Saucen, die singen

Redaktion, 22. April 2008, 17:00
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    Tanglberg:
    2 mal 3 Gänge
    ca. 150 Euro exklusive Wein
    Tanglberg

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    Bergli:
    2 mal 3 Gänge
    ca. 120 Franken exkl. Wein
    Gasthaus Bergli

Schnitzli, Süppli, Brätli, Bergli und nasses Dessert: Bernhard Hlavicka erlebt in der Schweiz Höhepunkte aus den Achtzigern wie "nassen Schokokuchen" - und heutige in Vorchdorf

Der erste Berg ist eigentlich kein richtiger. Aber wenn man von Wien aus die Westautobahn fährt, beginnen ziemlich genau bei Vorchdorf die ersten Berge, im Blickfeld wie Schwammerl aus dem Boden zu schießen.

 

Bärlauch im Jänner

Herr Fidler hat ja den schönen Tanglberg schon vor Monaten hoch gelobt, und ich kann da einfach nicht widersprechen: Köstliche Bresse-Taubenbrust mit zarten Haxerln, exzellenter Zander auf Kalbskopf, wunderbar ausgewogen gewürzte Saucen, die so richtig singen, eine extrem intensiv-aromatische Schwarzwurzel im Pergamentblatt zum Milchkalb, und der erste Bärlauch (im Jänner!!!), der zur Velouté geschlagen wurde.

Bananendessert in vier Akten

Das grüne Bananendessert verführt in 4 Teilen delikat. Speziell das Valrhonasorbet erfrischt bekömmlich. Die Weinkarte ist klein, aber fein. Österreich und Bordeaux punkten schwer. Preislich geht es vor allem bei den Bordeaux steil bergauf.

Die Zimmer glänzen vor behutsamer Renovierung. Schlicht und schön, und ganz schön alt, mit extrem niedrigen Türstöcken – früher waren die Leute wohl kleiner.

Das Frühstück ist dann eine Vielfalt von Schinken und Marmeladen, Früchten und Joghurts, viel zu viel. Die quirlige und umsichtige Wirtin ist so sehr ums Wohl der Gäste bemüht, dass es fast schon unangenehm ist, wenn einem keine Wünsche mehr einfallen.

Bergli im Thal

Weiter ging es westwärts in den Schweizer Kanton Glarus, wo die Berge so richtig ausgewachsen sind. Dennoch heißt das besuchte Restaurant einfach nur Bergli. Das schwyzerdütsche Verkleinern setzt sich hier überall fort. In der Karte gibt es Schnitzli, Süppli und Brätli und jede Menge andere -lis.

Das Bergli ist ein einfacher Gasthof, liegt in Linthal inmitten einer schroffen Bergwelt, am Beginn der Auffahrt zum Klausenpass. Die wohlige Wärme der exponierten Hütte tut gut, und dass gut gekocht wird, erfreut besonders. Hinter uns macht die Tochter des Hauses Hausübungen. Die Mutter serviert charmant reserviert, der Vater steht in der Küche und schwingt den Löffel.

Weinmässig spielt es sich auf der Karte ganz schön ab. Vor allem ältere Bordeaux finden sich hier, zu überaus erträglichen Preisen. Und der eine oder andere Star aus anderen Ländern, wie zum Beispiel ein 1999er Kistler Chardonnay – Superstar aus Kalifornien.

Du, Biss in die Rose

Wir ließen uns 3-gängig überraschen, wobei die Überraschung nicht in besonderer Originalität lag, sondern eine Retroversion klassischer 80er-Jahre-Gerichte auf höchstem Niveau darstellte.

Der erste Gang war einfach und puristisch. Es handelt sich um eine "Rose" selbstgeräucherten Lachs auf Blattsalaten. Letztere waren sehr fein mariniert, erstere ziemlich voll aufgeblüht und geschmacklich hervorragend. Weder fett noch rauchig, sondern einfach harmonisch fließend. Dieses Highlight gibt es auch zum Mitnehmen übers Gässli um schlanke 8 Fränkli.

