"Eine marginale Erscheinung"

Redaktion, 16. Februar 2008 17:00

Der Historiker und Politikwissenschafter Götz Aly rechnet in seinem neuen Buch mit der 68er-Bewegung ab – Im Interview über die 33er-Bewegung, Dutschke und Erinnerungen

DER STANDARD: Ihr neues Buch nennt sich "Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück". Was war für Sie das Irritierende bei der Beschäftigung mit den Vorgängen vor 40 Jahren, an denen Sie selbst beteiligt waren?

Götz Aly: Mein kritisches und selbstkritisches Verhältnis zu 1968 ist nichts Neues und hat schon Mitte der Siebzigerjahre begonnen. Irritierend und überraschend war für mich während der Archivarbeiten für dieses Buch, dass auf der "Gegenseite" keineswegs nur Hardliner und Postfaschisten am Werk waren, wie wir damals glaubten, sondern sehr vernünftige Menschen. Im Bundeskanzleramt, aber auch im Verfassungsschutz gab es in Deutschland einige sehr aufgeräumte Leute, die erstaunlich hellsichtig über die Revolte nachdachten.

DER STANDARD: Aber es gab doch auch erheblichen reaktionären Widerstand?

Aly: Klar, wenn man an den Berliner Polizeipräsidenten denkt oder manche Beamte im Innenministerium. Andererseits hat zum Beispiel der damalige deutsche Bundeskanzler, der CDU-Politiker und ehemalige NSDAP-Parteigänger Kurt Georg Kiesinger, angesichts der Studentenbewegung jüdische Remigranten wie den Sozialphilosophen Max Horkheimer oder den Politikwissenschafter Richard Löwenthal als Berater geholt und intern sehr verständig über die Jugendrevolte geredet. Das hatte ich nicht erwartet.

DER STANDARD: Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, sich diese ganzen neuen Quellen auch über die Gegenseite anzuschauen?

Aly: Es wurde über 68 bereits sehr viel Papier produziert, mit dem die einstigen Akteure sich selbst bespiegeln. Zudem veröffentlichten die 68er in ihrer aktiven Zeit ständig Broschüren, Zeitungen und Bücher, weil der Offsetdruck gerade billig geworden war. Aber diese Texte bieten immer dasselbe, sie sind langweilig und in einem hypertrophen Ton gehalten, den heute niemand mehr hören will. Ich bin dann einfach ins Bundesarchiv gegangen und habe mir die Akten der Bundesregierung durchgesehen, um in den von den Veteranen elend flach gemalten Historienschinken "Wir, die Helden von 1968" mehr Tiefenperspektive hineinzubekommen. Dabei bin ich auf recht erstaunliche Dinge gestoßen.

DER STANDARD: Welche zum Beispiel?

Aly: Dass die Bundesregierung die Sache sofort sehr ernst nahm und jede Menge Befragungen über die geistige und politische Lage des Landes und der Jugend in Auftrag gegeben hat. Dabei kamen paradoxe Ergebnisse zutage, die zum Teil geheim blieben. So hielt die deutsche Gesamtbevölkerung damals zu über 50Prozent den Nationalsozialismus für eine eigentlich gute, nur in der Durchführung schlecht gemachte Sache. Mehr als die Hälfte war dafür, dass eine Einheitspartei regieren sollte, und über 70 Prozent befürworteten die Todesstrafe. Davon unterschieden sich die Studenten enorm, sie waren demokratisch ausgerichtet. Und im Bundeskanzleramt erkannte man das auch sofort: dass diese kritischen Studenten die eigentlichen Demokraten waren.

DER STANDARD: Dennoch schreiben Sie, es gebe keinen Grund dafür, auf die 68er-Bewegung stolz zu sein.

