ein langjähriger Chronist der Budapester Szene, ein Kapitel in seinem "kritischen Reiseführer", der sich bei diesem Unterfangen als äußerst hilfreich erwiesen hat. Bliebe man sonst wohl bereits vor dem eleganten Hotel Gellért stehen, geht man auf sein Anraten noch ein paar Schritte weiter bergauf, um der Künstler-Kolonie in der Kelenhegyi út 12-14 einen Besuch abzustatten. In dem 1903 erbauten und absolut sehenswerten Jugendstilhaus trifft man praktisch immer jemanden an, der hier als Grafiker oder Maler bei der Arbeit ist.

Eine größere und bekanntere Kolonie liegt allerdings bereits in der äußeren Josefstadt, keine hundert Meter von der Metrostation Népstadion entfernt. Das Atelier in der Százados út 3-13, das praktischerweise den gleichen Namen trägt wie die Straße, ist zwar von einem Zaun umgeben, das eiserne Tor am Eingang bleibt aber nie verschlossen. Über dreißig Wohnungen umfasst das Ensemble aus dem frühen 19. Jahrhundert und es beherbergt einen gemeinsamen Garten. Vor allem im Entstehen begriffenen Skulpturen wird man in diesem Garten begegnen. Als inoffizieller Träger des offiziellen Erneuerungs-Jahres kann dieser Ort allemal herhalten, dafür bürgen schon die exzentrischen Werke des ehemaligen Dekans der Akademie der Bildenden Künste.

Orientiert man sich wieder an den Wegpunkten, die als ordentliche Teilnehmer am Renaissancejahr auf dem Stadtplan aufscheinen, wird man an der Nationalbibliothek nicht vorbeikommen. Oder man sollte es zumindest nicht, denn vom 14. März bis zum 14. Juni macht man hier die Bekanntschaft mit einem anderen dieser Epoche verbundenen Jubilar: 2008 ist auch der sechshundertste Geburtstag von Erzbischof Janós Vitéz, damals auch Kanzler von König Matthias. In dieser Funktion hinterließ er eine Reihe von Dokumenten und Kunstwerken, die einen guten Überblick über den Beginn des ungarischen Humanismus bieten. Geöffnet ist die Bibliothek von Dienstag bis Samstag zwischen 10 und 20 Uhr.

Die Idee, rund ein Prozent staatlicher Investitionen in neue Kunstprojekte fließen zu lassen - sie wird nun im Frühjahr des "Erneuerungsjahres" im ungarischen Parlament diskutiert -, ist nicht ganz neu. Der früher allmächtige "Fonds für die Bildenden Künste" hatte de facto eine Monopolstellung und kaufte jede Woche hunderte Bilder von Künstlern auf, die er in Galerien vertrieb. Einige wenige davon gibt es heute noch, jene in der Teréz körút lohnt dabei durchaus den Besuch. (Sascha Aumüller/DER STANDARD/Printausgabe/16./17.2.2008)

Buchtipp:
András Török: Budapest. Ein kritischer Reiseführer. Park Publishing Ltd.

Info:
budapestinfo.hu/de


Die aktuellsten Reisethemen gibt es wöchenlich im Reise- Newsletter. Abonnieren Sie hier den Reise-Newsletter
  • Die Idee des ungarischen Renaissance-Jahres: Die Erneuerung soll sich in modernen Strukturen widerspiegeln (so etwa wie hier die Matthias-Kirche in der Hilton-Fassade).
    foto: aumüller

    Die Idee des ungarischen Renaissance-Jahres: Die Erneuerung soll sich in modernen Strukturen widerspiegeln (so etwa wie hier die Matthias-Kirche in der Hilton-Fassade).

Share if you care.