Der gepflegte schlechte Geschmack

14. Februar 2008, 12:51
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Ralph Benatzkys "Weißes Rössel" in der Berliner "Bar jeder Vernunft"-Fassung in den Wiener Kammerspielen

"Mach das 'Rössl' wie Du willst - nur, mach's auf jeden Fall trashig ...", so Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger. Werner Sobotka ließ sich das nicht zweimal sagen. Seine Neuinszenierung des Singspiels von Ralph Benatzky in der Berliner "Bar jeder Vernunft"-Fassung in den Kammerspielen ist ein schreiendes Beispiel des gepflegten schlechten Geschmacks. Im Grunde genommen thematisiert Sobotka nicht das "Weiße Rössl", sondern den Kitsch an sich. Ob die schrillen Kostüme (Elisabeth Gressel), die urkomische Choreographie (Ramesh Nair) oder das grelle Bühnenbild (Hans Kudlich), all das ist eine ins Groteske übersteigerte Mischung aus altbekanntem Heimatfilmkitsch und Liveball-Ästhetik.

Dass Sobotkas Kitsch-Parodie nicht übers Ziel hinausschießt, ist zwei Punkten zu verdanken. Da wäre einerseits der swingende und mit kammermusikalischem Gespür umgesetzte musikalische Background (Leitung: Christian Frank) aus Klavier, Kontrabass und Gitarre. Und dann der solide, Lachsalven auslösende Spielwitz. Die Schmähs sind an eine MTV-geschulte Rezeption angepasst. Besonders geglückt ist die Wahl der Darsteller.

Viktor Gernot als verliebter Zahlkellner Leopold Brandmeyer besitzt den naiven Dackelblick ebenso wie die nötige Portion an gekränktem Stolz und ist so ein würdiger Gegenpart zu Eva Maria Marold als resche Rössl-Wirtin. Besondere Beachtung verdient das Bediensteten-Quartett, das mit Schwung und Präzision Revue-Theater-Flair aufkommen lässt. Ein wahres Prachtstück an Alpenkitsch ist Toni Slama als grantelnder preußischer Fabrikant, voller Charme auch die weiteren ihren Emotionen ausgelieferten Paare. Der Himmel in dieser Inszenierung ist wirklich voller Geigen. (spou / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10.2.2008)

  • Eva Maria Marold und Viktor Gernot in einem trashigen "Weißen Rössl"
    foto: corn

    Eva Maria Marold und Viktor Gernot in einem trashigen "Weißen Rössl"

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