Aly: Dass sich die Bundesrepublik damals als Ganze veränderte, war nicht das Verdienst einer hyperaktivistischen Minderheit. Die Notwendigkeit zur Veränderung folgte dem künstlichen Koma, in das die Deutschen nach 1945 versetzt worden waren, um sich von ihrer Zerstörungs- und Vernichtungswut zu erholen. Man darf ja nicht vergessen, dass nach dem Ende dieses wahnsinnigen, von Deutschland begonnenen Kriegs 80 Prozent der Zentren der deutschen Städte buchstäblich dem Boden gleichgemacht waren und zwölf Millionen Vertriebene herumsaßen. Vom Ausmaß dieser Lage nach 1945 hat man in Österreich nur eine schwache Vorstellung. Meine These ist nun, dass die Gesellschaft zwanzig Jahre später aus dieser Bewusstlosigkeit erwachte. Das geschah notwendigerweise in einer nicht gerade freundlichen Stimmung, also in Form einer gesamtgesellschaftlichen Orientierungskrise. Die Studenten haben diese Krise aufgrund ihrer privilegierten Situation und ihres Lebensalters bloß etwas extremer ausgelebt. Mehr ist zu 68 eigentlich nicht zu sagen.

DER STANDARD: Die 68er haben doch wichtige Beiträge zur Liberalisierung der Gesellschaft geleistet – egal, ob nun in Sachen Sexualmoral oder neue Werthaltungen.

Aly: Es gibt eine ganze Reihe von Ländern in Europa, die – so wie Österreich – von 1968 lange nicht so erschüttert wurden wie die Bundesrepublik. Deswegen sind die Österreicher, die Schweizer oder die Schweden heute auch nicht verklemmter oder weniger liberal als die Deutschen. Im Übrigen hatten die Bundesregierung und die Länderregierungen zahlreiche Reformen in Deutschland, vor allem auch im Hochschulsektor, schon am Beginn der 1960er-Jahre in Gang gesetzt.

DER STANDARD: Aber wenigstens die Befassung mit der NS-Zeit und die kritische Aufarbeitung der Verbrechen der Vätergeneration werden Sie der Studentenbewegung schwer absprechen können?

Aly: Gerade in dieser Frage ist die Bilanz der 68er-Generation im engeren Sinne katastrophal. In den frühen 1960er-Jahren bis 1966 kümmerten sich Leute wie Reinhard Strecker, der dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund angehörte, um die Bearbeitung der NS-Vergangenheit. Aber als es nach dem Tod von Benno Ohnesorg 1967 so richtig losging, waren diese Themen wie weggeblasen. Ich habe mir die Zeitungen dieser Zeit angeschaut. Da sind fast täglich große Geschichten über die NS-Verbrechen und Nazi-Prozesse zu lesen. Dass die in Gang kamen, war im Übrigen ein Verdienst der Bundesregierung, die damals viel daran setzte, die Verbrecher zu bestrafen und ihre Taten nicht verjähren zu lassen. Von den zahllosen Schriften der Studenten hingegen beschäftigt sich so gut wie keine mit der NS-Zeit.

DER STANDARD: Aber wie ist das zu erklären, dass sich die Studenten nicht dafür interessierten, wie Sie nun behaupten?

Aly: Meine These ist, dass der Staat der Gesellschaft zu viel an Grausamkeiten und Schuld zumutete. Gemessen an den Familien und der Privatsphäre können die staatlichen und justiziellen Anstrengungen zur Bearbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen als beachtlich gelten. Das wurde selbst den kritischen Studenten zu viel. Sie wandten sich ab, transformierten den Nationalsozialismus in einen angeblich internationalen Faschismus, um sich von der Last dieser Geschichte zu befreien. Damit wohnten die schuldbeladenen Nazis nicht mehr nebenan, waren nicht mehr unter den Familienmitgliedern, Nachbarn, den Lehrern oder Vorgesetztzen zu suchen, sondern zu wenig greifbaren "Monopolkapitalisten" gewandelt im fernen Washington oder sonst wo.

