"Das empfinde ich als feige"

  • Keszler im Café Berg, seinem "untypischen" Wiener Lieblingsplatz: "Man muss sich die Laberei des Wieners anhören."
    foto: standard/matthias cremer

    Keszler im Café Berg, seinem "untypischen" Wiener Lieblingsplatz: "Man muss sich die Laberei des Wieners anhören."

Gery Keszler ist "extrem enttäuscht" von Ministerin Andrea Kdolsky, die sich von ihrem vorjährigen Auftritt beim Life Ball distanziert hat

Petra Stuiber sprach mit dem Organisator des Life Balls über sein Verhältnis zur Politik im Allgemeinen, zu Strache und Westenthaler im Besonderen und seine Liebe zu grantigen Wienern

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Standard: Herr Keszler, wir wollten uns an einem Ort treffen, der für Sie typischerweise Wien repräsentiert. Wir sitzen hier im Café Berg. Warum?
Keszler: Weil es auf sehr moderne Weise die Wiener Kaffeehaus-Gemütlichkeit repräsentiert. Gleichzeitig könnten Sie es, so wie es ist, nehmen und nach Berlin oder New York verpflanzen. Es hat was Internationales an sich, es ist ein schwules Kaffeehaus, und insofern ist es eigentlich gar nicht typisch Wien. Aber hauptsächlich liebe ich es, weil es von Anfang an zu unseren Life-Ball-Gastronomie-Engeln gehört und uns unterstützt.

Standard: Desirée Treichl-Stürgkh hat Sie kürzlich über den roten Teppich zum Opernball geleitet. Sind Sie jetzt für die Wiener Gesellschaft quasi geadelt?
Keszler: Ich brauch niemanden, der mich adelt. Desirée Treichl-Stürgkh ist seit 25 Jahren eine liebe Freundin, und daher war das eine ganz natürliche, freundschaftliche Geste. Aber abgesehen davon war ich schon immer ein Fan des Opernballs. Ich habe dort mit 18 sogar debütiert. Der Opernball ist etwas ganz Skurriles, ein Panoptikum im besten Sinn, das nur in Wien funktioniert. Dazu gehört der Charme und der Grant der Wiener, die Art, wie sich Menschen am Vergangenen anbinden und gleichzeitig sehr schlampig damit umgehen. Einerseits betont man, dass man keine internationalen Stargäste will, andererseits ist man jedes Jahr enttäuscht, wenn sie ausbleiben. Dort tummeln sich Persönlichkeiten neben Menschen, die ausschließlich oberflächlich sind, und alle spielen mit. Bewundernswert, wie Treichl-Stürgkh trotz dieser schwierigen Persönlichkeit von Opernballdirektor frischen Wind hineingebracht hat – wirklich, ich liebe den Opernball, und er ist dem Life Ball näher, als viele wahrhaben wollen.

Standard: Wie lange wollen Sie den Life Ball noch organisieren? Haben Sie Angst, den Ball vom Vorjahr nicht mehr toppen zu können?
Keszler: Sagen wir so: Der Ball ist jedes Jahr eine neue Herausforderung und ein Abenteuer, es wird nie bloße Routine. Es besteht die Gefahr, dass die Kluft zwischen dem Fun-Faktor Life Ball und dem, warum ich ihn wirklich machen möchte, größer wird – da müssen wir alle aufpassen. Das macht mir durchaus Angst, weil ich noch immer keine Schutzmauern habe. Andere sagen: Hey, nimm's locker, Neid muss man sich verdienen. Ich dagegen habe Angst vor dem Scheitern.

Standard: Wie viel Prozent der Life-Ball-Besucher kommen, weil ihnen der Kampf gegen Aids wirklich ein Anliegen ist?
Keszler: Das kann keiner von uns sagen. Aber es gibt diesen Ball seit fast zwei Jahrzehnten, und ich erkenne den gigantischen Unterschied zwischen dem ersten und dem vorjährigen Ball. Das Anarchische, Provokative war am Anfang immens wichtig und wurde zum Stilmittel erkoren, um schnellstmöglich etwas bekanntzumachen. Es gab damals unglaublich viel Widerstand, in fast allen politischen Lagern. Und heute? Viele von denen, die damals "Pfui" sagten, drängen sich heute um eine Eintrittskarte.

