Licht und Schatten

22. Februar 2008, 13:00
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Die Moderne Tel Avivs ist eine architektonische Sensation. Wer noch nicht dort war, kann sich anhand einer Ausstellung im Architekturzentrum davon überzeugen

Diese Stadt ist eine einzige eigenartige, bittersüße Zeitreise für architekturgeschulte Menschen, gerade wenn sie aus Wien kommen. Die Häuser. Die Menschen. Die Geschichte – und die Geschichten dazwischen.

Man schlendert über die Boulevards, vorbei an lila Wolken blühender Bougainvilleahecken – und dahinter sieht man die von der Mittelmeersonne rasierklingenscharf in Licht und Schatten geschnittenen weißen Fassaden einer Moderne in den blauen Himmel ragen, wie wir sie hierzulande nur aus den Architekturgeschichtsbüchern kennen. Ein nicht enden wollender Genuss. An jeder Straßenkreuzung, in jeder Gasse eine neue kleine architektonische Sensation aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Stünde nur eines dieser Häuser in Wien – man würde ihm huldigen und es zu einem Museum, zu einer architekturtouristischen Ikone machen. Vielleicht aber auch nicht, vielleicht wäre man selbst heute noch zu blöd dazu. Liegt es an der eigenen Ignoranz, dass man von der Existenz dieser israelischen Bauhaus-Moderne erst seit ein paar Jahren überhaupt Kenntnis hat?

Sicherlich. Oder haben wir das andererseits schlichtweg nicht gelernt, damals an der Uni, zwischen Corbusier, Gropius und Bauhaus Weimar, Bauhaus Dessau? Eine heikle Frage, und sie wäre weniger heikel, läge Tel Aviv beispielsweise in Südafrika und nicht in Israel.

Eines der vielen Straßencafés von Tel Aviv. Eine lustige alte Dame, klein und dick und mit Goldrandbrille. Nur eine von vielen Zufallsbekanntschaften in dieser kommunikationsfreudigen Stadt. Nach einer Viertelstunde fließt das Englische plötzlich ins Wienerische – Vienna? Oh! Sie kommen aus Wien! Dort komm ich auch her. Aus dem achten Bezirk.

Ein altes Haus, eine große Wohnung und die hohen Flügeltüren zwischen den Zimmern, das Rattern der Straßenbahn draußen, der Kastanienbaum vor dem Fenster, daran wird man sich immer erinnern.

Was ist Architektur? Die brillan-ten Formen- und Materialspielerei-en räumlich ausnahmetalentierter Selbstvermarkter, mit deren Hochglanzabbildern wir heute ununterbrochen optisch gespeert werden – so lange, bis vor lauter Speerlöchern kein Inhalt mehr zu sehen ist?

Oder ist Architektur tatsächlich viel mehr – ein Stück Erinnerung, ein Teil der eigenen oder gar nationalen Existenz, etwas, das die Menschen, die darin leben, mitformt und dauerhaft prägt.

Architektur für ein Kollektiv

Oder, im besten Fall, eine kollektive Angelegenheit, und die Kunst, große Mengen verschiedenster Materie zu einem logischen, zusammenhängenden Stadtgebilde zu formen, in dem Menschen, ihren menschlichen Bedürfnissen entsprechend, leben können? Offene Räume, geschlossene Räume. Räume der Bewegung, des Aufenthalts, des Konsums, der Kommunikation, der Stille. Räume für ganz Junge und ganz Alte, für jene, die arbeiten und für jene, die miteinander oder allein ihre Freizeit verbringen.

Angesichts der vielschichtigen Architektur der Moderne Tel Avivs beginnt man jedenfalls wieder einmal zu grübeln, welch seltsame Richtungen die Kunst des Bauens mitunter eingeschlagen hat, seit gemeinsame Zielrichtungen verlorengingen. Etwa jene, die doch irgendwann einmal den Menschen ins Zentrum gestellt hatten.

Wie es zum Beispiel Tel Avivs erster Bürgermeister Meir Dizengoff tat. Ab 1911 war er hier der oberste Stadtplaner, später Bürgermeister bis zu seinem Tod im Jahr 1937. Er beauftragte 1925 den schottischen Biologen und Stadtsoziologen Patrick Geddes damit, einen städtebaulichen Masterplan für die extrem schnell wachsende Siedlung am Mittelmeerstrand zu erstellen.

