Schule global in die Zukunft denken

21. April 2008, 13:59
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Seit Gründung der Sir Karl Popper Schule für Hochbegabte ist Andreas Salcher in Sachen Bildung ein Begriff - Sein neues Projekt trägt den Titel "The Curriculum Project - Creating the Schools of Tomorrow"

Eigentlich wollte er das aktuelle Projekt noch vor den Waldzell Meetings in Angriff nehmen, sagt Andreas Salcher. Waldzell sei ihm gewissermaßen "dazwischen gekommen", grinst er. Nun, von Nachteil sei dies sicher nicht gewesen, so Salcher weiter, er habe nicht nur enorm viel gelernt, sondern auch sein Netzwerk internationalisieren können.

Schule von morgen

Beim aktuellen Projekt, in dem er daran arbeitet, gemeinsam mit den besten Köpfen der Welt, die Schule von morgen neu zu definieren sowie Schülern, Eltern, Lehrern und allen Interessierten ein global agierendes Netzwerk zu schaffen, mithilfe dessen sie positiven Druck auf Schulen ausüben können, um notwendigen Veränderungen die Wege zu bahnen, können die besten Kontakte nicht schaden. Der Arbeitstitel: "The Curriculum Project - Creating the Schools of Tomorrow".

Andreas Salcher stellt sich somit an die Spitze einer Bewegung, die den Bildungsbegriff wie jenen der Schule an sich neu und modern gelebt sehen möchte - jenseits veralteter pädagogischer Methoden und Instrumente. Dabei beruft er sich auch auf eine von der Unternehmensberatung McKinsey Ende vergangenen Jahres publizierten Studie, die 25 Schulsysteme von OECD-Ländern weltweit vergleicht und darunter die zehn besten auf ihre Leistungsfähigkeit untersucht.

Salcher: "Die Studie kommt zu einem einfachen Schluss: Es geht um die Lehrer und nur um die Lehrer." Bis auf den letzten Dollar werde in dieser Studie nachgewiesen, dass die teuersten Schulsysteme der Welt bei weitem nicht die besten seien. So liegen laut McKinsey die durchschnittlichen Ausgaben pro Schüler in Österreich bei 9803 US-Dollar, in Deutschland bei 8436 US-Dollar, in Finnland bei 7798 US-Dollar und im OECD-Durchschnitt bei 7061 US-Dollar. Singapur oder Finnland schneiden in der McKinsey-Studie sehr gut ab. Dort gelinge es, die besten Köpfe eines Jahrganges als Lehrer zu gewinnen, und nur die besten Lehrer werden dort zu Schuldirektoren - mit mehr Freiheiten, budgetär wie inhaltlich. Schulen werden geführt wie Unternehmen, und der Berufsstand der Lehrenden sei hoch angesehen - das mache diese Systeme so erfolgreich, so Salcher. Veraltetes System

Im Gegensatz zu vielen ungelösten Rätseln der Menschheit, so Salcher, sei die Frage, wie junge Menschen optimal lernen, schon lange beantwortet. Er müsse für sein neues Projekt, dem er die vier bis fünf kommenden Jahre widmen will, das Rad nicht neu erfinden. Es sei bereits alles da, und die Herausforderung bestehe allein darin, das vorhandene Wissen zum Wohle der nächsten Generation auch nutzbar zu machen. Noch immer arbeite man an den allermeisten Schulen mit Instrumenten von vor 50 Jahren, geht Salcher noch einen Schritt weiter. Würde man einen Chirurgen 50 Jahre zurück in die Zeit schicken, um ihn operieren zu lassen, würde der im OP keine Geräte anfassen, einfach, weil er keine Menschenleben gefährden will, so Salcher weiter.

"Die Schule in ihrer heutigen Form wurde einfach in Zeiten der industriellen Revolution geschaffen, mit dem Menschenbild damaliger Zeiten." Die zentrale Frage lautete damals: Wie schleuse ich möglichst schnell möglichst viele Menschen durch dieses System einer Basisausbildung? Nur: Immer mehr Kinder passen in genau dieses System nicht mehr hinein. Salcher: "Seit meinem 19. Lebensjahr bin ich - bis vor zwei Jahren - in der Politik gewesen. Ich weiß heute aus tiefster Überzeugung, dass Schulen nicht über Politik verändert werden können."

"Ökologische Schule"

In der Zwickmühle zwischen Staat und Lehrergewerkschaft werde Bildungspolitik gemacht, die am wenigsten den Talenten der Kinder zugute komme. "Allein die Debatten um die Gesamtschule in Österreich erinnern an die Stellungskriege im Ersten Weltkrieg. Heute einen Kilometer Geländegewinn durch eine neue Pisa-Studie, morgen zwei Kilometer verloren durch eine neue Umfrage unter den Eltern", so Salcher. Warum sich also nicht auch in diesem Bereich modernster wissenschaftlicher Erkenntnisse bedienen?

