Deutschtest bei Wohnungsvergabe in Hallein

12. Februar 2008, 16:13
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Hallein vergibt maximal 30 Prozent der Wohnungen an Nicht-Deutschsprachige: "Irgendwo muss man eine Grenze ziehen"

Salzburg – Hallein ist eine beschauliche Kleinstadt an der Salzach mit etwa 20.000 Einwohnern, ein traditionsreiches Industriezentrum mit einer pittoresken Altstadt. Dass in den letzten Jahren immer mehr Menschen auch Halleins "mediterranes Flair" schätzen, liegt nicht zuletzt auch daran, dass viele seiner Einwohner aus südlichen Gefilden stammen: Immerhin liegt der Ausländeranteil hier mit 18 Prozent relativ hoch für eine Kleinstadt. 19 Prozent der Halleiner sind nicht in Österreich geboren, genau jeder Fünfte spricht zu Hause eine andere Sprache als Deutsch.

"Respektvolles Miteinander"

Die fremdsprachigen Halleiner sind höchst ungleich über das weitläufige Stadtgebiet verteilt – besonders der Stadtteil Burgfried gilt als ihre Hochburg. Ein Problem, das auch der Wohnungsvergabeausschuss des Gemeinderats erkannt hat. Seit 1. April 2004 ist daher in Hallein eine Beschränkung in Kraft: Maximal 30 Prozent der Wohnungen, für die die Stadt Hallein ein Vergaberecht hat, sollen an Menschen mit anderer Muttersprache als Deutsch gehen. Ziel dieser Regelung sei es, "ein gegenseitig anerkennendes und respektvolles Miteinander der verschiedenen Kulturen, Religionen und Volksgruppen zu schaffen", so heißt es in Punkt I.6 der Halleiner Wohnungsvergabe-Richtlinien.

"Wenig Sinn, Ghettos zu fördern"

"Sicher kann man das als Diskriminierung ansehen", sagt Michael Saller auf Anfrage von derStandard.at. Er ist im Stadtamt mit der Wohnungsvergabe betraut. "Aber das zum Beispiel über die Staatsbürgerschaft zu machen, wäre genauso diskriminierend. Irgendwo muss man eine Grenze ziehen.", verteidigt er die Regelung. "Der Wohnungsvergabeausschuss hat einfach gesagt, es hat wenig Sinn, hier eine Ghettobildung zu fördern." Deshalb werde nun bei einer Neuvergabe immer zuerst geschaut, ob im betreffenden Haus mehr als 30 Prozent der Bewohner nicht Deutsch sprächen. Die Wohnungen, die die Stadt vergeben kann, seien aber ohnehin über das gesamte Gemeindegebiet verstreut.

Über 500 Wohnungssuchende

Wie viele von den über 500 vorgemerkten Wohnungssuchenden auf seiner Liste nicht deutschsprachig seien, weiß Saller nicht so genau. Die Bestimmung werde auch nicht so streng gehandhabt, wie sie auf den ersten Blick aussehe: Es komme darauf an, dass sich ein Bewerber gut bis sehr gut auf Deutsch ausdrücken könne. Bei Menschen, die hier aufgewachsen seien, sei das auch meist kein Problem. "Ob der dann zu Hause Türkisch oder Deutsch redet, ist egal. Das werden wir auch schwer überprüfen können."

Beschränkung allein reicht nicht

Gerlinde Yentürk kennt die von Saller angesprochene "Ghettobildung" aus eigener Hand: Sie lebt im Stadtteil Burgfried, ist selbst mit einem Türken verheiratet. Als Integrationsbeauftragte der Stadt habe sie zwar Verständnis für die 30-Prozent-Klausel, übt aber auch verhaltene Kritik: "Ein Österreicher, der schon 30 Jahre hier ist, ist ja kein Migrant mehr. Von daher ist es schon schwierig: Wo fängt man hier mit einer Beschränkung an?" Sie wolle das Problem nicht wegdiskutieren, aber eine Beschränkung bei der Wohnungsvergabe allein sei noch keine gelungene Integrationspolitik.

Türkische "Parallelgesellschaft"

Etwa neun Prozent der Halleiner gaben bei der Volkszählung 2001 an, zu Hause Serbisch, Kroatisch oder Bosnisch zu sprechen; Türkisch sprachen demzufolge über sieben Prozent. Gerade die türkische Community sei in Hallein aber gut organisiert, sagt Yentürk: Es gebe in der Stadt allein vier muslimische Gebetshäuser, dazu türkische Lebensmittelhändler, Kebabstände und Kaffeehäuser. "Das deutet alles auf eine Parallelgesellschaft hin. Wer nicht will, muss sich in Hallein im täglichen Leben überhaupt nicht mehr außerhalb der türkischen Community bewegen."

Interesse an eigener Schule

Und viele wollen das offenbar tatsächlich nicht. Sie sei schon gefragt worden, sagt Yentürk, ob man nicht auch einen türkischen Kindergarten oder eine türkische Schule einrichten könne: "Das Nebeneinander und Gegeneinander zwischen den Volksgruppen stehen in Hallein im Vordergrund, das Miteinander im Hintergrund." Die Stadt müsse mehr unternehmen, um die Leute miteinander ins Gespräch kommen zu lassen.

"Andere Gewohnheiten"

Dass österreichische Bewohner mit ihren türkischen Nachbarn nicht immer glücklich sind, versteht Yentürk: "Es gibt einfach andere Gewohnheiten – die Familien haben mehr Kinder, es ist immer viel Besuch da, da entsteht automatisch ein höherer Lärmpegel." Besonders problematisch sei oft der islamische Fastenmonat Ramadan: "Wenn dann in der Nacht gekocht wird, Verwandte und Bekannte zum Essen kommen, kann das schon Nerven kosten."

Nur bei Beschwerden zum Nachbarn

Auf der anderen Seite entstünden viele Konflikte aber auch durch die Neigung der Einheimischen, die sich "bei den Nachbarn nur melden, wenn's Beschwerden gibt". Yentürk selbst hat jahrelang in der Türkei gelebt. Dort habe ihr der freundschaftliche Umgang unter den Nachbarn immer sehr imponiert, sagt sie. Seit sie aus einem anderen Stadtteil nach Burgfried gezogen sein, habe sie wieder viel mehr Kontakt zu den anderen Hausbewohnern. "Da gilt einfach eine andere Grundeinstellung: Mein Nachbar ist nicht immer nur mein Feind." (Markus Peherstorfer, derStandard.at, 12.2.2008)

  • Pittoreske Altstadt, strenges Wohnungs-Regiment: Höchstens 30 Prozent der Wohnungen dürfen in Hallein von Menschen mit nicht-deutscher Muttersprache bewohnt sein
    foto: wikimedia commons

    Pittoreske Altstadt, strenges Wohnungs-Regiment: Höchstens 30 Prozent der Wohnungen dürfen in Hallein von Menschen mit nicht-deutscher Muttersprache bewohnt sein

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