DER STANDARD: Apropos: Eine andere Hauptthese Ihres Buches ist, dass es erhebliche Parallelen zwischen der 68er-Bewegung und der 33er-Bewegung gegeben habe. Worauf stützen Sie diese starke Behauptung?

Aly: Ich habe für mein Buch die nationalsozialistischen Studentenblätter daraufhin gelesen, welcher antiautoritärer Protestformen sich die braune Studentenbewegung vor 1933 bedient hatte. Das Thema ist wissenschaftlich bislang nicht ausreichend behandelt. Bei dieser Lektüre stieß ich auf viele Parallelen: der wilde Aktionismus, das Antibürgerliche, der teutonische Furor, der Kampf gegen das Alte, aber für das Neue und Junge, sowie die utopische Ausrichtung auf eine sozial befriedete Gesellschaft – nur dass sie die 33er als rassisch befriedet dachten, während die 68er vorzugsweise auf die Marx’schen Kategorien zurückgriffen. Insgesamt sind die Ähnlichkeiten erschütternd. Der Nationalsozialismus war eben eine Jugenddiktatur, das muss man sich immer wieder klarmachen. Führende Nazis wie Goebbels oder Globocnik, der Gauleiter von Wien – die waren 1933 in ihren Zwanzigern oder frühen Dreißigern.

DER STANDARD: Sind die Unterschiede zwischen den 33ern und den 68ern nicht viel bedeutender?

Aly: Klar. Die wichtigste Differenz liegt auf der Hand: Die Revolte der einen führte rasch zur Macht, zu furchterregenden Karrieren und Konsequenzen; die der anderen endete ebenso rasch in der Niederlage, zumindest in der Zersplitterung. Während die einen fürchterliche Katastrophen angerichtet haben, blieben die 68er eine marginale Erscheinung: ihre Protagonisten verzögerten ihre Berufskarrieren, manche verloren den Anschluss ganz. Aber etwas richtig Gefährliches ist daraus nicht entstanden.

DER STANDARD: Sie schreiben in Ihrem Buch auch, dass die Parallelen schon von den remigrierten jüdischen Sozialwissenschaftern gesehen worden wären.

Aly: Richtig. Leute wie Ernst Fraenkel, Eric Voegelin, Richard Löwenthal oder Max Horkheimer haben rund um 1968 sofort Ähnlichkeiten zu den Aktionsformen der NS-Studenten bemerkt und die Gefahr des Abgleitens einer zunächst basisdemokratischen Bewegung ins Totalitäre gesehen. Ich mache es mir heute zum Vorwurf, oder besser: Ich finde, es sollte festgehalten werden, dass wir diese Mahnungen, die damals deutlich ausgesprochen wurden, überhörten und uns stattdessen für so eine totalitäre Figur wie Mao Tse-tung und am Ende selbst noch für die Kambodschanische Revolution begeistert haben, die vom Völkermörder Pol Pot geleitet wurde.

DER STANDARD: Hätten Sie von deren Verbrechen damals überhaupt wissen können?

Aly: So genau nicht. Aber einiges schon. Ich selber habe jedenfalls all die Informationsmöglichkeiten ausgeschlagen, die ich damals über die chinesische Kulturrevolution hätte haben können. Am selben Institut, an dem ich studierte, dem Otto-Suhr-Institut an der Freien Universität Berlin, lehrte und forschte damals einer der besten China-Experten Deutschlands. Alles, was dieser Mann damals zur Lage in China veröffentlichte, hat sich später als richtig erwiesen. Wir aber haben diesen Gelehrten, er hieß Jürgen Domes, als Reaktionären abgetan.

DER STANDARD: Einer, dem Sie besonders totalitäre Tendenzen nachsagen, ist Rudi Dutschke. Warum?

