"Wir werden wieder die Bombe testen"

14. Februar 2008, 18:56
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Bharat Karnad, radikaler Vordenker einer indischen Machtpolitik, im STANDARD-Interview: "Indien hat keine Gesetze gebrochen"

Mit der IAEO in Wien verhandelt Indien derzeit über ein Abkommen, das die Kontrolle der zivilen Nukleartechnik möglich machen soll. Es wird nicht geschehen, versichert Bharat Karnad, radikaler Vordenker einer indischen Machtpolitik, im Gespräch mit Markus Bernath in Delhi. Indiens Premier fehlt dafür die politische Mehrheit.

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STANDARD: Im Westen gibt es viele, die das noch nicht ratifizierte amerikanisch-indische Atomabkommen von 2005 kritisieren, weil es Indien im Grunde für den Erwerb von Nuklearwaffen belohnt und andere Staaten auch dazu ermuntern könnte. Sie warnen dagegen und sagen, das Abkommen sei eine Falle für Indien. Sprechen wir von derselben Sache? Karnad: Der Unterschied, dessen sich vor allem die Europäer bewusst sein sollten, ist: Indien hat den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet. Und weil es den Vertrag nicht unterzeichnet hat, ist es auch nicht an seine Auflagen gebunden. Indien hat keine Gesetze gebrochen. Ich verstehe deshalb nicht diese Logik, derzufolge andere Staaten nun deshalb auch nach Atomwaffen streben. Indien ist ein einzigartiger Fall.

STANDARD: Indien wird dieses Abkommen mit den USA erhalten und dazu noch ein anderes mit der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO ...

Karnad: Das wird wohl nicht geschehen, wir werden uns dagegen wehren. Und sollte diese Regierung darauf besteht, wird die nächste das Abkommen widerrufen. Jeder Vertrag muss von einer Mehrheit im Parlament gebilligt werden. Diese Regierung aber ist in der Minderheit, und die Kommunisten im Koalitionsausschuss werden auch gegen ein Kontrollabkommen mit der IAEO stimmen. Es wird gar nicht erst unterzeichnet werden. In zehn Monaten spätestens ist die Regierung ohnehin weg.

STANDARD: Wie erklären Sie sich denn, dass sich Indien in der Atomfrage überhaupt so weit bewegt hat?

Karnad: Es ist vor allem die Überzeugung eines einzelnen Mannes, des Regierungschefs. Das Ironische daran ist, dass dieser Premierminister (Monmahan Singh, Anm.) nicht einmal gewählt ist; er ist für das Oberhaus nominiert worden. Dazu kommen dann noch einflussreiche Kreise in der Kongress-Partei, die ganze Bush-Regierung, Industrielle in Indien - Leute, die mit dem Nuklearabkommen Geld machen wollen.

STANDARD: Indien wird nicht eines Tages unter den Schirm des Atomwaffensperrvertrags (NPT) kommen?

Karnad: Oh nein. Der NPT ist durchlöchert, am Ende. Jetzt geht es um eine neue globale Ordnung. Ich sage: Zerstört den NPT völlig. Indien hat sich immer große Zurückhaltung auferlegt, aber diese Zurückhaltung ist nie honoriert worden.

Sie wurde als Tatsache angenommen. Halten Sie sich vor Augen, was ein so kleines, unbedeutendes Land wie Pakistan bei der Weiterverbreitung von Nukleartechnologie getan hat. Bedenken Sie, was Indien tun könnte, wenn es anfinge, mit seinen technischen Grundlagen wie China - nicht wie Pakistan - umzugehen! Wir sind eines der wenigen Länder, das beide Nuklearkreisläufe beherrscht, den Uran- und den Plutoniumzyklus.

Trotz dieser Zurückhaltung wird Indien als Täter dargestellt. Und nun sollen wir auch noch als Stütze für den NPT dienen. Treibt uns nicht zu weit! - Das sage ich meinen Freunden im Westen. Wir sind jetzt das Land mit der jüngsten Bevölkerung der Welt, die alte Generation von Politikern tritt ab. Immer nur nett sein hilft auf Dauer nicht.

STANDARD: Indien als neue globale Macht - schön und gut. Und was machen Sie damit?

Karnad: Wir wollen dieselben Vorrechte wie die anderen Großmächte. Wir brauchen Interkontinentalraketen mit einer Megatonne Explosionskraft. Wir kriegen sie auch. Abrüstung ist eine törichte Idee, die Geschichte zeigt, dass Regierungen und Familien nur abtreten, wenn mächtigere auftauchen, um sie zu ersetzen. Kein Land hat die technisch ausgereiftesten Waffensysteme entwickelt wegen der Ideale des Friedens. Niemals. Wir werden auch wieder Atomtests durchführen müssen. Das ist die andere Sache. Es geht nicht um das "ob", sondern nur um das "wann".

STANDARD: Kleine Staaten gibt es auch noch. Sie kommen ohne Atomwaffen aus und sind mitunter an Abrüstungsverträge gebunden. Dürfen sie in Ihrer Welt weiter existieren? Karnad: Natürlich. Sie können machen, was sie wollen. Aber es betrifft uns nicht wirklich. Die Probleme der kleinen Staaten sind für die kleinen Staaten. Sehen Sie, man nennt mich hier einen "Hyper-Realisten". Das ist meine Perspektive. Sie ist nicht zu widerlegen. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.2.2008)

  • Zur PersonBharat Karnad ist Forscher am Centre for Policy Research in Delhi und Autor zahlreicher Bücher zur indischen Sicherheitspolitik ("Nuclear Weapons and Indian Security", 2002).Karnad beriet die Hindu-Regierungen unter Premier Atal Behari Vajpayee (1998-2004)und gilt als der führende Theoretiker einer indischen Machtpolitik, die sich auf ein umfassendes Atomarsenal stützt.
    foto: bernath

    Zur Person

    Bharat Karnad ist Forscher am Centre for Policy Research in Delhi und Autor zahlreicher Bücher zur indischen Sicherheitspolitik ("Nuclear Weapons and Indian Security", 2002).

    Karnad beriet die Hindu-Regierungen unter Premier Atal Behari Vajpayee (1998-2004)und gilt als der führende Theoretiker einer indischen Machtpolitik, die sich auf ein umfassendes Atomarsenal stützt.

  • Infografik: Brennpunkt Indien

    Infografik: Brennpunkt Indien

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