Training für den Beckenboden

15. Februar 2008, 13:14
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Stöckelschuhe können die Beckenboden­muskulatur laut einer italienischen Urologin stärken, das weibliche Lustgefühl steigern und Inkontinenz vorbeugen

Die junge Urologin Maria Cerruto von der Universität Verona hat Erstaunliches festgestellt: Das Tragen von hohen Absätzen kann aktiv die Beckenbodenmuskulatur stärken. Zusätzlich kann sich eine gut trainierte Muskulatur im Unterleib auch positiv auf das weibliche Lustempfinden auswirken.

Projekt gegen Inkontinenz

"Stöckelschuhe verbessern den weiblichen Orgasmus!", folgerten italienische und britische Zeitungen prompt. "Aber um diesen Aspekt zu erforschen, haben wir unser Projekt nicht begonnen", betonte Cerruto. "Wir möchten Frauen helfen, die unter Inkontinenz leiden."

Muskelaktivität elektronisch gemessen

Für Cerrutos Studie mussten sich Frauen unterschiedlichen Alters mit unterschiedlich hohen Absätzen an den Füßen auf eine Vibrationsplatte stellen. Elektronisch wurde dann die Aktivität der Muskulatur im Becken gemessen.

Dabei wurde festgestellt, dass der Beckenboden sich bei etwas höherem Schuhwerk entspannt und die Muskulatur gestärkt wird. Sowohl bei gesunden als auch bei bereits von der Krankheit betroffenen Frauen konnte eine Verbesserung der Anspannungsfähigkeit festgestellt werden.

Idealer Fuß-Boden-Winkel bei fünf Zentimentern

Entscheidend ist hierbei der Winkel von 15 Grad, in dem sich der Fuß durch den Absatz vom Boden abhebt und der je nach Schuhgröße unterschiedlich ist. "Wir sprechen hier nicht von außergewöhnlich hohen Schuhen, sondern bei den meisten Menschen von etwa fünf Zentimetern", erklärt Cerruto. Dies sei jedoch völlig individuell, fügte sie hinzu. Das Projekt steckt allerdings noch im Anfangsstadium.

Alltagstauglichkeit wird erforscht

Darüber, ob das alleinige Tragen von Absätzen einer betroffenen Frau bei Inkontinenz Abhilfe verschaffen kann, kann Cerruto bisher noch keine Auskunft geben. "Als nächsten Schritt wollen wir nun genauer erforschen, wie sich unsere Resultate auf das Alltagsleben umsetzen lassen."

Studie durch Leserbrief publik geworden

Wie derStandard.at bereits berichtete, hatte die 34-jährige Urologin ihre Studien-Ergebnisse an die medizinische Fachzeitschrift "European Urology" gesendet. Der Brief war als Antwort auf einen im Oktober in der britischen "Daily Mail" erschienenen Artikel gedacht, demzufolge hohe Schuhe bei Frauen Schizophrenie verursachen könnten.

"Habe versucht etwas Gesundes festzustellen"

Die Medizinerin war geschockt. "Wie andere Frauen mag ich hohe Schuhe, auch wenn sie manchmal unbequem sind", schreibt Cerruto in ihrem Leserbrief. Also habe sie versucht, etwas Gesundes an ihnen festzustellen.

Orthopädische Relevanz

"Hohe Absätze kann man nur verurteilen", so Franz Landsiedl, Primar am Orthopädischen Spital in Wien Speising. "Wobei die Grenze zur Harmlosigkeit bei vier bis fünf Zentimetern Absatzhöhe liegt." Somit ist die orthopädische Unbedenklichkeit gerade noch im Bereich der idealen Beckenboden-Absatztraining-Höhe. Stöckel über fünf Zentimeter sind hingegen abzulehnen.

Schmerzen, Entzündungen und Muskelverkürzungen

Bei echten "High Heels" sei durch die Belastung des Vorfußes mit Schmerzen und Entzündungen der zweiten und dritten Mittelfußknochen zu rechnen. Auch ein Halux Valgus sei eine mögliche Folgeerscheinung: In der Bewegungskette nach oben bestehe bei dauerhaftem Tragen von hohen Schuhen die Gefahr einer Verkürzung der Wadenmuskulatur und dadurch könne es in weiterer Folge auch zu einer Verkürzung der Hüftbeugemuskulatur kommen. "Da Stöckelschuhe hart sind, können auch Abnützungserscheinungen in den Knie- und Hüftgelenken verstärkt werden", so der Mediziner abschließend. (nia/APA)

Blasenschwäche und Inkontinenz
Nach Schätzungen der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreichisch (MKÖ) ist der unkontrollierter Harnverlust ein weit verbreitetes Problem. Jede vierte Frau und jeder zehnte Mann seien im Laufe des Lebens davon betroffen.

Vor allem ältere Menschen und Frauen über 70 leiden unter Inkontinenz. Bei jungen Frauen kann es durch eine Geburt oder durch eine psychisch belastende Krankheit dazu kommen.

Die Fähigkeit die Blase zu kontrollieren hängt unter anderem mit der Beckenbodenmuskulatur zusammen. Diese kann zum Beispiel durch Schwangerschaften und häufiges Sitzen geschwächt werden, so dass man sie nicht mehr ausreichend anspannen und den Harndrang unterdrücken kann.

Regelmäßige Kräftigungsübungen schon im jungen Alter und nach einer Geburt verringern das Risiko einer späteren Inkontinenz. Anders verhält es sich allerdings, wenn die Krankheit durch eine Operation, einen Unfall oder Medikamente ausgelöst wurde.

Link
Maria Angela Cerruto, Universität Verona

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Nur Absätze bis zu einer Höhe von fünf Zentimeter dienen dem Beckenbodentraining.
    Modellschuh: Bill Blass, Kollektion Winter 2008/2009

  • Röntgenbild einer kaputten Zehe
    foto: orthopädisches spital speising

    Röntgenbild einer kaputten Zehe

  • Franz Landsiedl, Primar am Orthopädischen Spital in Wien Speising
    foto: orthopädisches spital speising

    Franz Landsiedl, Primar am Orthopädischen Spital in Wien Speising

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