Damit die Stadt wieder Luft bekommt

12. Februar 2008, 19:53
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Das breite Verständnis für Umwelttechnologien im städtischen Raum muss erst geschaffen werden, sagen Forscher - zumal hier ein Wachstumsmarkt bestehe

Umweltschutz in der Stadt: angesichts immer größer werdender Metropolen ein zentrales Thema. Nachhaltige Stadtentwicklung bestand bisher aber vor allem aus Einzelmaßnahmen wie Passivhaus-Sanierungen. Das breite Verständnis für Umwelttechnologien muss erst geschaffen werden, sagen Forscher. Zumal hier ein Wachstumsmarkt bestehe.

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Seit Anfang 2007 leben weltweit erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land, schätzt die UN. Zählt man allein die Bewohner der 40 größten Städte der Welt zusammen, kommt man bereits auf fast eine Milliarde Stadtbewohner. Dort wo das Leben pulsiert, wird aber auch der Löwenanteil der Energie verbraucht - und somit werden in städtischen Gebieten auch mit Abstand die meisten Emissionen verursacht.

"Geht es um Klimaschutz und Ressourcenschonung sollte man daher nicht nur die klassischen Sündenböcke wie den Verkehrssektor oder etwa Kraftwerke im Auge haben, sondern auch die Potenziale untersuchen, die eine nachhaltige Stadtentwicklung mitbringt", sagt der Architekt Martin Treberspurg, Professor am Department für Bautechnik und Naturgefahren der Universität für Bodenkultur in Wien. "Wenn man Nachhaltigkeit konsequent leben will, muss man bei der Stadt anfangen." Treberspurg setzt dabei vor allem auf die Passivhaus-Technologie als Schlüssel zu einem ressourcenschonenden Umgang mit Energie.

In solchen Bauten sei keine aktive Heizung mehr nötig, da man aufgrund der guten Wärmedämmung kaum Wärmeverluste zu verzeichnen hätte. "Im Prinzip reichen vier Kerzen aus, um ein Zimmer warm zu bekommen", sagt Treberspurg. Erreicht wird das bei der Gebäudesanierung auch mit leistungsfähigen Innen-Dämmmaterialien wie etwa Schaumglas oder zellstoffummantelten Kalziumsilikatplatten.

Abgekühlte Innenseite

Allein der Einsatz von gut isolierenden Dreiglasfenstern verbessere den Energiehaushalt von Gebäuden dramatisch. "An solchen Fenstern hat man selbst bei Außentemperaturen von minus 15 Grad Celsius innen noch plus 18 bis 19 Grad. Bei normalen Fenstern kühlt die Innenseite teilweise auf bis zu fünf Grad ab", sagt Treberspurg. Energetisch gesehen sei so etwas eine Katastrophe. Wie viel so ein konsequentes Energiesparen bringt, konnte der Architekt kürzlich auch mit Zahlen belegen.

Das in Passivhausbauweise geplante Studentenwohnheim Molkereistraße in Wien spart gegenüber einer vergleichbaren, konventionellen Wohnhausanlage in Österreich rund 700 Megawattstunden pro Jahr an Energie und damit rund 40.000 Euro an Heizbetriebskosten. "Die CO2-Belastung wird dadurch jährlich um rund 100 Tonnen reduziert", sagt Treberspurg. Die Studie stelle damit einen ersten, wichtigen Schritt für die Evaluierung von Passivhäusern dar, so der Wissenschafter. Weitere Forschungsarbeiten sollen nun auch die Nachhaltigkeit der Passivhäuser und den technischen sowie finanziellen Aufwand bei einer künftigen Passivhaus-Sanierung genau untersuchen.

Aber nicht nur die Passivhaus-Technologie trägt dazu bei, den Großraum Stadt umweltschonender zu gestalten. "Die Herausforderung ist, dass es kein Patentrezept zur ökologischen Stadt gibt", sagt Ulrike Weiland vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. "Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt - und die Maßnahmen sind bei jeder Stadt individuell zu treffen."

