Die Relativität des Vorbeugens

19. Februar 2008, 12:40
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Nicht jede Form der Prävention hält, was sie verspricht - und kann sogar Schaden anrich­ten - Eine realistischere Sicht auf präventive Medizin ist das Ziel einer Tagung in Krems

Ihr Auto lassen die meisten einmal im Jahr durchchecken - warum nicht auch den eigenen Körper? In unserem Gesundheitswesen werde zu viel repariert und zu wenig vorgesorgt, heißt es oft. Wir müssten mehr auf die Verhinderung von Leid setzen, statt nur Behandlung und Linderung zu alimentieren. In der Gesundheitspolitik gehört es seit vielen Jahren zum guten Ton, eine Umverteilung von der kurativen zur präventiven Medizin zu fordern.

 

Vorsorgen besser als Heilen?

Als Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky vorigen Dezember bei einer Veranstaltung in Krems 2008 zum "Jahr der Prävention" ausrief, war denn auch niemand wirklich überrascht - außer vielleicht Gerald Gartlehner. Der im vergangenen Jahr aus den USA zurückgekehrte Arzt und Gesundheitswissenschafter steckte gerade mitten in den Vorbereitungen für eine Tagung, die an diesem Mittwoch und Donnerstag an der Kremser Donau-Uni der Frage nachgehen wird: "Ist Vorsorgen immer besser als Heilen?" Finanziert wird das Treffen nicht vom Ministerium, sondern vom Niederösterreichischen Gesundheits- und Sozialfonds (Nögus), der auch die Anschubfinanzierung des Departments für evidenzbasierte Medizin und klinische Epidemiologie übernommen hat.

Schattenseiten der Prävention

Dass Prävention auch Schattenseiten haben kann, zeigt die Kontroverse um die HPV-Impfung, die in jüngster Zeit mit schwerwiegenden Komplikationen bis hin zur Todesfolge in Zusammenhang gebracht worden ist.

Befürworter wie der AKH-Mediziner Elmar Joura sind überzeugt, dass die Impfung mehr als genügend Tode durch Gebärmutterhalskrebs verhindert, um ihre Kosten zu rechtfertigen. Den gegenteiligen Schluss legen die Berechnungen der Gesundheitsökonomin Ingrid Zechmeister vom Wiener Ludwig-Boltzmann-Institut für Health Technology Assessment nahe. Am Donnerstag werden die Sichtweisen und Argumente von Joura und Zechmeister aufeinanderprallen. Gartlehner zufolge mangelt es freilich an Daten für ein abschließendes Urteil zur HPV-Impfung.

Prostata- ...

"Die meisten Ärzte sehen das Schadenspotenzial nicht, das zum Beispiel von einem PSA-Test ausgeht", sagt Gartlehner und verweist darauf, dass verdächtige Werte Folgeuntersuchungen nach sich ziehen und selbst bei entdeckten Prostatakarzinomen oft nicht zu unterscheiden sei, ob sie je lebensbedrohlich werden - und das alles bei beträchtlichen Nebenwirkungen für einen Teil der Behandelten von Impotenz bis zu Operationsrisiken.

... und Brustkrebsrisiko

Während für Reihenuntersuchungen mit dem PSA-Test kein Überlebensvorteil gefunden wurde, haben Studien bei der Mammografie für Frauen zwischen 50 und 69 immerhin einen geringen Nutzen festgestellt: Von 1000 Frauen, die sich zehn Jahre regelmäßig untersuchen lassen, stirbt eine weniger an Brustkrebs. Doch in Österreich wird das periodische Röntgen der Brust bereits ab dem 40. Lebensjahr empfohlen. Aufgrund der erheblichen Rate falscher Krebsbefunde und der zusätzlichen Strahlenbelastung, warnt Gartlehner, könnte die Bilanz der Mammografie für die Gruppe der Frauen unter 50 sogar leicht negativ ausfallen.

International hat ein Umdenken zur vorbeugenden Medizin eingesetzt, als die Women's Health Initiative ans Licht brachte, dass die Hormonersatztherapien, die Millionen Frauen ab den Wechseljahren verordnet wurden, deren Infarktrisiko nicht, wie von den Hersteller der Präparate und den profitierenden Ärzten behauptet, senkte, sondern - wie auch das Brustkrebsrisiko - anhob. David Sackett, einer der Väter der evidenzbasierten Medizin, beklagte damals in einem aufsehenerregenden Editorial die Arroganz der Prävention, die Gesunde zu Patienten macht.

Cholesterin: Interpretationssache

Hunderttausende Österreicher schlucken täglich Statine, die ihnen verschrieben werden, weil ihr Cholesterinwert erhöht ist. Ob diejenigen, die sonst keine Risikofaktoren haben, davon profitieren oder die seltenen Komplikationen den Effekt wettmachen, bewegt sich laut Gartlehner innerhalb des sogenannten Konfidenzintervalls. Die Werte könnten so oder so interpretiert werden.

Als Gesundheitswissenschafter plädiert er dafür, die Patienten gerade bei vorbeugenden Maßnahmen besser zu informieren und in die Entscheidung, ob sie ein Präparat nehmen oder zur Früherkennung gehen, einzubinden. Doch viele Ärzte haben selbst große Schwierigkeiten, die Zahlen aus den Studien richtig zu deuten, geschweige denn ihren Patienten zu erklären.

Unbekannte Kosten

Deutungsbedürftig ist auch, was in Österreich für Prävention ausgegeben wird. Laut Statistik Austria wenden Bund, Länder und Sozialversicherungen jährlich rund 400 Millionen Euro für Prävention auf. Das sind nur etwas mehr als zwei Prozent der öffentlichen Gesundheitsausgaben und greift sicher zu kurz.

Eingerechnet sind Impf- und Vorsorgeprogramme wie der Mutter-Kind-Pass, Suchtprävention, Reihenuntersuchungen zur Krebsfrüherkennung oder auch die Aktivitäten des Fonds Gesundes Österreich. Nicht berücksichtigt sind dagegen zur Vorbeugung verschriebene Medikamente (wie Statine) und die tertiäre Prävention, also rehabilitative Behandlungen zur Vorbeugung von Wiedererkrankungen. Wie viel sich die Österreicher private Prävention und Unternehmen betriebliche Gesundheitsförderung kosten lassen, ist in den Statistiken nicht ausgewiesen. (Stefan Löffler, DER STANDARD, Printausgabe, 18.2.2008)

  • Dass auch bei Prävention der Schuss in die falsche Richtung gehen kann, zeigt die Kontroverse um die HPV-Impfung. Auf der Tagung zur Frage "Ist Vorsorgen immer besser als Heilen?" werden Befürworter und Gegner auch darüber diskutieren.
    foto: standard/heribert corn

    Dass auch bei Prävention der Schuss in die falsche Richtung gehen kann, zeigt die Kontroverse um die HPV-Impfung. Auf der Tagung zur Frage "Ist Vorsorgen immer besser als Heilen?" werden Befürworter und Gegner auch darüber diskutieren.

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