Jetzt noch nicht!

16. Februar 2008, 12:00
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Baust mi im Mai, kumm i glei. Baust mi im Aprü, kumm i wann i wü - Ungeduld ist die Todsünde des Gärtners, findet Ute Woltron

Eine wenig bekannte Bauernregel, die es zu Unrecht nie in die Gefilde des metaphysisch allgemein Anwendbaren brachte, die aber bei hurtiger Aussprache zumindest das Zeug zum Zungenbrecher für alle nicht des Ostösterreichischen Mächtigen hat, lautet: Baust mi im Mai, kumm i glei. Baust mi im Aprü, kumm i wann i wü.

Auf den Februar und auf Indoor-Frühlingsgärtner angewandt, bedeutet der Spruch: Lasst die Samenpäckchen lieber noch zu und übt euch in Geduld, auch wenn es in den Gärtnerfingern angesichts der bereits deutlich länger gewordenen Tage noch so juckt und die Schneeglöckchen schon blühen. Es ist trotz allem noch zu früh, um Pflänzchen für den Garten vorzuziehen. Wir gärtnern schließlich in einem Alpenland, fixnocheinmal!

Frühestens ab Mitte Mai geht hierzulande das Risiko der Morgenfröste gegen null, und frühestens ab dann soll ausgepflanzt werden. Was jetzt, also ein paar Wochen zu voreilig, angebaut und vorgezogen wird, kriegt lange, wassrige, trübselige Hälse und ist schon geschwächt, bevor es seine Würzelchen draußen in der Gartenerde versenken darf.

Mitte März ist beileibe rechtzeitig genug, lautet die Daumenregel. Den vermeintlichen Wachstumsvorteil holen die später gesäten strammeren Pflanzen locker wieder auf, es sei denn, Sie verfügen sowieso über den feudalen Luxus ausgedehnter und geheizter Gewächshäuser und Wintergärten oder raffiniert angelegter Mistbeete. Aber mit Leuten wie Ihnen können wir Fensterbrettdilettanten ohnehin nicht mithalten. Wir beneiden euch höchstens schweigend.

Einfachste Ratschläge für Anfänger

Und begnügen uns mit den einfachsten Ratschlägen für Anfänger und Stadtbalkongrünfinger, wie zum Beispiel diesem hier: Besorgen Sie sich Anzuchterde. Die ist in kleinen Säcken überall zu haben, sie ist nicht nur ganz fein und locker, sondern auch, was das Wichtigste ist, arm an Dünger, und das ist den Keimprozessen dienlich. Außerdem sollte man das ganze Jahr über prinzipiell jeden Hotelaufenthalt dazu nutzen, alle in den Hotelbadezimmern vorrätigen Duschhauben einzukassieren, weil diese Plastikteile samt Gummiband, über Blumentöpfe und Anzuchtschalen gespannt, die idealen Mini-Treibhäuser bilden.

In der Mistsackabteilung der Supermärkte gibt es übrigens, Tipp am Rande, neuerdings Plastikhauben in verschiedenen Größen zu kaufen. Die sind eigentlich für die Abdeckung von Gefäßen gedacht, die man in den Kühlschrank stellt, aber kreativ in modifizierten Anwendungen wird man doch noch sein dürfen.

Sobald allerdings nach den Keimblättern die ersten "echten" Pflanzenblättchen zu sprießen beginnen, muss umgetopft, sprich pikiert werden. Die im Samenkorn gespeicherten Vorräte sind ab diesem Zeitpunkt aufgebraucht, die kleinen Pflanzen müssen sich Nahrung aus fruchtbarerem Substrat holen können - und außerdem haben Sie wahrscheinlich ohnehin viel zu dicht gesät, sodass sich ihre Keimlinge gegenseitig zu würgen beginnen.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt wird jede Wohnung zur Kleingärtnerei und der Platz an der Sonne knapp, deshalb nochmals: Wenn Sie jetzt schon anbauen, wachsen Ihnen die Kürbisse und Paradeiser erst flott über den Kopf, verrecken aber dann kurz vor dem Finale. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/15/02/2008)

Tipp:
Zwar haben die Bau- und Grünmärkte der Alpenrepublik in den vergangenen Jahren erfreulich aufgeholt, was das Angebot an den unterschiedlichsten Gemüsearten und Sommerblumensorten anlangt. Wer aber wirklich Außergewöhnliches sucht und aus dem Vollen schöpfen will, sollte die Internetseiten des britischen Samenhändlers Thompson & Morgan besuchen. Onlinebestellung möglich. Lieferung prompt.
www.thompson-morgan.com
  • Im Februar sollten die Samenpäckchen lieber noch zu gelassen werden.
    foto: karner

    Im Februar sollten die Samenpäckchen lieber noch zu gelassen werden.

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