"Das schönste Wien von unten"

19. Februar 2008, 19:08
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Mumifizierte Leichen und Gewölbe mit Reihen voller Särge - Die Michaelergruft in der Wiener Innenstadt

Die Reihe an Holzsärgen erstreckt sich über die ganze Länge der Gruft, mancher Sargdeckel wirkt verrutscht und gibt einen dunklen Spalt frei, einzelne Särge sind sogar ganz geöffnet und erlauben den Blick auf mumifizierte Leichen. Das Licht im Gruftgewölbe schimmert gelblich. Christoph Timmermann, der an diesem Morgen durch die Grüfte unter der Michaelerkirche in der Wiener Innenstadt führt, lässt den Eindruck erst einmal auf die Besucher wirken, bevor er mit seinen Ausführungen beginnt. Der Lärmpegel der Bozener Schulklasse auf Wienbesuch senkt sich schnell, erst recht als Timmermann erklärt, was sich in dem Kupferkessel befindet, der neben den Särgen steht: "jahrhundertealte Eingeweide, immer noch flüssig".

Eingestampfte Knochen

Tatsächlich gehörte es zu den Begräbniszeremonien jener Zeit, Körper, Eingeweide und Herz getrennt zu bestatten. Rund 4.000 Tote wurden von 1630 bis 1784, der durch ein Dekret Kaiser Josephs II. verfügten Schließung der Grüfte und Friedhöfe, unter der Michaelerkirche bestattet. Die ältesten Knochen, die im Zuge von Kabelverlegungen gefunden wurden, sind rund 600 Jahre alt. Seit Bestehen der Gruft sind die Särge aus Platzgründen zwei Mal samt Inhalt zerstört worden. Jeweils eine Lage mit Kleider- und Knochenresten wurde mit einer Schicht aus Sand und Lehm zugedeckt. Der Boden, auf dem die Gruftbesucher stehen, ist dadurch rund eineinhalb Meter in die Höhe gewachsen, weiß Timmermann zu berichten.

Dass es heute noch gut erhaltene, mumifzierte Leichen gibt, dürfte sich mehreren Faktoren verdanken. So wurden die Toten auf Hobelspäne gebettet, die die Leichenflüssigkeit absorbierten. Auch ein ständiger Luftzug und ein spezieller Pilz könnten den Verwesungsprozess mitgebremst haben. Die Hobelspäne tragen auch zum eigentümlichen Reiz der Mumien in der so genannten "Herrengruft" bei. "Herren" ist in diesem Zusammenhang als Standesbezeichnung zu verstehen, die auch Frauen einschließt. So wurden in diesem Bereich der Gruft Mitglieder des Hofadels bestattet, die über keine eigene Familiengruft verfügten. Die gut erhaltene Kleidung der Mumie eines Mannes weist auf seinen sozialen Stand hin: lederne Schnallenschuhe, seidene Oberbebekleidung und Samthose sowie Perücke. Die ein paar Särge weiter offen aufgebahrte Mumie einer Frau trägt ein seidenes Rüschenkleid, Schuhe mit hohen Absätzen und die Finger freilassende Handschuhe, auch aus Seide gefertigt.

Die Verlockung unter den Schülern, das royal schaurige Ambiente mit Handykameras einzufangen, ist merklich groß. Der Verweis auf das strikte Fotoverbot in der Michaelergruft genügt aber, damit Mobiltelefone und Fotoapparate in den Taschen bleiben. Anders als in den Familiengrüften, wie jener des Adelsgeschlechts Werdenberg mit ihren verdellten Zinnsärgen, ist der Großteil der rustikal mit Totenschädeln und Sanduhren verzierten Holzsärge nicht mehr individuell zuordenbar. Zu den Ausnahmen gehört Pietro Metastasio, ein Zeitgenosse Mozarts, dessen Sarg in den vergangenen Jahren restauriert wurde und der heute wieder zu besichtigen ist. 1631 war der Ausbau der Gemeinschaftsgrüfte für den niederen Hofadel, die einfachen Hofangestellten, Kaufleute und Pfarrangehörige in Angriff genommen worden. Die "billigste", weil vom Hochaltar am weitesteten entfernte letzte Ruhestätte hat laut Timmermann "ein gewisser Don Antonio, eine Nachfahre von Christopher Columbus" in einer Wandöffnung gefunden, die lange für einen Lüftungsschacht gehalten wurde.