Aly: Das Dutschke-Bild hat bereits in den letzten zehn Jahren einigen Schaden genommen. Vor allem seitdem die nach undurchsichtigen Kriterien gekürzte Version seiner Tagebücher von seiner Frau Gretchen Dutschke veröffentlich worden ist. Aber selbst in der Version wird dieses Totalitäre und Machtbesessene deutlich sichtbar. Was mich zudem verärgert, ist die Tatsache, dass die Witwe zwar den Nachlass dem Bundesarchiv übergeben, ihn aber für jede Benutzung auf unbestimmte Zeit gesperrt hat. Das halte ich für ein zutiefst antiaufklärerisches Verhalten. Für mich entstand daraus ein zusätzliches Motiv, die zugänglichen Quellen noch genauer anzuschauen.

DER STANDARD: Aber Verbindungen zum militanten Kampf der RAF haben Sie da wohl nicht finden können?

Aly: Es gibt eine Tendenz unter den 68ern, die Tendenz zur Gewalt, die der Studentenbewegung innewohnte, auf die RAF abzuschieben und das angeblich oder tatsächlich Schöne und Emanzipatorische – freie Liebe, antiautoritäres Verändern, politische Partizipation – für sich alleine zu reklamieren. Ich setze dem auf Basis meiner eigenen Erfahrungen und der historischen Quellen entgegen, dass sich die Gewalttätigkeit lange vor der RAF und auf breiter Front entwickelt hat. Und da war Dutschke natürlich mit dabei.

DER STANDARD: Können Sie dafür wenigstens ein Beispiel nennen?

Aly: Ach, da gibt es genug klare Ansagen. Nehmen Sie die Rede, in der Dutschke "Aktionen jenseits des bestehenden Rechts" vorschlug, oder die, in der er auf den Brandanschlag auf den Wiener Justizpalast 1927 Bezug nahm und meinte: "Jeder soll selbst nachdenken." Dass Dutschke bloß den langen Marsch durch die Institutionen propagiert haben sollte, das ist eine hübsche Legende.

DER STANDARD: Dennoch war er bis zum Attentat auf ihn am 11. April 1968 der charismatische Führer der Bewegung.

Aly: Ja. Vor allem erschien er uns als charismatischer Redner. Das Merkwürdige war, man verstand den Inhalt dieser Reden nicht, konnte ihn auch nicht verstehen, sie sollten keinen konkreten Inhalt transportieren, sondern politisch-romantische Erweckung. Betrachtet man sich die Filmaufnahmen dieser Reden heute, kommt einem die Rhetorik aus der historischen Distanz ein bisschen hitlerhaft vor, jedenfalls fremd wie aus einer fernen Kinowelt.

DER STANDARD: Wie können Sie sich das als Historiker und Zeitzeuge erklären?

Aly: Meine These ist, dass wir jungen Leute damals geistig unser Vaterland verlassen wollten und dafür selbst noch die sprachlichen Brücken abbrachen. Am Ende drückten wir uns in einem Kauderwelsch aus, das unsere Eltern und Lehrer, schließlich aber auch wir selbst nicht mehr verstehen konnten.

DER STANDARD: Sie wurden im Mai 1968 21 Jahre alt und waren einigermaßen intensiv verstrickt in die Ereignisse in Berlin. 1976 sind Sie im Zuge des Radikalenerlasses von Ihrem Job suspendiert worden. Wie haben Sie das damals empfunden?

Aly: Ich war erleichtert, weil ich ohnehin schon überlegt hatte, damit aufzuhören. Ich war bis Ende 1973 für eineinhalb Jahre Mitglied der Roten Hilfe gewesen, und diese Organisation war relativ nah am Terrorismus. Ein paar Leute der Roten Hilfe sind selbst Terroristen geworden. Ich habe diese Mitgliedschaft bei einer amtlichen Befragung nicht angegeben, was wahrscheinlich nur der formale Grund für die Entlassung als Heimleiter war.

DER STANDARD: Was haben Sie da gemacht?