Die deutsche Kunst- und Architekturhistorikerin Ita Heinze-Greenberg schreibt im Katalog zur Tel-Aviv-Ausstellung, die ab kommender Woche im Wiener Architekturzentrum zu sehen ist: "Wichtigste Charakteristika seines Bebauungsplans waren ein fein abgestimmtes, hierarchisch gestuftes Straßennetz, das von breiten Hauptstraßen bis zu ruhigen Wohnstraßen reichte, sowie die Einführung sogenannter Home-Blocks. Innerhalb dieser (...) befanden sich halböffentliche Einrichtungen wie Kindergärten oder Waschräume sowie gemeinschaftliche Grünanlagen. Rasen-, Tennis- oder Spielplätze sollten durch rosen- und weinüberwachsene Passagen miteinander verbunden werden. Diese über Nachbarschaftseinheiten geschaffene soziale Infrastruktur machte sicherlich die Stärke des Geddes-Plans aus."

30.000 Einwohner zählte damals die in den 1880ern gegründete Siedlung, die ab 1909 Stadt war, und sie wuchs rasch. Für 100.000 Einwohner plante Geddes, doch schon 1935 siedelten 120.000 Menschen hier. Heinze-Greenberg: "Unter den aus Mitteleuropa, hauptsächlich Deutschland, stammenden Einwanderern befanden sich auffallend viele – meist junge – Architekten." Und viele von ihnen hatten an den besten Architekturschulen Europas ihr Handwerk gelernt.

Die unzähligen Baustellen Tel Avivs wurden ab den späten 20er-Jahren zu Experimentallabors für diese junge Architektengarde, und in einem neuen Klima und unter völlig neuen kommerziellen und politischen Bedingungen entstand eine ganz eigene Architektur der Moderne.

Fast alles davon ist erhalten, rund 4000 Gebäude, und die bilden das Fleisch dieser Stadt. Die klare, unerhört elegante Architektursprache des Bauhaus wandelte sich hier zu ei-nem eigenen mediterranen Dialekt. Schnurgerade Balkone, eingeschnittene oder ausgestülpte Stiegenhäuser, Kuben und Zylinder – gemeinsam mit klug dimensionierten Vorgärten und Höfen, mit Durchgängen und Durchblicken, die oft unter aufgestelzten Hausteilen durchführen, bilden all diese Elemente ein großes, lebenswertes Ganzes.

Jeremie Hoffmann, Direktor des Denkmalamts von Tel Aviv, meint, dass diese Klarheit der Architektur oftmals als Ausdruck der Befreiung der neuen Siedler von der traditionellen jüdischen Lebensweise interpretiert werde, als Symbol eines Bruchs mit der Vergangenheit und als Manifest des Aufbruchs in eine neue Gesellschaft. Doch nicht alle Israelis stehen oder standen solchen Ansichten stets ausschließlich positiv gegenüber.

Unesco-Weltkulturerbe

Nichtsdestotrotz: Nachdem die weiße Stadt Tel Aviv ihr Erbe aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lange genug vernachlässigt hatte und die Mauern zu bröckeln begannen, besannen sich vor allem lokale Künstler und Architekten ab den frühen 80er-Jahren langsam wieder der Architektur und machten deren Bedeutung schrittweise auch öffentlich zum Thema. Ausstellungen wurden organisiert, Symposien veranstaltet, Forschungsgruppen installiert.

Im Jahr 2003 wurde die "White City of Tel Aviv" schließlich in die Unesco-Liste des Weltkultur- und Naturerbes der Menschheit aufgenommen. Das gesamte Areal umfasst rund 140 Hektar im Stadtzentrum, der Großteil der Häuser stammt aus den Jahren zwischen 1930 und 1948. Ein umfassender Sanierungsplan reguliert die seit einigen Jahren laufenden Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten. Es ist wieder schick geworden, im alten Zentrum Tel Avivs zu wohnen.

Doch die Stadt wächst weiter, und die Business-Hochhäuser rücken in bedrohliche Nähe. Es wird wieder einer kollektiven Anstrengung und wieder einer neuen Bewusstseinsbildung bedürfen, um die nächste Gefahr abzuwenden. (Ute Woltron, ALBUM/DER STANDARD, 16./17.02.2008)

"The White City of Tel Aviv", Architekturzentrum Wien, 21. 2. – 19. 5., Infos unter www.azw.at
Zur Ausstellung erscheint ein "Hintergrund", die vierteljährliche Publikation des Az W
  • Stünde nur eines dieser Häuser in Wien – man würde ihm huldigen und es zu einem Museum, zu einer architekturtouristischen Ikone machen – vielleicht aber auch nicht. Links: Leon-Recanati-Haus von Salomon Liaskowsky und Jacov Ornstein von 1935; Rechts: Esther Cinema von Yehuda und Raphael Magidovitch von 1939
    fotos: aus nitza metzger-szmuk "dwelling on the dunes"

    Stünde nur eines dieser Häuser in Wien – man würde ihm huldigen und es zu einem Museum, zu einer architekturtouristischen Ikone machen – vielleicht aber auch nicht. Links: Leon-Recanati-Haus von Salomon Liaskowsky und Jacov Ornstein von 1935; Rechts: Esther Cinema von Yehuda und Raphael Magidovitch von 1939

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