Raus aus der Abseitsfalle

17. Februar 2008, 18:35
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Das Leopold Museum zeigt das Werk von Albin Egger-Lienz im bisher größten Ausmaß

Wien – Selbst das Meer ist bei Egger-Lienz eine Abstufung von Brauntönen, mit schwarzen und weißen Akzenten. Eine Aussage, die genauso richtig wie falsch, also vollkommen einseitig ist.

Richtig ist es, bezogen auf das Gemälde "Das Meer, Katwijk" (1913); falsch etwa – obwohl Egger-Lienz freilich ein Meister der erdigen Farben ist – im Hinblick auf ein Meerbild wie "Cherso", das geradezu von van Gogh'scher-Farbigkeit ist.

Es ist einseitig, den 1868 in Stribach bei Lienz geborenen Albin Egger allein als Maler zwischen Historie und Expressisonismus zu verorten, denn als den von den Nazis ideologisch vereinnahmten "Blut-und-Boden"-Maler. Dennoch fühlt man sich im ersten Saal der riesigen, 190 Objekten umfassenden Egger-Lienz-Schau im Leopold Museum mit dieser Visitenkarte konfrontiert.

Absichtlich, wie Kurator Gert Ammann gegenüber dem Standard erklärt. Ein Klischee also, das sich über das Klischee auflöst. Keine schlechte Strategie, wenn man es weiß. Wenn man es weiß. Denn dort am ersten Saaleingang hat man – wie fast überall – zunächst einmal die umfassende Zeittafel montiert. Jenes Ding, das – wie fast überall – dazu dient, Besucher zu stauen.

Zurechtgerückt

Vom etwas blockierten Start einmal abgesehen, geht es aber recht barrierefrei weiter. Dem Ansinnen, das Bild des Tirolers zurechtzurücken, wird umfassend Rechnung getragen; dazu tragen Leihgaben aus den Sammlungen des Tiroler Landes, Ferdinandeum und dem Lienzer Museum bei.

Von den Erinnerungen an die Heimat und die Münchner Zeit, in der sich der 20-Jährige in der Pinakothek im Kopieren alter niederländischer wie flämischer Meister übte, entwickeln sich die Kapitel über die Darstellung religiöser und bäuerlicher Motive oder die Darstellung des Tiroler Freiheitskampfes bis zu Porträts und Landschaftsbildern.

Daran schließen die dramatischen Kriegsbilder an, die zum Schluss der Ausstellung in existentielle Motive von Tod und Auferstehung münden. Starr und chronologisch ist die Schau dabei allerdings nicht. "Um Spannung zu erzeugen", hat man etwa die expressionistische Pietà von 1926 zwischen 20 Jahre ältere, der Tradition verpflichtete Bilder des religiösen Lebens gesteckt. Und im Durchblick kommuniziert diese wiederum mit den "Müttern" (1922/23), ebenfalls ein Pietà-Thema.

Ein geschicktes und schönes Spiel, das sich in der Ausstellung mehrmals wiederholt und die seltsam um sich greifende Mode vergessen lässt, mit aufgeblasenen Gemäldedetails Wände oder wie hier Türschwellen auszukleiden.

Highlight ist aber der ganz dem "Totentanz" gewidmete Raum, der eine vierte Fassung von 1915 zeigt, der mehrere Arbeiten von Constantin Meunier, darunter "Die Heimkehr der Bergleute", sowie eine kleinere Bronze-Fassung von Auguste Rodins "Bürger von Calais" gegenüberstellt sind.

Die Hintergründe zu Egger-Lienz' politischer Vereinnahmung, dem Hodler-Streit oder den zwiespältigen Charakter des Künstlers muss man aber im Katalog nachlesen. Schmerzlich fehlen dort, den Presseunterlagen sehr wohl beiliegend, ein Paar Absätze zur Provenienz der Bilder. Denn diese sorgt nach wie vor für Diskussionen. (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.2.2008)

Bis 29. Mai
  • Eine liebevolle und doch kühle Distanz in den Bildern seiner Kinder: Egger-Lienz' Tochter Ila.
    foto: leopold museum

    Eine liebevolle und doch kühle Distanz in den Bildern seiner Kinder: Egger-Lienz' Tochter Ila.

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