Aly: Die Idee war, die jungen Leute im Marcuse’schen Sinn vom falschen Bewusstsein zu befreien. Es hatte aber keine drei Monate gedauert, bis ich sah, dass es keinen Sinn hat, diese Leute gegen den Staat aufzuhetzen. Meine Entlassung wurde ein Jahr später per Gerichtsurteil rückgängig gemacht, ich erhielt meine Bezüge rückerstattet. Ein dreiviertel Jahr später habe ich selbst gekündigt.

(Klaus Taschwer, ALBUM/DER STANDARD, 16./17.02.2008)

Zur Person:
Götz Aly (60), deutscher Historiker, Politikwissenschafter und Journalist. Studierte ab 1968 an der FU Berlin. Autor von Standardwerken über den Holocaust ("Vordenker der Vernichtung", 1991, und "Endlösung", 1995). Sein Buch "Hitlers Volksstaat" (2005) löste in der Fachwelt heftige Debatten aus. 2007 erhielt er das deutsche Bundesverdienstkreuz.
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Posting 1 bis 25 von 64
1 2
py rx
21.02.2008 15:52

na zum glück erhielt er das deutsche bundesverdienstkreuz. jetzt weiss ich wiedermal, warum ich (als linker) hauptsächlich die angeblich so konservative presse lese. so ein fader schas, das interview. rotfront!

stimme zu
17.02.2008 17:33
Die 68er und ihre größten Helden...

... Mao, Lenin, Stalin, Pol Pot.

Der Völkermord als zentraler Programmpunkt.

Aber die Leute haben eine gute PR. Sie werden gelobt.

Da stellte die sich auf die Straße damals, mit Mao Bibeln (auch ein gewisser Hr. Sartre) und sagten damit nichts anderes als:
Den Völkermord den Mao in China gemacht hatte (damalige Bilanz etwas 80 Millionen vernichtete- von denen die Bewegung wusste - die leute waren voll informiert) - so einen V ölkermord wollen wir bei uns auch machen.

Sina .
17.02.2008 16:57
2.teil

...nicht abzustreiten. und den vergleich mit faschistischen ideologien kann man bald einmal wo stellen. trotzdem halte ich die ideologien der des faschismus weitaus bedenklicher. und auseinandersetzung der regierung in österreich damit? so gut wie keine, wenn man bedenkt, wie die rückkehrer nach 45 behandelt wurden.
9783822863626

che guevara1
18.02.2008 11:05
es ist offensichtlich3

und seit den 80igern verstärkt beobachten. teilzeitarbeit, flexibilität usw. die forderungen wurden aufgenommen ver-rückt und wieder ausgespien. nicht nur der technische fortschritt war beförderer der veränderung im kapitalistischen system, es bedurfte auch einer gesellschaftlichen veränderung.

Sina .
17.02.2008 16:51
eigentlich logisch

gewalt war eigentlich immer der ausgangspunkt für viele sachen, und auch der grundstein unserer kultur. und dass es nach den 68ern einen massiv regierungspolitisch gesteuerten sogenannten backlog gegeben hat (denn natürlich hat man die revolutionäre ernstgenommen und wollte dagegen wandlen). man hat gezielt einen wertewandel betrieben und die alten werte (konservative familie und monogamie, etc.) wieder aufleben lassen. das ist auch ganz besonders in der wissenschaftsförderung zu sehen, wenn man bedenkt, wer hinter welchen forschungen welche gelder bekommen hat. alternative lebensstile wurden nicht zur erforschung gesponsert. dass die 68er natürlich genauso gewaltbereit waren wie jede bewegung vorher nachher oder dazwischen ist bestimmt

che guevara1
18.02.2008 11:01
es ist offensichtlich2

in eine breitere strukturalistische tendenz einzuordnen ist.
d) ob 68 etwas verändert hat oder nicht wird von dem autor bezweifelt. naja, es gibt zwei seiten, verbotsgesetze, tiefste erschütterung in frankreich, antikoloniale kampf, im weiteren aber auch stark verbürgerlichte bewegungen wie anti atom anti atomwaffen usw.
e) was wäre für den autor die alternative gewesen. brav zu sein, sich auf den rechtsstaat zu verlassen und weiterhin extrem hierarchische strukturen zu akzeptieren.
f) aber auch unintendierte nebenfolgen waren durchaus spührbar. man könnte 68 auch als ein vorspiel zur krise des fordistischen gesellschaftssystem lesen. der ruf nach persönlicher freiheit wurde von der ökonomie aufgenommen, das ergebnis könen wir

