Ortsbild

2008. Kärnten. Amtsstube.

(Der Vorsitzende der Ortsbildpflege-Sonderkommission und ein Bauwerber. Der Vorsitzende prüft ihm vorgelegte Pläne.)

DER VORSITZENDE: Sehr schön ... Sehr schönes Haus ... Gefällt mir gut. (Er betrachtet ein Detail aus der Nähe.) Das da oben, ist das ein Minarett?

DER BAUWERBER: Das ist der Kamin.

DER VORSITZENDE: Schaut ein bissl aus wie ein Minarett.

DER BAUWERBER: Kamin.

DER VORSITZENDE (lacht): Sie sind schließlich kein Moslem, nicht wahr?

DER BAUWERBER: Tiroler.

DER VORSITZENDE: Ach, gar kein Kärntner?

DER BAUWERBER: Meine Frau ist Kärntnerin.

DER VORSITZENDE: Frau, soso ... Naja, jeder, wie er meint ... (Nach einer kurzen Pause, von den Plänen aufschauend:) Also, ich glaub', im Großen und Ganzen ... Mit dem orangen Anstrich wird Ihr Haus sicher gut ausschauen.

DER BAUWERBER: Geplant ist ein helles Grün.

DER VORSITZENDE: Ah nein, das geht nicht! Das tät' uns das ganze Ortsbild z'ammhauen. Außerdem passt Grün nicht zur Kärntner Fahne. (Betrachtet nochmals die Pläne:) Wo kommt die überhaupt hin? Ich glaube, am besten wäre da vorn, quer über die Terrasse.

DER BAUWERBER: Auf keinen Fall! Ich will keine Kärntner Fahne!

DER VORSITZENDE (gutmütig lachend): Tiroler, was? Bissl starrköpfig. Aber gut, wenn Sie keine Fahne wollen, kann ich Ihnen anbieten, Anstrich in den Landesfarben, dann kann die Fahne unterbleiben. (Wieder auf die Pläne blickend:) Das Marterl fehlt auch noch. Ohne Bekenntnis zur christlich-abendländischen Kultur kann ich das nicht genehmigen. Für die Errichtung einer Kapelle gäb's übrigens eine Subvention vom Land. (Er reicht ihm die Pläne.) Überlegen Sie sich's, dann kommen Sie wieder.

(Der Bauwerber ratlos ab. Der Vorsitzende greift zum Telefon, wählt. Nach einer kurzen Pause:)

DER VORSITZENDE: Servus. Wegen dem Grundstück Geranienweg. Ich glaub', es ist so weit. Ja. Nächste Woche verkauft er, wetten? Aber sicher doch. Nix zu danken. Provision weißt eh, wohin.

(Vorhang)

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