Schreiben im System der Anpassung

12. Februar 2008, 20:50
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Widerstand oder Flucht in die "innere Emigration" gab es unter den heimischen AutorInnen während der Nazizeit selten - ein Projekt in Graz beschäftigt sich mit den Gründen dafür

Die Voraussetzungen sind hinlänglich bekannt: Wer im Dritten Reich Bücher veröffentlichen wollte, musste eine "arische" Abstammung nachweisen und durfte politisch den Nazis zumindest nicht negativ aufgefallen sein. Jüdische oder auch kommunistische Autoren waren von der Aufnahme in die 1933 gegründete Reichsschrifttumskammer (RSK) von vornherein ausgeschlossen.

"Das bedeutete Publikationsverbot und in der Folge oft die Vernichtung der materiellen Existenz", erzählt die Grazer Germanistin Karin Gradwohl-Schlacher, die sich im Rahmen des Hertha-Firnberg-Programms des Wissenschaftsfonds FWF mit österreichischen Autorinnen im Nationalsozialismus auseinandergesetzt hat. Wie haben sie gearbeitet? Wie konnten sie arbeiten? Konnten sie sich wenigstens kleine Freiräume schaffen? Titel der Arbeit: "Reaktionsformen österreichischer Autorinnen im Nationalsozialismus".

Gewisse Freiräume

"Während man in Deutschland zwischen 1933 und 1937/38 - als sich das nationalsozialistische System mit seinen Zwangsorganisationen erst im Aufbau befand - noch gewisse Freiräume hatte, gab es diese nach dem Anschluss für die österreichischen Schriftsteller kaum noch", so die Germanistin. "Das ist auch der Hauptgrund, warum es in Österreich vergleichsweise wenige Autoren gab, die sich in der 'inneren Emigration' befanden". Andererseits gab es bereits im Ständestaat zahlreiche Autoren, die dem Nationalsozialismus in die Hände gearbeitet haben: etwa im "Bund deutscher Schriftsteller in Österreich", einer Vorfeldorganisation der RSK, dessen Präsident der später von den Nationalsozialisten hofierte Autor Max Mell war.

Vier Jahre nach dem Anschluss waren in der RSK 811 Autoren aus der "Ostmark", davon nur 181 Frauen, gemeldet. Eine eindeutige Kategorisierung dieser Schriftstellerinnen in NS-konforme, widerständige oder in die "innere Emigration" geflüchtete stellte sich für Karin Gradwohl-Schlacher jedoch bald als unmöglich heraus, da vor allem bei den Frauen - die für die Zeit typischerweise meist keinen Beruf neben der Schriftstellerei hatten - die finanzielle Absicherung eine zentrale Rolle spielte. "Wenn diese durch Familienvermögen oder Ehe nicht gegeben war, hatten Autorinnen kaum eine Möglichkeit, sich aus dem literarischen Leben zurückzuziehen", meint die Forscherin.

Ein typisches Beispiel für den Balanceakt zwischen Engagement und Widerstand liefert etwa die Wiener Schriftstellerin Erika Mitterer, die in den 1930er- und 1940er-Jahren als großes lyrisches und episches Talent galt. Sie hat sich kaum in nationalsozialistischen Verbänden bewegt und publizierte nur in ausgewählten Zeitschriften. Trotz ihrer distanzierten Haltung zum Regime hat sie nicht zuletzt dank ihrer Mitgliedschaft in der RSK einige - zum Teil sogar verdeckt systemkritische - Werke publiziert. 1941 erzielte sie damit ein für damalige Verhältnisse hohes Einkommen. Es entsprach beinahe dem eines Gauleiters der Nazis.

Ärger der Bevölkerung

Eine ähnliche Haltung nahm auch die steirische Heimatdichterin Paula Grogger ein, die nach 1937 nicht mehr selbstständig veröffentlichte. "Zwar hat sie sich zunächst für den Anschluss engagiert, sich dann aber vom Nationalsozialismus distanziert und erst wieder nach 1945 'normal' weitergeschrieben", berichtet Karin Gradwohl-Schlacher. In einem Parteigutachten der NSDAP Steiermark hieß es daher: "Grogger verkehrte bereits in der Systemzeit (Anm.: zwischen 1933 und 1938) vorwiegend in streng vaterländischen Kreisen.

