Kollege Fidler tut ja grad so, als sei in Vietnam das Essen nicht zum Fressen. Jakob Winterberger weist das zurück und verputzt viele, viele Reptile
Der Kollege fid tut ja in Mann beißt Hund grad so, als sei in Vietnam das Essen nicht zum Fressen: Die Schlange "kein wirklicher Höhepunkt", der Hund "zähes Schwein".
Einspruch! Alle, die zumindest in einschlägigen Lokalen in Wien zu Gast waren, wissen, wozu die Vietnamesen fähig sind. Wer das Land und vor allem seine Märkte bereisen durfte, wird das, zumindest kulinarisch gesehen, ohnehin nie vergessen.
Tote Hose, lebender Hund
Wobei, zugegeben: Hund hat unsereins in Hanoi – wo die Hundeesser fröhliche Urständ’ zu feiern pflegen – nie gegessen. Das ist irgendwas mit den Mondphasen. Hund isst man nur bei ab- oder war es bei zunehmendem Mond? Die geneigten User werden es schon konkretisieren oder zumindest googeln. Und wann immer unsereins (so ein schönes Wort) das einschlägige Viertel in Vietnams Hauptstadt aufsuchte, war dort allenfalls tote Hose zu finden, aber kein toter Hund, zumindest wurde keiner kredenzt.
Aber die Schlangen! Und, noch einmal zugegeben: Die folgenden Aufzeichnungen basieren nur auf sehr vagen (wenn auch guten) Erinnerungen. Trara, es folgt: Schlangendinner in Ho-Chi-Minh City, Winter 2002.
Vietnams Spittelberg
Die erste kulinarische Bekanntschaft mit der Schlange mochte auch mich nicht überzeugen: Ein Touri-Lokal in Hoi-An, Vietnams Spittelberg quasi („Oh, look, Jason! Those cuuuute houses!“), kredenzte uns zähe Fleischbrocken, gewürzt offenbar mit Kotanyi-Currypulver, als Beilage überkochter Reis und dazu, von einer Bier-Hostess eifrig angepriesen, „Tiiigeeer Beeer“. Man sollte halt bei „333“, vulgo „Bia Ba Ba“, bleiben.
Aber kein Grund zur Kapitulation. Wenn die Vietnamesen dauernd von Schlange reden, meinen sie sicher keine Kotanyi-Pampe. Also heißt es, die Einheimischen unseres Vertrauens beim Wort zu nehmen (kleiner arroganter Einschub: keine Hoteliers oder Tour-Operators, sondern Verwandte von vietnamesischen Freunden in Wien) und sich von ihnen ins Schlangenlokal ihres Vertrauens führen zu lassen.
Schlangenschlachtung
Das liegt am Wasser. Keine Ahnung mehr, wo. Mekong, we suppose. Jedenfalls sehr idyllisch nahm man auf einer gedeckten Terrasse Platz, und als Störfaktoren kamen nur 1) der Käfig mit lebenden Schlangen unterschiedlicher Größe gleich hinter der lieblichen Hong-Mai und 2) der Tisch mit einer sehr aufgeräumten, waschechten vietnamesischen Familie gleich nebenan, die irgendetwas intensiv feiern wollten, in Frage.
1) War im Laufe des Abends kein Problem, weil die Schlangen, die 2) serviert bekam, nicht dem nämlichen Käfig entnommen wurden. Nein, jene Tiere, die nur wenige Meter von uns vor den Augen aller aufgeschlitzt wurden, auf dass ihr Blut gründlich mit Schnaps vermischt werde, den die Herren des aufgeräumten Tisch runterkippten wie einen X-beliebigen Obstler, jene Tiere jedenfalls, die kamen von irgendwo anders. Wir hingegen verzichteten auf den Schlangenblutbranntwein (was ich heute ein wenig bedaure – man lebt wahrscheinlich nur einmal), griffen aber zum opulenten Schlangenmenü. Eine Show war die Schlangenschlachtung aber allemal.
Mariniert auf Lotussprossen
Welche Tiere sie uns da auftischten, und woher sie kamen – im Käfig hinter Hong-Mai blieb der Abend ohne weitere Ereignisse – wir haben es nie herausgefunden (oder auch nicht gefragt – woher soll man auch wissen, dass Jahre später ein Fressblog dräut?). Unvergesslich aber bleibt etwa der Salat von roh marinierter Schlange mit (an? auf?) Lotussprossen: So etwas isst man hier allenfalls mit Flusskrebserln und anderem Grünzeugs, aber sicher nicht so zart säuerlich-pikant. Selten ist ein Stück Fleisch so widerstandslos auf der Zunge zergangen.
Es folgten mehrere deftige Gänge Schlange, mehr oder weniger durchgegart, immer zart bis zum Abwinken, reichlich mit frischem Grünzeug garniert und so subtil gewürzt, dass man sich den Geschmack nicht einmal durch eine Kühlbox Bia ba ba (die Vietnamesen haben im Event-Restaurant ihre Flüssignahrung gern unter dem Tisch stehen) verderben lassen wollte.
Diskreter Schlangenrülpser
Was man an diesem Abend auch lernen konnte: Der Vietnamese schmatzt beim Essen – wenn es ihm denn gut schmeckt. Frauen, egal welcher Nationalität, sollten das indes lieber lassen. Die würden aber auch nie Schlangenblutschnaps trinken. Oder?
Der Abend fand dann noch ein grandios-postkoloniales Ende: Im Liegestuhl unter Vollmond (hätte man in Hanoi Hund bekommen?), mit einer Kokosnuss plus Strohhalm in der Hand, der Mekong plätscherte dahin, und aus den Lautsprechern säuselten französische Chansons ("Paroles!"). "We like it here", raunte Hong-Mai, diskret einen Schlangenrülsper unterdrückend. Oh, so did we. Und wenn der Mond mal richtig steht, werden wir auch noch die Hunde-Vorurteile des Kollegen fid widerlegen.
*) Anm. des Redakteurs: Der Plural Reptile (statt Reptilien) ist laut Duden Fremdwörterbuch selten, aber zulässig.
Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.