Wo Kinder seine Melodien pfeifen

22. Februar 2008, 03:16
2 Postings

Das Arnold Schönberg Center feiert sein zehnjähriges Bestehen, Direktor Christian Meyer kann auf ein reiches Jubiläumsprogramm verweisen

Teil davon ist auch eine von der Tochter des Komponisten, Nuria Schoenberg-Nono, kuratierte Ausstellung.


Wien - Er gilt für viele als der wichtigste Komponist des 20. Jahrhunderts und dient anderen noch immer als Projektionsfläche für Vorurteile gegenüber moderner Musik: Arnold Schönberg (1874-1951), schon zu Lebzeiten von den einen als "Gehirnmusiker" verschrien, von den anderen als "Revolutionär" verehrt, hat die Geschichte der Komposition jedenfalls beeinflusst wie kaum ein anderer.

Der Meister selbst starb, wenig bedankt, im amerikanischen Exil. Doch sein Nachlass ist 1997 nach Wien zurückgekehrt. Bereits im folgenden Frühjahr öffnete das eigens dafür als Privatstiftung gegründete Arnold Schönberg Center seine Pforten. Im Palais Fanto, unmittelbar hinter Konzerthaus und Akademietheater gelegen, hat es sich seither mit Vorträgen, Ausstellungen und Konzerten zu einem Angelpunkt des Wiener Kulturlebens entwickelt.

Hatte für Schönbergs Kinder, wie es die Tochter Nuria Schoenberg-Nono ausdrückt, "die Entschlossenheit der Vertreter der Stadt Wien den Ausschlag gegeben, den Nachlass nach Wien zu transferieren", so streut auch der Direktor des Center, Christian Meyer, der Stadtpolitik Rosen: "Wir sind finanziell so ausgestattet, dass man wirklich gut arbeiten kann, was wir der Stadt Wien ebenso verdanken wie einigen Sponsoren. Der Nachlass konnte inzwischen immer wieder ergänzt und erst unlängst wieder mit einem frühen Lied bereichert werden."

20.000 Manuskriptseiten, 3500 Fotos, etliche andere Dokumente und Schönbergs gesamte Bibliothek werden im Center auf höchsten konservatorischen Standards restauratorisch betreut. "Ein Prozess, der nie abgeschlossen ist", wie Meyer betont. Darüber hinaus wurde intensiv an der Berliner Gesamtausgabe der Musikwerke mitgearbeitet und mit der Wiener Musikuniversität eine Edition der Schriften in Angriff genommen, in denen es nicht nur um Musik geht.

"Er hat über alles geschrieben, von Philosophie bis Tennis", wie Schoenberg-Nono berichtet. Im Center geht es nicht nur um wissenschaftliche Aufarbeitung, sondern auch darum, das Material so unkompliziert wie möglich allen Interessierten zugänglich zu machen. Sei es persönlich im Archiv und in der Bibliothek oder im Internet. So sind die Manuskripte als Scans online verfügbar und werden unzählige weitere Recherchemöglichkeiten geboten.

Das Webradio

Als Motor der Digitalisierung fungierte Schönberg-Sohn Lawrence, der gemeinsam mit Nuria und Bruder Ronald unlängst das Österreichische Ehrenkreuz entgegennehmen konnte. Auch sonst werden alle erdenklichen Möglichkeiten genutzt: Das Center war Vorreiter beim Webradio, bietet etliche Aufnahmen an und überträgt seine Veranstaltungen, Workshops und Masterclasses. Wenn man weiß, was für ein Technik-Freak und erfinderischer Kopf schon Schönberg selbst war, verwundert es nicht, dass auch seine Kinder ein Faible für alles Technische besitzen. Nuria Schoenberg-Nono, die im vergangenen Jahr ihren 75. Geburtstag feierte, will in ihrer Ausstellung "Arnold Schönberg - Wer ich bin" alle Sinne ansprechen und zum Entdecken einladen.

So wird sie auf einem Monitor die unzähligen Details von Schönbergs Arbeitszimmer aus Los Angeles erklären, das in einer Rekonstruktion ständig im Center zu sehen ist. In einem Replay-Raum lädt ein 16-kanaliges Surround-Lautsprecher-System dazu ein, Musik zu hören und zugleich in einer digitalen Partitur mitzulesen. Neben einigen Originalen seiner berühmten Gemälde kann man in einer Wohnzimmeratmosphäre auch Schönbergs Stimme lauschen. Musikmanuskripte gibt es eher wenig, denn, so Nuria, "das war für die einen immer zu viel und zu wenig. Ich hatte die Idee, dass die meisten Leute über Leben und Werk informiert werden möchten und die meisten keine Musikwissenschaftler sind."

Selbst entdecken

Letztere, aber auch alle näher Interessierten wüssten ohnehin, dass sie im Archiv willkommen seien. Stattdessen bietet die Ausstellung neben einem interaktiven biografischen Überblick auch unorthodoxe Details zum Angreifen, etwa faksimilierte Notiz- und Adressbücher mit Anschriften und Telefonnummern aus Wien, Berlin, London, Paris, Boston oder Los Angeles. Schoenberg-Nono: "Wir schreiben aber nicht groß hin, dass etwa Marc Chagall dort auftaucht. Das sollen die Besucher selbst entdecken können." Etwas vom Wichtigsten, das die Komponistentochter vermitteln möchte, ist, dass bei Schönbergs Musik stets die Emotionen im Zentrum stehen: "Mein Vater hat ständig über Gefühle und Ideen geredet. Seine Kompositionen nahmen oft ihren Anfang in einem bestimmten Erlebnis."

Und dieses Erlebnis sollte sich im Hören wieder einstellen. Daher freut sich auch Meyer besonders über jene Kinder, die an seinem Büro vorbeitoben und dabei Schönbergs Melodien pfeifen, wie sie es zuvor in einem der Workshops gelernt haben. Dies mag man als Symbol dafür sehen, dass Schönberg in der Stadt gut aufgenommen wurde, nicht nur durch die Philharmoniker, die dem Center ein Kammerkonzert schenken. Und Schoenberg-Nono ist entzückt, dass sich in Wien eine Wertschätzung ihres Vaters entwickelt hat: Immerhin gebe es jetzt die "Wahrnehmung, dass Schönberg ein Wiener ist, und dass die Leute darauf stolz sind". (Daniel Ender / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.2.2008)

Programmhinweis
Das Festkonzert mit dem Kammerensemble der Wiener Philharmoniker unter Dirigent Kent Nagano findet am 16. 2. (19.30) statt; am 17. 2. steht ein Abend im rhiz unter dem Motto "Freitonales Music Morphing auf den Spuren Arnold Schönbergs" auf dem Programm. Die von Nuria Schoenberg-Nono gestaltete multimediale Sonderausstellung "Arnold Schönberg - Wer ich bin" ist von 18. 2. bis 22. 8. zu sehen. Auch gibt es ein Vermittlungsprogramm für 7- bis 11-Jährige ("Schönberg klingt schön!"). (daen)

Link: www.schoenberg.at

  • Zehn Jahre Vermittlungsarbeit im Schönberg- 
Center: Direktor Christian Meyer und die Tochter des Komponisten, Nuria Schoenberg-Nono.
    foto: standard / newald

    Zehn Jahre Vermittlungsarbeit im Schönberg- Center: Direktor Christian Meyer und die Tochter des Komponisten, Nuria Schoenberg-Nono.

Share if you care.