Nach dem Anschluss erregte sie allgemein Ärgernis in der Bevölkerung, weil sie sich hartnäckig weigerte, ihr Haus zu beflaggen. Ihre Einstellung zu der nationalsozialistischen Bewegung ist heute noch genauso ablehnend." In der Hoffnung auf eine Änderung ihrer Haltung wurde sie dennoch in die Reichtsschrifttumskammer aufgenommen.

Ein Paradebeispiel für Systemtreue war dagegen die als politische Lyrikerin gefeierte Ingeborg Teuffenbach. Bereits im noch illegalen "Bund deutscher Mädel" engagiert, heiratete sie einen hohen SS-Offizier und spielte nach 1938 eine wichtige Rolle im Wiener Kulturleben. "Jung, schön und blond, hat sie perfekt das Idealbild der deutschen Frau verkörpert, was ihrer literarischen Karriere sicher nicht hinderlich war", vermutet Gradwohl-Schlacher.

Bezeichnend war auch ihr Verhalten nach 1945: "Wie die meisten Konformisten hat auch sie sich nur halbherzig von der NS-Ideologie distanziert und ihr Engagement heruntergespielt."

Auch Gertrud Fussenegger, der einzigen noch lebenden Autorin in Gradwohl-Schlachers Untersuchung, gelang ein nahtloser Anschluss an das österreichische Geistesleben, obwohl sie zuvor von den Nazis gefördert wurde.

Gegen das System

Eine der wenigen Autorinnen, die sich dem System widersetzten, war Maria Rubatscher. Mit ihren katholisch orientierten Werken war sie im Dritten Reich zunächst sehr erfolgreich. Allerdings fand ihre Karriere ein abruptes Ende, als sich die gebürtige Südtirolerin bei der "Option" 1939 nicht für NS-Deutschland, sondern für Italien entschied. Von den Landsleuten als Verräterin und Italien-Sympathisantin abgestempelt, geriet sie ins Abseits.

Als die Deutschen 1943 Südtirol besetzten, hatte sie deren Rache zu fürchten und musste sich bis Kriegsende auf entlegenen Almen verstecken. Verarmt, verbittert und vergessen, gelang es ihr nach 1945 nicht mehr, an die Erfolge der Vorkriegszeit anzuschließen.

Eingebettet ist das Projekt übrigens in die vor rund zwanzig Jahren gemeinsam mit einer Projektgruppe um den Grazer Germanisten Uwe Baur begonnene Arbeit am ersten Lexikon zur österreichischen Literatur zwischen 1938 und 1945. Daraus ist die am Grazer Universitätsarchiv angesiedelte Forschungsstelle "Österreichische Literatur im Nationalsozialismus" hervorgegangen, in deren Datenbank mittlerweile Informationen zu fast 2000 Autoren und Autorinnen abgerufen werden können.

"Wie in meiner Arbeit über die Schriftstellerinnen konzentrieren wir uns auch hier weniger auf die literarischen Inhalte als auf die Frage, wie sich das NS-Regime in der Kulturproduktion manifestiert hat", erläutert die Wissenschafterin Karin Gradwohl-Schlacher. Im heurigen Frühsommer wird der erste Band des Monumentalwerks erscheinen. Das logische Thema dieses Werks: die Steiermark. (Doris Griesser /DER STANDARD, Printausgabe, 13.2.2008)

  • Viel Spielraum für Systemkritik hatten österreichische Autoren selbstverständlich nicht. Bei einem Dichtertreffen mit Wilhelm Frick, damals Reichsinnenminister (fünfter von links), wurde das vermutlich auch klar.
    fotos: uni-bibliothek der uni graz/weltbild (1938), martin petrowsky/erika mitterer gesellschaft

    Viel Spielraum für Systemkritik hatten österreichische Autoren selbstverständlich nicht. Bei einem Dichtertreffen mit Wilhelm Frick, damals Reichsinnenminister (fünfter von links), wurde das vermutlich auch klar.

  • Erika Mitterer versuchte es mit einer distanzierten Haltung zum NS-Regime.
    fotos: uni-bibliothek der uni graz/weltbild (1938), martin petrowsky/erika mitterer gesellschaft

    Erika Mitterer versuchte es mit einer distanzierten Haltung zum NS-Regime.

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