Gamberetti in der Spinatstola

Wir wählten einen Merlot aus dem Tessin. Naja, wir sind um eine Schweizer Weinerfahrung reicher, um ein paar Fränkli ärmer und gescheiter auch. Aber es gibt auch gute Schweizer Weine, man muss Sie nur finden. Joe Pfisters 1999er Merlot gehört nicht dazu.

Dennoch paßte er ganz gut zum Hauptgang: Rindsfilet mit Gamberetti auf Kartoffel-Ruccolapürree mit Wurzelgemüse und dunkler Sauce. Das Fleisch a point gebraten, die Gamberetti waren mit Spinat eingewickelt – das wirkte doch ein wenig gekünstelt, wiewohl das ganze Gericht sehr klassisch war. Aber wieso eigentlich nicht? Im Ergebnis jedenfalls erfreulich.

Schon wieder Dessert mal vier

Das Dessert kam auf vier kleinen Tellern und war eine Variation, aus der die Eigenkreation namens "nasser Schokokuchen" hervorstach. Dabei handelte es sich um krümeligen Schokoteiggatsch, warm und etwas angekrustet, recht fest und intensiv. Auch nett: das weiße Schokomousse mit frischen Erdbeeren. Im Sommer hat das Bergli dann noch eine wirklich ausnehmend schöne Terrasse mit Blick auf viele Berge. Zimmer gibt es auch.

Insgesamt wirkt es ein bisschen so, als ob hier die Zeit stehengeblieben wäre. Und das ist gut so, vor allem, wenn es so gut schmeckt.

Kommentar posten
21 Postings
Charles Milton Ling
00
23.4.2008, 15:09
Mousse/Mus

Es ist wieder einmal Zeit, auf den Unterschied hinzuweisen.
Die Mousse ist ein Schaum.
Das Mus ist ein Brei.

mikromalist
 
00
23.4.2008, 10:51
Wenn die Saucen im Duett

mit den Weinen "singen" bin ich immer etwas irritiert :=)
Aber die Charakterisierung von R. Steininger (Wirtin) ist eine journalistische Meisterleistung. Da beginnen meine Neuronen sicher mit Schnurspringen, wenn ich, hoffentlich bald, wieder von ihr umschwirrt werde.
BRAAAVOOO!

p.s. wenn Sie wieder einmal wunschlos sind, aber sich etwas wünschen wollen, erwähne Sie kurz, es gäbe das Gerücht 2 berühmte Künstler hätten sich, zur Zeit der Salzburger Festspiele, im T. EINQUARTIERT. Falls sie erzählt: Sie werden sich zerschiefern. Und versprechen Sie, das nicht zu veröffentlichen.

Der Frießnigel
 
00
28.4.2008, 11:31
Lieber Mikromalist, manchmal, in seltenen Sternstunden, kommen einem wirklich solche Harmonien unter, daß man meint, da singe und klinge was oder hätte etwas Nichtoptisches Farbe.

Synästethik nennt man sowas, denke ich.

Bei der Lionel-Hampton-Aufnahme von 1938 "When Lights are low" sehe ich Dunkelorange vor mir.
Und kürzlich habe ich ein letztes Schluckerl eines 2006er Escherndorfer Lump Silvaner Großes Gewächs vom Juliusspital Würzburg (der schmeckt lustigerweise sehr ähnlich einem GV Smaragd FX Pichler Kellerberg) nach dem Kaffee ("Leonardo" aus Vinci, artgerecht mittels guter Mühle und kleinem Pumpenmaschinderl zubereitet) über die Zunge rinnen lassen und sowas wie einen freudigen großorchestralen Akkord gehört; und das lag nicht daran, daß im Radio gerade die "Traviata" übertragen wurde.

Aber: Wie gesagt, selten sowas.

mikromalist
 
00
28.4.2008, 16:40
Ein spannender Punkt.

In den Musikwissenschaften, gehen manche davon aus, dass es nicht die Harmonien sind, die uns die Tränen, oder den eiskalten Rücken bescheren, sondern die "Brüche". Ähnlich, beim Essen und Trinken, behaupte ich.
Zu Cross-Harmonien kann ich nicht viel sagen, denn ich neige, eher dazu Ornette Coleman, Einstürzende Neubauten oder Netrebko und ein Top-Essen "orthogonal" zu geniessen.

ubu roi
00
28.4.2008, 22:00

wein nach kaffee ist eh ein bruch.

mikromalist
 
00
29.4.2008, 09:08
Diesmal bin ich nicht Ihrer Meinung.