Standard: Darunter auch viele konservative und rechte Politiker …
Keszler: Aber die sind doch entlarvt …

Standard: Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky, bei der letzten Life-Ball-Modeschau prominent dabei, sagt heute, wohl aus Rücksichtnahme auf die ÖVP-Politik, sie habe sich dabei "zum Affen gemacht". Was sagen Sie dazu?
Keszler: Das sehe ich nicht so. Da hat sich eine Einzelperson selbst ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Dieser Satz der Ministerin hat mich extrem enttäuscht, und ich halte ihn für schlichte Feigheit. Denn sie kam damals zu mir, sie wollte mitmachen, und wir haben lange darüber geredet, wie wichtig ihr dieses Engagement ist. Ich glaube auch, dass sie das wirklich ernst gemeint hat und sogar ein Umdenken in ihrer Partei bewirken wollte. Jetzt ist die Gesundheitsminis_terin ausgerechnet im Kampf gegen eine Krankheit umgefallen, und das empfinde ich als feige.

"Ich habe keine schlechtere Meinung von den Rechten, als ich sie nicht ohnehin schon vor dieser Beleidigung hatte."

Standard: FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache ist auch ein eifriger Life-Ball-Besucher. Wie werden Sie ihn heuer empfangen – immerhin hat Sie ein FPÖ-Adlatus öffentlich als "Berufsschwuchtel" bezeichnet.
Keszler: Ich habe keine schlechtere Meinung von den Rechten, als ich sie nicht ohnehin schon vor dieser Beleidigung hatte. Aber wir alle sind davon überzeugt, dass man auf einem Ball gegen Ausgrenzung auch wirklich niemanden ausgrenzen soll. Wenn gewisse Leute wie Strache oder Westenthaler zu einer Eintrittskarte kommen, werden sie sicherlich nicht am Eintritt gehindert. Es ist ihr Problem, dass sie sich dann auf dem Ball wie in einer Vakuumglocke bewegen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich diese Leute dann wohlfühlen. Und ich finde es auch naiv, dass sie glauben, sie könnten sich da verhabern, und alles wird gut.

Standard: Dennoch: Homosexuelle Partnerschaften sind in Österreich noch immer nicht gleichgestellt. Damit ist doch auch der Life Ball mit seiner Botschaft der Toleranz gescheitert.
Keszler: Im Gegensatz zu dem, was dieser FPÖ-Mensch behauptet, bin ich kein Schwulenaktivist. Wir organisieren einen Ball, der Geld für den Kampf gegen Aids auftreibt. Wir stützen uns natürlich auch auf die Gesellschaftskreise, die sich solidarisch zeigen und ihn großgemacht haben. Dazu gehören auch die Schwulen. Ich war aber auch immer der Meinung, wenn eine Gesundheits- oder Familienministerin meint, dabei sein zu müssen, dass das seine Berechtigung hat. In den 90er-Jahren haben mir die Schwulen einmal gedroht, wenn ich die ÖVP-Ministerin Sonja Moser auf den Life Ball lasse, malen sie ihr Haus rosa an. Ich habe sie trotzdem eingeladen und wurde dafür heftig kritisiert. Mittlerweile hat sich die Aufregung auf allen Seiten gelegt. Das empfinde ich schon auch als Erfolg eines ausgiebigen Toleranz-Dialogs. Insofern hat der Life Ball gesellschaftlich sehr viel bewegt.

Standard: Wie begegnen Ihnen die Wiener auf der Straße?
Keszler: Schon anders als früher. Abgesehen davon, dass man als "prominent" gilt und die Leute hinter einem tuscheln – von Jahr zu Jahr quatschen mich mehr Leute auf der Straße an, die etwas Nettes sagen wollen. Die Wiener ätzen an allem herum, machen alles mies und sind grantig. Aber im Grunde sind sie toleranter als viele andere Menschen in anderen Metropolen.

Standard: Toleranter als die New Yorker, toleranter als die Bewohner von Paris?
Keszler: New York sicher nicht. Was ist schon New York, das ist eine multikulturelle Mischung, wie es sie sonst wo kaum gibt. In Paris habe ich sieben Jahre lang gelebt. Die Franzosen können mitunter klischeebezogener, überspannter und kaltherziger als die Wiener sein. Man muss sich die Laberei des Wieners zwar anhören, aber während er streng "Nein" sagt, öffnet er schon sein Herz und lässt Dinge zu.