Sina .
18.02.2008 15:20

natürlich haben die 68er was verändert. sehen sie sich mal die lobau an. ist das etwas nichts? man kann alles bagatellisieren. und emanzipation (obwohl viele frauen davojn selten gebrauch machen) ist auch eine errungenschaft die ganz gut ist.

Sina .
18.02.2008 15:18

wo ist der teil eins von logisch? finde das nicht. mah geh, von einer zeitung wie dem standard würde ich mir schon mehr ülatz für postings erwarten, denn komplexe zusammenhänge kann man nicht mit banalen 3 wörtern erklären, wir sind ja doch geneigt zumindest so zu tun als ob wir intellektuell wären im gegensatz zur krone wo man nur 5 zeichen frei braucht , um meinungen zu repräsentieren :-)

Irma la Douce
17.02.2008 16:13
Interessant dass da meine heimat überhaupt nicht vorkommt, oder?

Da war doch was in Paris im Mai ... aber das passt wohl nicht ins Konzept ;-)

Quintus Beckloeffel
17.02.2008 15:54
Wenig Neues unter der Sonne

Ich kenn sogar einen Stammtisch, an dem sich mehr oder weniger regelmäßig Alt-68er treffen und sich u.a. über Kritik an der 68er-Bewegung aufregen, die von Jungen kommt, "die die damalige Zeit nicht miterlebt haben und sich darum kein gerechtes Urteil bilden können". Fehlt nur noch, dass die ergrauten Revolutionäre i.R. einen Kameradschaftsbund bilden und alljährlich mit Blasmusik zum Che-Guevara-Denkmal ausrücken.

Es wiederholt sich eben doch viel mehr, als sich ein Anhänger eines dialektischen Historizismus eingestehen mag.

systemfehler1
17.02.2008 15:31
Die 68er waren wichtig. 1968

und auch ein paar Jahre danach. Zu durchsetzt war D(und auch in Ö) die öffentliche Verwaltung, die Unis und das Rechtswesen mit viel zu früh entnazifizierten Beamten, Lehrern, Richtern usw.
Allerdings hat die Bewegung gezeigt, wie leicht sich solche Anliegen instrumentalisieren, und später auch kommerzialisieren lassen, und damit auch zu einem Mythos werden. Daß solche "Umstürze" auch immer in Gefahr schweben von faschistoiden Mechanismen angetrieben zu werden, läßt sich auf fast alle gruppendynamischen Vorgängen sagen. Auch das solche Gruppen immer wieder ihre Alfatiere brauche.
Mein Fazit: 68er Bewegung war wichtig, aber jetzt schreiben wir 2008, daß vielleicht ohne 68er anders aussähe als es jetzt der Fall ist.
Ansonsten: Wortknapphei

socken trocknen
17.02.2008 14:46
...deswegen sind die österreicher, schweizer oder schweden nicht verklemmter als die deutschen.

diese aussage mag für die schweden zutreffen, evtl noch für die schweizer. wenn herr aly jedoch einige zeit in unserer geliebten heimat zugebracht hätte wüsste er das er kaum wo verklemmtere grundhaltungen antreffen wird als in ö. man denke an die hartnäckigkeit der diskusionsverweigerung in nahezu allen gesellschaftspolitischen fragen. (asyl-, behinderten-,schul-, drogen-, frauenpolitik....) oder auch an die kaltschnäuzigkeit mit der recht gebeugt (ortstafel) und die dumpfheit mit der xenophobie geschürt und argumentiert wird (minarettverbot). im vergleich mit gefestigten europ. demokratien kann man österreich getrost als eines bezeichnen: klemmhausen

