Gerechtigkeit für 50 Rupien am Tag

22. Februar 2008, 16:17
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Die Wirtschaftsmacht der Zukunft lässt ihre Frauen in Unterdrückung leben. Durch Hilfe von außen organisieren sie sich

Ein Milliardenvolk in zwei Welten: Indien, die Wirtschaftsmacht der Zukunft, lässt seine Frauen in Unterdrückung leben. Durch Hilfe von außen organisieren sie sich. Markus Bernath war in Westbengalen unterwegs.

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Trinken und schlagen. Für Suma Thakur bedeutet es mit 23 Jahren und zwei kleinen Töchtern schon das Ende eines normalen Ehelebens, für Sona Begum ist es ein kaputtes rechtes Ohr, für Soma Didi die ewige Sorge um das Geld für den Schulbesuch der vier Kinder, das der Vater versäuft. Sabra Begum wiederum sucht von Zeit zu Zeit Zuflucht bei den Eltern. Sie hatten die Tochter als Zweitfrau an einen Muslim verheiratet und stecken ihr nun, wo sich der Ehemann als Schläger und achtloser Vater entpuppt hat, regelmäßig ein paar Rupien zu. "Was soll werden, wenn sie einmal sterben?", fragt sich die 25-Jährige.

Die Erzählungen der Frauen von Kidderpore wechseln sich ab und gleichen sich doch. Kidderpore ist kein glücklicher Ort, erst recht nicht für seine Bewohnerinnen. Man lebt nicht wirklich in diesem Slum im Südwesten Kalkuttas, man überlebt nur; wenn es gut läuft, mit ein bisschen Würde.

Die junge Frau Thakur muss lächeln, als eine ihrer Freundinnen vom Besuch der Sozialarbeiterinnen berichtet und vom Ehemann, der die Helfer ein jedes Mal hinausgeworfen hat, aber beim dritten Anlauf zumindest den Mund hält. Das kennt sie zur Genüge. Auch sie hat das "Institute of Social Work" in Kidderpore zu Hilfe gerufen.

"Die Probleme begannen, als ich Töchter statt einen Sohn zur Welt brachte", erzählt sie. Ihr Mann prügelt sie dafür. Die Sozialarbeiter versuchten ihm zu erklären, dass eben nicht die Frau für das Geschlecht der Kinder verantwortlich sei. "Er hört jetzt zu", sagt Samu Thakur. Es ist nicht viel, doch dass sich die Frauen von Kidderpore treffen können und bald wohl auch ein Obdach gegen ihre gewalttätigen Ehemänner haben, ist schon ein Schritt nach vorn.

"Von außen betrachtet, mag es hier immer noch schäbig aussehen", sagt Susmita Bhattacharya, während sie durch die engen Gassen des Slums geht und hier und da Kinder grüßt, die sie im IWS kostenlos unterrichtet. "Aber die Einstellungen haben sich doch sehr geändert." Die muslimischen Frauen zum Beispiel seien früher nie aus ihren Häusern gekommen, jetzt können sie arbeiten und sich selbst organisieren.

Die große Mehrheit in Kidderpore sind Muslime, meist auch Einwanderer aus dem benachbarten Bundesstaat Bihar. Es ist ein verstädterter Slum mit kleinen gemauerten Häusern und Wasserstellen auf den Gassen, bei weitem nicht der schlimmste in der Millionenstadt Kalkutta, wo die Armut keine Zeit kennt.

60 Jahre nach der Unabhängigkeit, nach der verordneten Abschaffung der Kasten, dem Verbot der Mitgiftzahlungen, der gesetzlichen Ächtung von Kinderehen und jüngst nun auch der Gewalt in der Ehe ist Indien in zwei Welten geteilt: Callcenter und Software-Produktionen auf der einen, Frauen auf der anderen Seite, die den Vornamen ihres Ehemannes nicht in den Mund nehmen, weil die Tradition es verbietet, und stattdessen vom "Vater meines Sohnes" sprechen oder einfach nur von "ihm".

Das Land unter Wasser

Szenenwechsel. 100 Kilometer südlich von Kalkutta, immer Richtung Meer, wo sich der Ganges verzweigt wie die Finger einer Hand, ziehen Gopal und Bhakta über die Dörfer, Präsident und Vizepräsident einer groß gewordenen Hilfsorganisation und begnadete Schauspieler. Zweimal, manchmal dreimal im Jahr steht das Land hier unter Wasser, die Reisfelder wie die Hütten. Es hat die Menschen phlegmatisch gemacht. Vom Staat kommt wenig Hilfe.

Gopal Pramanik und Bhakta Purukayastha haben hier eine Geburts- und eine Augenklinik aufgezogen, bringen Toiletten in die Dörfer und versuchen mit kleinen Theaterstücken, die Bewohner aufzuklären, damit sie ihre Töchter nicht an durchreisende Zuhälter verkaufen. Die Frauen aber kleben Holzblumen aus weichem Bambus für Filmkulissen oder besticken einen Sari-Stoff für 50 Rupien am Tag, umgerechnet 87 Cent, der Profit geht in die Taschen der Händler.

"Ein winziger Prozentsatz von etwas ist auch etwas", sagt Margit Hauft, die Präsidentin der Katholischen Frauenbewegung Österreich, die das IWS in Kidderpore unterstützt und Gopals und Bhaktas Sundarban Social Development Center. Kleine Schritte seien das, doch mit dem eigenen Einkommen kommt auch das Selbstbewusstsein. "Die Frauen können aus dem Haus gehen, auch politisch aktiv werden." Denn da gibt es noch die Geschichte von Manjee Mistri, einer Frau um die 40, die sich eines Tages entschloss, bei den Gemeindewahlen auf der Liste der Kommunisten zu kandidieren.

Die Männer in ihrer Familie gaben ihr einen Rat: "Du kannst nichts, du weißt nichts. Wenn du nicht gewählt wirst, fliegst du raus." Manjee Mistri flog nicht aus dem Haus. Die "Schande", als Kandidatin aufgestellt zu werden, aber dann zu verlieren, hat sie nicht erlitten. Sie ist Gemeinderätin geworden in Kayabati. Und vielleicht hat mit ihrem Erfolg auch der eine oder andere im Dorf begriffen, was Demokratie ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.2.2008)

Weitere Berichte und Interviews von Ina Freudenschuss auf dieStandard.at. Zusätzliche Informationen über die Indien-Projekte der Katholischen Frauenbewegung unter
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Auf einem Lastwagen fahren Jugendliche in Kalkutta nach Hause. Eine halbe Million Menschen pendelt jeden Tag in Indiens größte Stadt. Kalkutta zieht Arme vom Land, aus den benachbarten Bundesstaaten und aus Bangladesch an. Frauen fällt es am schwersten, ihr Leben zu finanzieren.
    foto: bernath

    Auf einem Lastwagen fahren Jugendliche in Kalkutta nach Hause. Eine halbe Million Menschen pendelt jeden Tag in Indiens größte Stadt. Kalkutta zieht Arme vom Land, aus den benachbarten Bundesstaaten und aus Bangladesch an. Frauen fällt es am schwersten, ihr Leben zu finanzieren.

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