Phantome des Egos

17. Februar 2008, 18:34
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Untersuchungen zum Feld des Privaten bei Thyssen-Bornemisza Art Contemporary

Wien – Undank ist der Welten Lohn. Ein Stoßseufzer, den die missachtete, mit Bohrern malträtierte Wand ans Ende ihres vorwurfsvollen Klagelieds setzen könnte. Ich gestalte deine Intimität, spricht sie, die Installation I am the Wall von Boris Ondreicka, ich beschütze dich vor jedem, ich bin die Mauer, die dich von deinem Nachbarn trennt. Wie unbarmherzig die vier Wände um uns herum sein können, wie kurz bemessen der Schritt zwischen Schutz und Privatheit zu Enge und Isolation, zeigt sich einige Räume weiter. Monika Sosnowska lockt hinter Türen, die nirgends hinführen als zu den eigenen Psychosen. Dann doch lieber die Enge eines Design-Kokons von Emanuel Danesch und David Rych: hinein in die Reißverschlussprivatheit, wo immer man auch will.

Drei Arbeiten, die das Thema von Other than yourself im engeren Sinn illustrieren. Thyssen-Bornemisza Art Contemporary (TBA21) verhandelt in der Ausstellung Fragen des Privaten und die Topografie des Intimen. Themen, die sich – eine zufällige, aber angenehm unterstreichende Begleiterscheinung – in die behaglichen Räume des Palais in der Himmelpfortgasse hineinschmiegen.

Eine stimmige Symbiose geht auch Pipilotti Rists Installation Related Legs mit dem Dachboden des Hauses ein: Wie trocknende Wäschestücke spannen sich Spitzengardinen durch den Raum: Transparent nur für die Blicke von innen, aus den Häusern heraus, aber dicht genug, um die projizierten Videobilder der bedrohlich kippenden Wohnsilos aufzufangen.

Ebenso geht es in Other than yourself auch um den unmittelbaren künstlerischen Handlungsraum, den Dennis Hopper etwa in einer Selbstexplosions-Performance für sich aufsprengt und Janet Cardiff gemeinsam mit dem Besucher im Walk-Book durchschreitet.

Blinde Flecken

Nicht verloren, aber dennoch uns selbst entrückt sind jene Flecken des Körpers, die wir nicht selber oder nur indirekt mittels Spiegel sehen können: Ján Mancuška ließ sie sich schwarz bemalen. Und es scheint absurd, dass das Gesicht als wesentlicher Teil des Selbst- und Fremdbildes dazu gehört. Mit dem Bild, das andere von uns haben, spielt auch Maurizio Cattelan, bedauerlicherweise in einer ganz anderen Ecke der Schau. Er ließ Polizeizeichner nach Beschreibungen seiner Person Phantombilder anfertigen.

Sanja Ivekovic und Amos Gitai komplettieren die vollständig aus der Sammlung gespeiste Ausstellung mit privat-politischen Zugängen zum Thema. Ein inhaltlich weites Feld, das mit nicht immer ganz taufrischen – freilich qualitativ hochwertigen – und wenig überraschenden Arbeiten bestellt wird. Und so dürfen natürlich auch Arbeiten von Cindy Sherman oder Jenny Holzer nicht fehlen.

I can’t tell you: In Gedichtform gräbt sich Verletzung in die stumme, marmorne Bank Holzers und schafft so eine gelungene Überleitung zu Amar Kanwars Videoarbeit The Lightning Testimonies. Kanwar interessiert, warum es nach politischen Konflikten um das Thema Gewalt gegen Frauen wieder still wird und welche Sprachen sich für das Unbegreifliche letztlich finden. In Hindi, sagt Kanwar, gibt es sehr viele Worte für 'Stille'. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD/Printausgabe, 13.02.2008)

  • 40 Kameras helfen Sergio Prego, Augenblicke der Selbsterfahrung einzufrieren: Tetsuo, Bound to Fail.
    videostill: tba21

    40 Kameras helfen Sergio Prego, Augenblicke der Selbsterfahrung einzufrieren: Tetsuo, Bound to Fail.

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