_mokusho_
 
17.02.2008 13:06
was gerne übersehen wird

ist, dass die argumente der väter oder mütter in der rebellion oder kritik nur sozusagen umgepolt werden, die psychologie aber von ihnen unhinterfragt übernommen wird. was bedeutet, dass die art und weise wie kritik geäussert wird, wieder nach demselben muster ablaufen wird. macht, manipulation, ignoranz etc. alles was der herr aly hier angesprochen hat. an den reaktionen der (alt)linken hier sieht man wieder, dass sie es noch nicht gekneisst haben, und einen in endlose diskussionen und analysen nach dem muster der ideologiekritik verwickeln wollen. ich kenne diesen blinden fleck schon aus unendlichen diskussionen mit meinem vater, einem leidenschaftlichen dutschke fan und aus den erfahrungen mit vielen marxisten und linken aus dem studium.

Irma la Douce
17.02.2008 16:06
Das gilt vielleicht für Geisteswissenschaftler, aber


an den Nawi-Fakultäten herrschte damals durchaus kritische distanz. Und a propos, was ist mit Frankreich?

che guevara1
18.02.2008 10:55
es ist offensichtlich

wieder an der zeit wie jeds jahr die 68er bewegung zu diskreditieren. das nun ein solcher versuch kommt, der tatsächlich mit haarsträubenden argumenten arbeitet ist wahrlich eine überraschung.
die betrachtung die hier geliefet wird ist schlichtweg verkürzt.
a) 68 war kein deutsches phänomen. deshalb ist die parallelisierung mit den nazis sehr verkürzt. 68 war ein globales phänomen man denke nur an frankreich, prag, mexico usw.
b) die konzentration auf dutschke und die analyse entlang massenpsychologischer pänomene krankt an der frage der ursachen dieser revolte.
c) mit keinem wort wird die bezugnahme auf geopolitische situation erwähnt. ach ja mao, die rezeption der mao texte war tatsächlich verkürzt. stand aber i einer tradition die

_mokusho_
 
17.02.2008 15:24
natürlich

geht es hier nicht darum, alle in einen topf zu werfen. viele personen, aktionen und entwicklungen, die aus diesem geiste entstanden sind, haben viel gutes für unsere gesellschaft geleistet, unbestritten. wichtig ist mir aber vor allem, dass dieses freund/ feind schema sich heute nicht mehr so darstellt wie damals, hier die guten, die linken und kritiker, da die bösen, der staat, das system, die gesellschaft, der kapitalismus. wer so argumentiert macht sich letztlich selbst, was vor, den er ist immer auch ein teil dessen, was er verurteilt. wieso konnte es schliesslich zu den barbarischen entwicklungen im vermeintlich guten kommunismus kommen? weil man nie den zweck über die mittel stellen kann und darf. auf keiner seite natürlich.

plau graut
 
17.02.2008 14:31
"mein vater - ein Dutschke-fan"

kann ich zwar nicht behaupten.

Mein Alter Herr, Anti-kommunist durch-und-durch, vermochte den Dutschke Reden interessiert zuzuhören - und, was bei "gereiften Persönlichkeiten" selten ist, so wurde er bei manchen seiner Aussagen nachdenklich.

Die 68iger, deren markanteste Erinnerngen Mord&Totschlag nunmehr sind, waren in ihrem Ursprung doch um einiges mannigfacher, bunter, zum Teil auch gewaltfrei - und die intelligentesten unter ihnen, um einiges beachtlicher,
als die schmähende Reminiszenz erahnen läßt!