Unbekannte Grüfte

Ursprünglich hatten alle Grüfte separate Zugänge. Mamorne, noch heute vorhandene Gruftplatten sorgten dafür, dass kein Verwesungsgeruch in das Kirchenschiff drang. Besuche von Angehörigen in der Gruft waren nicht üblich. In der Mitte des 18. Jahrhunderts waren die meisten Grüfte des weit verzweigten Systems über Gänge miteinander verbunden. Dennoch gibt es auch heute noch verschüttete und unbekannte Grüfte. In den 1950er und 1960er Jahren wurden Besucher durch die gesamte bis dahin erschlossene Gruft geführt, mit Taschenlampen und Kerzen, die Wachsspuren an den Särgen hinterließen. Einige historisch wertvolle Grabbeigaben und Inschrifttafeln wurden damals von Souvenirjägern erbeutet. 1979 erhielt die Michaelergruft einen gemeinsamen Besuch von Andy Warhol und André Heller, einem erklärten Bewunderer des Kellerlabyrinths, das für ihn das "schönste unten von Wien" verkörpert. Die Michaelergruft hat sich seitdem zu einer gut besuchten Attraktion entwickelt, die den Touch eines Geheimtipps hat und doch ohne jeglichen Kitsch und High-Tech-Inszenierungen auskommt.

Rund 200 Särge sind heute noch vorhanden, viele davon schwer beschädigt. Die vielen Knochen aus zerfallenen Särgen stapeln sich in zwei Wandnischen. Den Särgen machten in den vergangenen Jahrzehnten vor allem die hohe Luftfeuchtigkeit und ein bohrwütiger Rüsselkäfer zu schaffen. Mit einer Klimaanlage soll nicht nur ein für die Konservierung der Särge und Mumien ideales Raumklima geschaffen, sondern auch der Rüsselkäfer in eine Art Winterschlaf versetzt werden. 2005 wurden dringend notwendige Maßnahmen zur Erhaltung der Michaelergruft gestartet, aber längst nicht abgeschlossen. Eine Restaurierung ist derzeit wieder ausgeschrieben. Dass die Zähne eines Totenschädels an der Wand der Herrengruft in perfektem Zustand sind, erklärt Timmermann gegen Ende der Führung dann aber nicht mit Konservierungsmaßnahmen oder dem Raumklima, sondern damit, dass der Verstorbene offenbar nicht einer damals neuen Versuchung erlegen ist, die die Gebisse der Reichen seiner Zeit verwüstet hat: Zucker. (glicka, derStandard.at 19. Februar 2008)

Link
www.michaelerkirche.at

Führungen derzeit nur nach telefonischer Terminvereinbarung unter Tel. 0650/533 8003

Eine Broschüre mit dem Titel "Die Michaeler Gruft in Wien" von Alexandra Rainer liegt in der Michaelerkirche auf und ist für eine Spende von 2,50 Euro erhältlich.
  • Nicht die Eröffnungseinstellung eines Vampirfilms der Hammer-Studios, sondern Särge in der Wiener Michaelergruft.
    foto: michaelerkirche

    Nicht die Eröffnungseinstellung eines Vampirfilms der Hammer-Studios, sondern Särge in der Wiener Michaelergruft.

  • Ein Zinnsarg, der die Renovierungsbedürftigkeit der Gruft verdeutlicht.
    foto: michaelerkirche

    Ein Zinnsarg, der die Renovierungsbedürftigkeit der Gruft verdeutlicht.

  • Die Knochen der vielen zerstörten Sarge werden gestapelt aufbewahrt.
    foto: michaelerkirche

    Die Knochen der vielen zerstörten Sarge werden gestapelt aufbewahrt.

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