Großes Kino knapp verfehlt

12. Februar 2008, 11:56
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Es löst nicht ein, was es verspricht: "Die Welle" sticht durch Mittelmäßigkeit hervor - Eine Rezension

Es ist voller Klischees, die nicht aufgehen. Trotz großen Potenzials kratzt der Film "Die Welle" an der Oberfläche.

Ein Jahrhundertschauspieler - Jürgen Vogel -, annehmbare, zeitgemäße Musik, die sich in das allzu oft überspannte Genre "Alternative" einordnen lässt und viele junge, gutaussehende Schauspieler. Dazu hat "die Welle" noch ein Buch zur Vorlage, das man zwar nicht als "Kultbuch" bezeichnen darf, weil es dafür zu wenig Kultur enthält, das aber dennoch von vielen Generationen junger Leser als Erstlektüre zum Thema "Faschismus" gelesen wird. Kaum nachhaltig

Bei solch einem Kontingent an Stoff, aus dem Film-Träume sind, hätte sich "Die Welle" als Meisterwerk deutscher Kinos mausern können.

In der Realität zieht sich ein Faden der Mittelmäßigkeit durch den Film und wird zur einzigen Komponente, die ihm Bestand und Nachhaltigkeit gibt. Eine Nachhaltigkeit von kurzer Dauer.

Szenen von pubertärer Ernsthaftigkeit schaffen nicht das auszudrücken, was sie sagen wollen: dass sich die Jugend nach Gemeinschaft sehnt, ohne ihre Individualität verlieren zu wollen. Vielmehr wirken die Sequenzen, in denen es sich um hedonistisches Vorhaben handeln sollte, gestellt und verkrampft. Teils liegt das an den drögen Dialogen, teils an deren Offensichtlichkeit, die einem keinerlei Raum für eigene Interpretationen lassen.

Einzig Jürgen Vogel brilliert als Lehrer mit einer - vielleicht nicht beabsichtigten - Hitlerparodie, bei der sowohl Gesichtsausdruck, Sprache und Gestik an den "Führer" erinnern. In der finalen Szene bestätigt er durch zahlreiche Parallelen, dass auch in einem guten Schauspieler Böses stecken kann.

Genau dieses "Böse" fehlt der Welle, der Hauch von Hedonismus und Widerstand. Der Sehnsucht nach Gefahr und Sicherheit, die die Jugend auszeichnet, wird kaum Raum gelassen. Was passiert wenn den Jugendlichen diese Charakteristika entzogen werden? Wenn sie ihre Freiheit in einer Maschinerie verlieren, in der sie keine Macht über ihr Tun haben?

"Die Welle" bietet eine Plattform für diese kontroversen Fragen. Doch viel zu lange konzentriert sich der Film auf alltägliche Teenagerprobleme, wie Aussehen und Liebeskummer.

Einzig die Auseinandersetzung mit der Thematik "Amoklauf" zeichnet "die Welle" durch Zeitgeist aus, etwas, das weder die "moderne" Musik noch die Wahl der Uniform schaffen.

Der Film ist für jene gemacht, die sich mit einem annehmbaren Skript zufrieden geben. Für jene, die keine Fragen nach dem Film haben wollen, für die es keinen Sinn ergibt, eine Thematik subtil umzusetzen. Der Film ist für all jene, die glauben, die Jugend ticke nach dem gleichen Prinzip. Durch seine Banalitäten und die Längen, die sich an manchen Stellen des Filmes bemerkbar machen, kann der Film nicht mehr bieten, als Durchschnittsunterhaltung. Das Potenzial ist zwar gegeben, aber es wird nicht genutzt. (Ana-Marija Cvitic/DER STANDARD Printausgabe, 12. Februar 2008)

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    foto: constantin film
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