Goldfrapp: Disco und Notaufnahme

22. Februar 2008, 03:16
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Das britische Elektronik-Pop-Duo entdeckt auf "Seventh Tree" die Freuden des Lebens in der gesunden Natur

Doch Vorsicht: In dieser lauert auch der Discotod.

Dass Alison Goldfrapp und ihr strikt im Hintergrund agierender musikalischer Partner, der gelernte Filmkomponist Will Gregory, die guten alten Erwartungshaltungen enttäuschen, davon weiß vor allem ihre Plattenfirma ein Lied zu singen. Nach ihrem 2000 veröffentlichten Debüt Felt Mountain konnte diese auch und gerade wegen der internationalen Verkaufszahlen darauf hoffen, dass im Gefolge von unberechenbaren Größen wie Massive Attack, Portishead oder Tricky hier der gefällig im Club wie auf dem Sofa wie in der Frühstücks-Lounge flutschende, pathetisch mit düster-schwelgerischen Streicherarrangements und leidenden Frauen am Mikrophon aufgeladene TripHop endlich zu einer fixen Größe im Geschäft werden könnte.

Aber nix. 2003 wischten Goldfrapp mit dem herrlich oberflächlich rumsenden und poppenden Nachfolger Black Cherry und zuletzt 2005 mit Supernature den schwermütigen Ballast der Frühzeit zum großen Teil vom Kaffeehaustisch, brachten diesen zum Altwarenhändler und schnallten sich die Plateaustiefel für die Disco um. Das war eine tolle Sache. Zumal der dumpf-böllernde Glam-Rock eines Marc Bolan oder eines Gary Glitter ja zumindest musikalisch immer außer Streit stand - wenn Glitter auch am größten Hit seiner Karriere gar nicht beteiligt war, weil ihn seine kurzfristig gefeuerten Begleitmusiker allein einspielten: Glitter Band und Angel Face, 1974.

Dass die letzte Single von Goldfrapp, der quietschfidel Richtung retrofuturistischer Weltraum-Boogie von One-Hit-Wonder Norman Greenbaum und seinem 1970 veröffentlichten Spirit In The Sky weisende Plastik-Stampfer Ooh La La, gegenwärtig die Kampagne eines heimischen Medienmarkts beschallt, spricht ja nicht von vornherein gegen dieses hübsch gestohlene Stück Musik. Motto des Medienmarkts wie von Goldfrapp: "Wir lieben Technik und hassen teuer!"

Die arme Plattenfirma aber, die sich nun wirklich darauf gefreut hatte, spätestens mit dem jetzt Ende Februar veröffentlichten neuen Goldfrapp-Album, Seventh Tree, endlich ein Duo im Genre Elektropop aufbauen zu können, das im Gefolge der müde gewordenen Depeche Mode wieder ordentlich die Großraumdiskotheken und Freiluftarenen rocken könnte, dürfte vom Wald- und Wiesengezirpe der ersten Nummer eher schockiert gewesen sein. Akustische Gitarre! Gezupft! Folk- und Strickpulloveralarm! Dazu gibt, während die (synthetischen) Streicher einsetzen, Alison Goldfrapp im obendrein Clowns (!!!) betitelten Eröffnungssong die im Harlekinkostüm durch die Flora streifende böse Fee: "Only clowns will play with dull balloons. What do I bother for?"). Am Ende, als die Vögel zwitschern und gleich Little Birds anhebt ("Now we are free ..."), sind alle fix und fertig. Auch wir. Geht es. Goldfrapp. Eigentlich. Noch. Gut?!

Will Gregory hat seinen Maschinenpark auf Pedalbetrieb umgestellt und sitzt jetzt mit den Synthesizern am Lagerfeuer. Er hört Holz und Schaltkreise knistern, lädt sich Nick Drake und das Mellotron von Pink Floyd auf eine auffrisierte Friedenspfeife. Er gibt treuherzig den Waldschrat auf der Suche nach dem Echtheitszertifikat in der Musik. Aber Achtung! Wie man während der Single A & E, einem zukünftigen Klassiker des Genres "Von der Disco in die Notaufnahme", hören wird, lauert im Wald auch das Böse. Natur ist nicht gut. Natur ist, was wir daraus machen. Wenn wir es überleben. Eat yourself! Monster Love. (Christian Schachinger/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.2.2008)

  • Goldfrapp: "Seventh Tree" (EMI) - ab 22. 2. im Handel
    foto: emi

    Goldfrapp: "Seventh Tree" (EMI) - ab 22. 2. im Handel

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