Wein-nur-als-Essensbegleiter ist nicht unbedingt mein Motto. Häufig gelüstet mich nach einem langen, genussvollen Essen, mit Kaffee, nach einem konzentrierten weissen Rhonewein (zB Hermitage, oder ChdNdP) oder einem der dunkleren Burgunder. Zum "Meditieren".

ubu roi
00
29.4.2008, 10:37

bin ohnehin gegen einheitsmeinungen. meine idealvorstellung eines gelungenen abendessens: apéritif um 8, vier oder fünf gänge mit wein bis ca 11, halbzwölf, nach dem dessert noch kaffee und digestif, oder tee oder tisane, dann kann man eigentlich nur noch rauchen (und danach schmeckt man nichts mehr).
in der praxis leider viel zu selten durchführbar, eh klar, wein nach einem "normalen" essen ist ja nichts schlechtes. ich würde persönlich aber dann den kaffee weglassen.

Der Frießnigel
 
00
30.4.2008, 01:06
... oder den Kaffee eben um 2 Uhr früh nehmen,

nach etlichen Meditationströpferln....

;-))

spricht aa nix dagegen, oder? Zumindest wenn man nicht am (selben) Morgen um 05:30 aus den Federn muß.

mikromalist
 
00
29.4.2008, 10:43
Zur Last mancher

Restaurant-Betreiber hocken wir gerne bis 2h.
Das wird dann mit einem Hermitagepreis etwas süsser :=)

Der Frießnigel
 
00
28.4.2008, 23:44
Eh. Ich war einfach neugiering.

Und: Zing!

ubu roi
00
29.4.2008, 08:35

umso besser!

para_celsus
00
28.4.2008, 13:11
singe, klinge ... habe

sänge, klänge ... hätte

Spirogyra
10
28.4.2008, 22:54
Wenn Sie der Konjunktiv hier stört

dann werden Sie bei R.s Stadtgeschichten heiße Zähren weinen :)

rotationsprinz
00
29.4.2008, 15:52

Möglichkeitsform sehe ich nicht bekrittelt,
nur den unmotivierten Sprung aus der Gegewart in die Mitvergangenheit.

Der Frießnigel
 
00
28.4.2008, 14:24
Wie Si esehen, beschäftige ich mehr mit Kulinar- denn Grammat-ik.

Aber natürlich werde ich mir Ihren Einwand zu Herzen nehmen.


:-)))

para_celsus
00
28.4.2008, 15:21

war nur von wegen "harmonien"

Florian Holzer
01
23.4.2008, 00:18

super artikel, knapp und auf den punkt. schafft der fidler nicht immer (vor allem in italien nicht). wobei: der suspense im tanglberg ist ein spezieller, find ich, so pur, dass es mitunter schon weh tut, trotz all der gewohnten gourmet-dekadenz immer noch überraschend geradlinig und verblüffend. und vor allem so wunderbar un-österreichisch (verfeinerte bodenständigkeit - nein danke!). schweiz: genau die gleichen erfahrungen gemacht.

schmecks
00
23.4.2008, 00:52

versucht der fidler erst gar nicht, der muss eh immer so komprimieren in der zeitung.
und um hier die dinge auf den punkt zu bringen, hat er ja bei schmecks kundige kollegen wie herrn hlavicka, dem der fidler bei der gelegenheit wieder einmal sehr, sehr dankt!
besten gruß,
fid

Florian Holzer
00
23.4.2008, 10:58

ich hab aber auch irgendwie das gefühl, der bernhard isst weniger als du. beziehungsweise glaub ich, dass jeder mensch weniger isst als du.
:o)

schmecks
00
23.4.2008, 14:08

das täuscht :)

Der Frießnigel
 
00
28.4.2008, 11:31
ich z. B. ess sicher mehr!

:-)))

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