"Diesen Instinkt für Visionen, das war eine Zilk'sche Spezialität, und er hat das fast schon autoritär gegen alle Widerstände durchgeboxt"

Standard: Sie haben die Sache mit dem Ball aber auch geschickt eingefädelt. Sie sind zum damaligen SPÖ-Bürgermeister Helmut Zilk gegangen und haben die Politik für sich eingespannt.
Keszler: So war es nicht. Ich war mit einigen Ärzten befreundet, die die Idee des Life Balls engagiert weitergetragen haben. Einer davon, ein guter Freund, er ist dann selbst bald an Aids gestorben, hat für den Ganslwirt gearbeitet. So kamen wir in Kontakt mit dem damaligen Wiener Drogenkoordinator Peter Hacker, den wir für unsere Idee gewinnen konnten. Hacker war nun wirklich ein Vertrauter von Zilk, und so kam die Sache ins Rollen. Zilk hat das Potenzial dieses Balls für die Stadt gewittert.

Standard: Wäre das unter Bürgermeister Häupl genauso gekommen?
Keszler: Nein, ich glaube nicht. Häupl ist sehr intellektuell, er begreift total, was der Life Ball ist und wofür er steht. Er bejaht ihn und nützt ihn für die Stadt. Aber diesen Instinkt für Visionen – das war eine Zilk'sche Spezialität, und er hat das fast schon autoritär gegen alle Widerstände durchgeboxt.

Standard: Stört es Sie nicht, dass sich die mächtige Wiener SPÖ mit Ihrer Hilfe ein Toleranzmäntelchen umhängen kann – und es umgekehrt nicht schafft, die Gleichstellung Homosexueller in der Bundesregierung durchzusetzen?
Keszler: Selbst wenn es mich störte – das ist ein Politikum, darauf haben wir vom Life Ball keinen Einfluss. Was sollen wir jetzt tun?

Standard: Sie könnten Ihr Engagement auf diese politischen Probleme ausweiten.
Keszler: Nein. Will ich nicht. Das möchte ich lieber anderen überlassen. Ich habe zehn Millionen Euro für die Aidshilfe aufgetrieben, und ich bin damit noch lange nicht am Ende. Aber ich sehe mich nicht in einer politischen Rolle, da gibt es andere, weitaus talentiertere.

Standard: Warum fühlen Sie sich durch den gegen Sie gerichteten Artikel in "Zur Zeit" so beleidigt? Sollten Sie nicht über den Dingen stehen?
Keszler: Ganz und gar nicht. Es geht nicht nur um das Wort "Berufsschwuchtel", sondern um den gesamten Artikel. Allein die Diktion "Homoletten-Opfer-Lüge" lässt in mir Assoziationen zur "Auschwitz-Lüge" aufkommen. Meine persönliche Beleidigung steht sicher in kausalem Zusammenhang mit dem Artikel. Ich will weder eitel noch wehleidig sein, aber im Rahmen der Klage konnte ich mich nur auf meine persönliche Beschimpfung beschränken und leider nicht auf die frauenfeindlichen, rassistischen Kommentare Bezug nehmen. Irgendwann muss man Stopp sagen.

Standard: Sie treten oft bei "Seitenblicke"-Events auf. Ist das Teil Ihres Jobs oder sind Sie gerne Teil der Wiener "Society"?
Keszler: Es geht primär um Kontakte. Ein zentrales Erfolgsgeheimnis des Life Balls ist der Glamour. Und zu dem gehört das, was Sie "Society" nennen. Ich benutze sie und ich benutze den Mainstream. Ich wollte nie so intellektuell über den Dingen stehen, dass ich nicht mehr die breite Masse begeistern kann – auch wenn ich mir manchmal wünschen würde, dass am Life Ball weniger Spaß und mehr Werte eine Rolle spielen würden. Ich bin schüchtern und konservativ. Ich persönlich finde es nicht notwendig, dass man, um sein Bewusstsein gegenüber der Krankheit Aids zu zeigen, sein nacktes Hinterteil vor eine Kamera halten muss.

Standard: Haben Sie schon Pläne für den Tag X, wenn Sie sich einmal entscheiden sollten, nicht mehr den Life Ball zu organisieren?
Keszler: Ich werde das tun, was ich jetzt schon als Ausgleich am liebsten tue: auf dem Land sein und Marmelade einkochen. (DER STANDARD Printausgabe 14.2.2008)

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