Vergangenen November traf Salcher den Glücksforscher und Entdecker des Flow-Konzeptes, Mihály Csíkszentmihályi, und stellte ihm eine Frage, die er, wie er sagt, allen "klugen Leuten" zunächst stelle: Was würdest du deinem eigenen Kind an drei Werten mitgeben, um es für die Herausforderungen der Zukunft am besten vorzubereiten?

Csíkszentmihályis Antworten - abgesehen von der Tatsache, dass Naturwissenschaften sowie Fremdsprachen etc. auch in Zukunft eine große Rolle spielen werden - waren:

Zwischenmenschliche Fähigkeiten: Teamlernen, das Verständnis der eigenen sowie fremder Gefühle, Arbeiten und Führen in Gruppen.

Verantwortung: Es sei wichtig, Kindern beizubringen, dass Handlungen Konsequenzen haben.

Wir sind nicht allein auf diesem Planeten: Die Vermittlung eines systemischen Verständnisses dafür, dass wir auf der Erde Teil eines gemeinsamen Ganzen sind.

Laut Czíkszentmihályi sei es illusorisch, Kinder auf eine bestimmte Zukunft vorzubereiten, zumal wir nicht wissen, wie die Zukunft aussehen wird, so Salcher weiter. Vielmehr müsse man die Kinder fragen, in welcher Zukunft sie leben wollen. Und die Aufgabe der Schulen sei es, ihnen die Fähigkeiten dafür angedeihen zu lassen.

Wenn der Großteil der heutigen Schulsysteme weltweit auf einem Modell der industriellen Revolution aufbauen, sagt Salcher, sehe er die "ökologische Schule", wie er sie nennt, als Zukunftsmodell. Dieses Modell müsse wie ein lebender Organismus funktionieren, der sich selbst steuert und nicht von außen steuerbar ist. Oberstes Ziel dieser Schule sei die Wiederbelebung des Lernprozesses. Wichtig sei dabei:

- die Interessen und die Neugier der Kinder und nicht jene des Lehrers in den Mittelpunkt zu stellen,

- alle kindlichen Intelligenzen - von sprachlichem Verständnis über logisch-mathematisches Denken und räumliches Vorstellungsvermögen bis hin zur Fähigkeit, uns selbst und andere zu verstehen und zu begreifen - werden gleichrangig im Lernprozess genutzt. Wichtig sei überdies

- ein Verständnis der Welt, das Zusammenhänge und Wandel als wesentliche Merkmale vermittelt - und nicht das Wiedergeben vorgegebener Fakten und von einzig erlaubten Antworten,

- ein Umfeld zu schaffen, das es Lehrern ermögliche, selbst gerne und mit Freude zu lernen,

- die Öffnung und Wiedereingliederung der Schulen in unsere soziale Welt und die Berücksichtigung der wichtigen Rolle, die Familien, Freunde und Gemeinschaften für den Lernprozess spielen.

Um diese Idee einer selbstgesteuerten "ökologischen Schule" voranzutreiben, bedarf es einer entsprechenden - und nach Salchers Empfinden - weltweiten Community. "Mein Projekt", so Salcher, "fällt und steht damit, ob ich diese Bewegung zustande bringe. Zur Zeit bin ich bei rund fünf Prozent von dem, was ich mir vorgenommen habe." Sponsoren wollen bis Projektbeginn 2009 überzeugt und Fürsprecher gefunden werden. Wenn das aber gelinge, so Salcher weiter, werde das Projekt mit einer Klausur beginnen, die die moralischen Autoritäten und wichtigsten Wissenschafter auf diesem Gebiet mit großen Multiplikatoren zusammenbringe, um an einer Agenda zu arbeiten, auf die sich das internationale Netzwerk stützen könne.

Beste Köpfe

Beim Versuch, das Wissen der besten Köpfe, die es zum Thema Schule weltweit gibt, anzuzapfen und dieses der Bevölkerung und den Kindern zugänglich zu machen, sei er schon am weitesten. In den nächsten 30 Jahren, so Salcher, werden laut Unesco mehr Menschen eine Schule abschließen als in der gesamten Geschichte der Menschheit. Dort werden die zukünftigen Handlungsweisen von bald über zehn Milliarden Erdbewohner entscheidend geprägt - "eine Riesenchance für uns und das neue Projekt", so Salcher. (Heidi Aichinger/DER STANDARD Printausgabe, 16./17. Februar 2008)

  • Frontalunterricht und schnelle Basisbildung - das alte Bild der Schule stamme noch aus der industriellen Revolution und gehöre grundlegend geändert, so Andreas Salcher.
    foto: standard/robert newald

    Frontalunterricht und schnelle Basisbildung - das alte Bild der Schule stamme noch aus der industriellen Revolution und gehöre grundlegend geändert, so Andreas Salcher.

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