Punktuell statt insgesamt

Generell sei das Problem, dass Stadtökologie bisher kaum als Gesamtheit gesehen - sondern immer nur punktuell behandelt werde, so die Wissenschafterin. Das sei zwar immerhin besser, als wenn man sich mit dem Thema gar nicht befasse - aber deutlich zu wenig. Man müsse weiterhin mehr Aufklärungsarbeit leisten, denn vielerorts sind die entsprechenden Techniken einfach nicht bekannt. Dazu komme, dass sich die Ersparnisse und Vorteile der Umwelttechnologien häufig erst nach einem Jahr oder einem noch längeren Zeitraum niederschlagen - und die Anfangsinvestitionen höher sind als bei herkömmlichen Techniken.

"Das schreckt viele Leute noch davon ab, auf Umwelttechnik zu setzen", sagt Weiland. Davon dürfe man sich aber nicht abhalten lassen. Auch die Wirtschaft könnte profitieren. "Umwelt-Technologien bieten durchaus große Chancen", sagt Agnes Streissler, Geschäftsführerin vom Zentrum für Innovation und Technologie (ZIT) der Stadt Wien.

Das ZIT habe daher nun einen Förderwettbewerb zum Thema Klimaschutzmaßnahmen im urbanen Raum ausgeschrieben. Die Einrechfrist endet am 17. 4. Im internationalen Vergleich sei der Beitrag der Umwelttechnikindustrie und Umweltdienstleistung am BIP in Österreich vergleichsweise hoch: 4,5 Prozent in Österreich, der EU-15-Durchschnitt liegt bei 2,2 Prozent.

Dass Technologien Potenzial haben, zeigt das Projekt SolarCity Linz Pichling. In der von Anfang an nachhaltig geplanten Siedlung sorgen Passivhäuser, Fernwärme, Wasseraufbereitung und die konsequente Nutzung von Kraft-Wärme-Kopplungs-Kraftwerken für einen besonders umweltverträglichen Stadtausbau. "Die genauen Zahlen der Ersparnisse werten wir zurzeit noch aus", sagt Treberspurg. Aber schon jetzt sei klar, dass die SolarCity ein Erfolg sei.

Fernwärme

"Solche Neubauprojekte sind allerdings leichter nachhaltig zu gestalten als Gebäude, die saniert werden müssen", sagt der Experte. Bei gewachsenen Städten wie Wien sei die Umstellung weitaus anspruchsvoller. In der Landeshauptstadt ist man aber schon vergleichsweise weit. So ist besonders das effiziente Fernwärmenetz gut ausgebaut. "Allerdings ist Fernwärme nur dort sinnvoll einsetzbar, wo die Besiedelungsdichte einen bestimmten Mindestwert erreicht", sagt Michael Bobik, Leiter des Studiengangs Infrastrukturwirtschaft/Urban Technologies an der FH Joanneum in Kapfenberg.

So muss pro Kilometer Leitungslänge etwa ein Megawatt Leistung angeschlossen sein, das entspricht etwa dem Leistungsbedarf von rund 1000 Haushalten. In Wien sei das kein Problem: Hier speisen neben den Kraftwerken auch die Müllverbrennungsanlagen ihre Wärme ins Heizungsnetz. Besonders als Ersatz für kleinere Wohnungsheizungen spielt die Fernwärme ihren Hauptvorteil aus: Sie ist nahezu emissionsfrei.

Denn moderne Kraftwerke werden mit leistungsfähigen Rauchgasreinigungsanlagen ausgestattet, die das Verbrennungsgas fast vollständig entschwefeln, entsticken und auch das giftige Kohlenmonoxid filtern. "Der Einsatz solcher Kraftwerke kombiniert mit energiesparenden Maßnahmen ist die Zukunft", sagt Bobik. (Denis Dilba/DER STANDARD, Printausgabe, 13.2.2008)

  • Die Stadt soll zur Umweltzone werden. Forscher plädieren, sich nicht von hohen Anfangsinvestitionen bei neuen Technologien abschrecken zu lassen.
    foto: der standard

    Die Stadt soll zur Umweltzone werden. Forscher plädieren, sich nicht von hohen Anfangsinvestitionen bei neuen Technologien abschrecken zu lassen.

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