Ein neuer Präsident braucht neues Ethos

15. Februar 2008, 19:58
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Die Veränderungen der US-Politik müssen grundlegend sein - Kommentar der anderen von Hans Küng

Für die Weltöffentlichkeit wäre es eine enorme Erleichterung, wenn der kommende US-Präsident eine grundlegende Kurskorrektur in der Außenpolitik vornähme. Die Welt braucht keinen weiteren Kriegspräsidenten, der durch fehlgeleitete militärische Reaktionen auf wirkliche Herausforderungen vermutlich mehr Schaden auf unserem Globus angerichtet hat als jeder andere Staatschef seit dem Zusammenbruch des Kommunismus.

Alle echten Freunde Amerikas wären hocherfreut, wenn ein Präsident die politische und moralische Glaubwürdigkeit der Vereinigten Staaten wiederherstellen würde, die im ernsthaften Wettbewerb mit der EU, Russland und den aufsteigenden Wirtschaftsriesen China und Indien in den letzten sieben Jahren ihren Status als einzige Supermacht eingebüßt haben.

Viele Amerikaner sind der Meinung, dass die Zeit reif ist für einen Präsidenten des „Wandels“. Doch dieser Wandel muss grundlegend sein. Der Krieg gegen den Terror führte zum Terror des Krieges: Der Krieg in Afghanistan war unnötig und lässt die USA und ihre Alliierten ohne Abzugsstrategie und ohne Hoffnung, die Taliban, die Kriegsherren und die Drogen besiegen zu können.

  • Der Krieg im Irak, auf monströse Lügen gebaut und wider internationales Recht und christliche Ethik geführt, lässt dieses Land in unvorstellbarem politischem, wirtschaftlichem und sozialem Chaos.

  • Israels Besetzung der Palästinensergebiete seit 1967, von den USA in Verletzung aller UN-Resolutionen unterstützt, und die andauernde Ausbreitung israelischer Siedlungen hat der moralischen und politischen Glaubwürdigkeit des jüdischen Staates nach dem Holocaust enorm geschadet und sowohl die Unsicherheit der Israelis als auch das Elend des palästinensischen Volkes vergrößert.

  • Die völlig ungerechtfertigte israelische Invasion des Libanon und die vorsätzliche Zerstörung seiner Infrastruktur, ausgeführt mit dem Einverständnis der USA und ohne wirksamen Protest der Europäer, trug zur weiteren Destabilisierung des Nahen Ostens bei und verärgerte die echten Freunde Israels.

    In einem solchen Chaos braucht Amerika dringend eine Führungspersönlichkeit von außergewöhnlicher Qualität. In diesem Punkt bin ich mit Dominique Moïsi (Institut français des relations internationales, Ifri) und anderen hervorragenden Analytikern der Weltlage einig: Barack Obama könnte als Präsident in Amerika und in der Welt sehr viel verändern.

    Aber ich muss Moïsi widersprechen, wenn er meint, „Obama kann international etwas verändern, und zwar nicht wegen seiner politischen Optionen, sondern wegen dem, was er ist.“ Es genügt wirklich nicht, dass ein neuer Präsident nur „auf den Fernsehschirmen der Welt erscheinen muss, sieghaft und lächelnd“, dass er kein Weißer ist und eine einzigartige Lebensgeschichte aufweist, damit „Amerikas Image eine Art kopernikanische Wende erfährt“.

    Vielmehr sollte er neue konstruktive Politik bieten. Wird „der nächste Präsident sehr geringe Bewegungsfreiheit“ besitzen, wie Moïsi meint? Keineswegs! Er muss sich nicht notwendigerweise im Israel-Palästina-Konflikt einseitig aufseiten Israels engagieren. Er muss nicht Russland durch unnötige Raketen in Polen und Tschechien provozieren. Er muss nicht endlos Truppen im Irak und in Afghanistan aufrechterhalten. Er kann einen Kurswechsel einleiten in der Außenpolitik; und auch angesichts der Herausforderungen des Klimawandels, der Krise des internationalen Finanzsystems und der verheerenden Lage des US-Haushalts. Er sollte die gleiche Strategie der „soft power“ gegen Iran anwenden, wie sie sogar Präsident Bush gegenüber Nordkorea verfolgt hat.

    Nicht Aussehen oder Geschlecht des kommenden Präsidenten, sondern seine politischen Optionen werden darüber entscheiden, ob die US-Politik beim Rest der Welt wieder ankommt und ob sie einige der Schäden der Bush-Regierung reparieren kann. Schäden aufgrund eines arroganten und selbstbezogenen Konzepts von Außenpolitik, das zehn Jahre vor dem 11. September 2001 von Paul Wolfowitz und anderen „Neocons“ geplant worden war.

    Um ein ziemlich hoffnungsloses Jahrzehnt zu überwinden, braucht der neue US-Präsident wirklich die „Kühnheit der Hoffnung“ (so der Titel von Obamas Buch): nicht mehr eine als Idealismus verkleidete größenwahnsinnige machiavellistische Machtpolitik, die zerstörerisch ist, sondern wieder eine realistische Außenpolitik in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht und globalen ethischen Standards. Dies alles ist letztlich eine Frage des Ethos. Deshalb habe ich als Weltbürger mit Schweizer Wurzeln das Wagnis unternommen, laut und deutlich meine Meinung zu sagen – im Interesse von Weltfrieden und Weltethos. (DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.2.2008)

  • Hans Küng ist emeritierter Professor für ökumenische Theologie an der Universität Tübingen. Er ist Präsident der Stiftung Weltethos (www.weltethos.org) und u.a. Verfasser einer Trilogie über Judentum, Christentum und Islam. Seine Kommentare werden regelmäßig im Standard erscheinen.
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