Was die Betrachtung hier völlig außer acht läßt: der Hintergrund eines besonders heftigen und leidenschaftlichen Konflikts zwischen den "Generationen"

was soll´s.

pegasus88
17.02.2008 12:00
Uralter Käse

Was Herr Aly da plaudert ist x-mal gegen die 68er Bewegung ausgesprochen worden. Und zwar bereits 1968! Die Revolte ist gescheitert, jetzt kommt die Abrechnung, Aly saugt wie ein Schwamm alle Denunziationen und Verdrehungen auf und kotzt sie nochmals aus. Dabei fuchtelt er ununterbrochen mit dem Wort "Wissenschaft". Kniet nieder, die Wissenschaft spricht! Der Kasperl sollte, statt sich dahinter zu verschanzen, einmal die Produktionsbedingungen von (Sozial)Wissenschaft reflektieren. Das wäre wirklich kritisches Denken.

Paul Reis
17.02.2008 16:23
"Produktionsbedingungen von (Sozial)Wissenschaft"

Das hast du sehr gut nachgeplappert. Sehr brav. Setzen.

Hinweis3
17.02.2008 00:55
Ein sehr notwendiges Buch! Eine Kritische Aufarbeitung der 70er und 80er Jahre in Österreich fehlt noch. Hoffentlich kommt das Bald.

Ernst Guevara
17.02.2008 14:40
Sie irren sich

eine solche aufarbeitung leistet
robert foltin:
und wir bewegen uns doch
soziale bewegungen in österreich
verschiedene texte des autors zum thema auf
http://www.grundrisse.net/texte.htm

byron sully
16.02.2008 22:05
find's gar nicht mal so schlecht,

sich auch sehr kritisch mit der 68er generation zu befassen. und find manche angesprochenen kritikpunkte durchaus berechtigt. aber den vergleich 1933-1968 find ich ordentlich daneben. damit verliert für mich dieses über manche strecken durchaus interessante interview wesentlich an wert. mit solchen weit überzogenen vergleichen kommt dann einem vor, daß es dem autor primär darum geht, sich möglichst von seiner eigenen jugend zu distanzieren. schade, denn anderes an seinen ansichten find ich überaus seriös.

re flexion
17.02.2008 13:50
Ob der Vergleich

33-68 überzogen ist mag ich nicht beurteilen, aber wenn man den Slogan "Wehret den Anfängen" ernst nimmt, dann muß man die Anfänge vergleichen und nicht im Blickfeld der Auswirkungen den Vergleich a priori als unzulässig erachten.

Wenn Aly in den nationalsozialistischen Studentenblätter viele Paralellen zu jenen der 68er erkennt, den Unterschied aber in den Lösungs-Kategorien sieht (Rassische vs. Marx’sche), dann ist das für mich nachvollziehbar.

rosa parks
17.02.2008 12:00
mir gehen "pendelschlag"-theorien...

...ihrer unreflektiertheit wegen auf den keks, aber mal so: natürlich haben die 68er nicht "die revolution" gemacht. sie waren halt zu einem bestimmten zeitpunkt an einem bestimmten ort (lies mal das streitgespräch aly gegen eine andere alt-68erin in der taz von diesem wochende). und warum hätten sie - rein soziologisch betrachtet - mit wesentlich anderem instrumentarium an diesem ort sein sollen als ihre eltern 30 jahre zuvor?
götz aly spielt mit einer dichotomie. dichotomien sind IMMER absurd (oops, das ist auch eine ;-)). aber wir brauchen doch nicht so zu tun, als ob die 68er vom NS quasi mythisch gereinigt waren. wodurch? durch das KZ, das bombardement, die US-amerikaner? sie waren es nicht. wir sinds leider auch nicht...

gridomo
17.02.2008 11:53

Was glauben Sie, wie hätte Deutschland ausgesehen, wenn die die MAcht übernommen hätten?

Wenn Sie auf diese FRage eine eindeutige Antwort haben, können Sie den Vergleich ablehnen.

Ansonsten interessantes Interview, vom Österreich der Nachkriegszeit hat der Mann aber wenig Ahnung.

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