"Neid muss man sich erarbeiten"

15. Februar 2008, 09:05
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Deutschlands jüngster BWL-Professor, ein 27-jähriger Wiener, im derStandard.at- Interview über pragmatische KollegInnen und verpönte Karrieren

Mit 21 das Mathestudium abgeschlossen, gleich darauf Assistent und mit 27 BWL-Professor: Georg Schneiders wissenschaftliche Karriere ist bedeutend schneller verlaufen als die seiner KollegInnen. Für den Jungwissenschafter ist das alle eine Frage der Kompetenz. Und weil er die hat, erhält er auch den nötigen Respekt von den Studierenden und Professoren. Wieso er die Uni Wien für eine Stelle in Paderborn hinter sich gelassen hat, erzählt er im Gespräch mit Elisabeth Oberndorfer.

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derStandard.at: Sie sind Deutschlands jüngster BWL-Professor. Wie sind Sie dazu gekommen?

Schneider: Man bewirbt sich einfach, muss das Verfahren bestehen, als bester von allen Bewerbern ausgesucht werden. So wird man Professor. Da geht es nach Kompetenz, und nicht nach Alter.

derStandard.at: Denken Sie, wäre der schnelle Aufstieg auch in Österreich möglich gewesen?

Schneider: Die Systeme in Österreich und Deutschland sind relativ gleich. Hier ist es allerdings verpönt, an den Unis, wo man Assistent war, auch Professor zu werden. Die Universitäten bemühen sich, dass man seine wissenschaftliche Karriere nicht nur an einer Uni hat – was auch sinnvoll ist.

Natürlich hätte ich auch nach Graz gehen können – nur: Es muss ja auch eine Stelle frei sein. Die Aussicht auf eine Professorenstelle ist grundsätzlich in Deutschland höher als in Österreich.

derStandard.at: Ihre Studierenden sind teilweise älter als Sie. Wie reagieren die auf einen jungen Professor?

Schneider: In der Situation war ich schon in Wien, wo ich mit 22 Jahren Assistent wurde. In meiner ersten Vorlesung, die ich gehalten habe, waren sicher 70 Prozent älter als ich. Man muss über die fachliche Komponente einfach die Autorität ausstrahlen.

Wenn man das tut, gibt’s überhaupt kein Problem. Ich konzentriere mich in der Lehrveranstaltung auf den Inhalt – und überlege nicht: Wer ist hier älter als ich?

derStandard.at: Und wie sieht es mit den Professoren aus, die alle älter sind als Sie?

Schneider: Da geht es um fachliche Kompetenz – wo hat man bisher publiziert, was hat man geleistet. Sie hätten mich ja nicht genommen, wenn ich nicht gut gewesen wäre. Ich muss doppelt so gut sein wie ein 35-Jähriger. Deshalb habe ich den vollen Respekt meiner KollegInnen. Auch für mich war es erstaunlich, in so kurzer Zeit vom Assistenten zum Professor aufzusteigen.

derStandard.at: Gibt es keine Neider?

Schneider: Nein, das ist in Deutschland eine erstaunlich pragmatische Mentalität.

derStandard.at: Würden österreichische KollegInnen anders reagieren?

Schneider: Ich will nicht sagen, dass hier der Neid ausgeprägter wäre. Was ich dazu sagen kann: Mitleid kriegt man geschenkt, Neid muss man sich erarbeiten. Deshalb ist das eine Sache, die ich sehr gut ignorieren kann.

derStandard.at: Was sind Ihre Pläne für die Zukunft? Möchten Sie ewig an der Uni bleiben?

Schneider: Natürlich möchte ich Forschung betreiben und weitere Erfolge erzielen – zum Beispiel den Leibniz-Preis erhalten. Mittelfristig kann ich mir aber auch vorstellen, mein Berufsfeld zu erweitern. Ewald Nowotny hat sich ja auch von seiner WU-Professur karenzieren lassen und wurde dann Chef von der Bawag. Wirtschaft und Wissenschaft kann man also relativ gut kombinieren. (derStandard.at/14. Februar 2008)

  • Georg Schneider hat lieber Neid als Mitleid - seine KollegInnen in Paderborn respektieren ihn jedenfalls.
    foto: universität paderborn

    Georg Schneider hat lieber Neid als Mitleid - seine KollegInnen in Paderborn respektieren ihn jedenfalls.

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