NOKIA

12. Februar 2008, 10:10
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(Wohnzimmer einer Gemeindebauwohnung in Wien. Ein Ehepaar um die fünfzig. Der Mann liest Zeitung, die Frau sieht fern.)

ER: Nokia schließt Bochum. Zweieinhalbtausend Arbeitsplätze. Schwierig für die Leut'.

SIE: Warum wird nichts dagegen unternommen?

ER: Da kann man nichts unternehmen. Nokia ist ein Weltunternehmen. Sind die Deutschen zu teuer, gehen sie nach Rumänien. Das ist das Gesetz des Markts.

SIE: Verbrecher.

ER: Gar nicht. Finnland kann stolz sein auf Nokia. Jeder Staat könnt' stolz sein. Der Markt ist halt so, ob's einem passt oder nicht. Ein Unternehmen muss auf die Gewinne schauen, sonst ist es keins. Ist die Arbeit zu teuer, sinken die Gewinne, muss es woanders hin. Das ist das Gesetz.

SIE: Im Fernsehen haben sie gesagt, die Gewinne sind gestiegen.

ER: Schon, aber grad einmal um siebenundsechzig Prozent. Für Nokia ist das wie Sinken.

(Pause. Er liest.)

ER: Ah, da schau, jetzt wollen sie auf einmal die Subvention zurück.

SIE: Nokia?

ER: Nordrhein-Westfalen. Das tät' ihnen so passen. Zuerst einen Weltkonzern anlocken, dass er Arbeitsplätze schafft, dann so teuer sein, dass er keinen Gewinn macht und wieder gehen muss, und dann die Subvention zurückhaben wollen, so weit kommt's noch.

SIE: Was, Subvention kriegen die auch?

ER: Ja, glaubst du, sonst würden sie kommen? Ist doch klar, Nokia sagt, du willst, ich soll Arbeitsplätze schaffen, gut, was gibst du mir dafür, weil eine Hand wäscht die andere, so ist der Markt. Na, sagt Nordrhein-Westfalen, gut, soundsoviel, paar Millionen, und patsch, schon hat's zweitausendfünfhundert Arbeitsplätze, ganz klarer Handel.

SIE: Aber wenn sie jetzt nach Rumänien -

ER: Na, hat Rumänien kein Anrecht auf Arbeitsplätze?

SIE: Schon, aber die Deutschen -

ER: Hat ihnen keiner geschaffen, dass sie solche Löhne wollen. Deswegen kann man nicht die Subvention zurückverlangen. Rumänien wird ja auch nicht sagen, kommts umsonst. Die wollen auch einen Wohlstand, verstehst?

SIE: Nein.

ER: Schau, es ist ganz einfach: Wenn Nokia in Rumänien ist, gibt's dort Arbeit, steigt das Lohnniveau. In Deutschland ist Nokia weg, sinkt das Lohnniveau. So schafft der Markt ein Gleichgewicht, ganz von allein. Kaum schlagt die Waage aus und Rumänien wird zu teuer, kannst du gar nicht so schnell schauen, ist Nokia wieder in Deutschland. Sofern natürlich die Subvention stimmt.

SIE: Und die Leut' werden immer ärmer?

ER: Der Wohlstand wird gerecht verteilt. Die Deutschen haben zu viel, das lasst sie unverschämt werden, patsch, geht Nokia nach Rumänien. So ist der Markt. Ein Regulativ.

SIE: Und Nokia macht noch mehr Gewinn?

ER: Hoffentlich. Sonst sind wir alle arm.

SIE: Das verstehe ich nicht.

ER: Weil du keine Ahnung hast von der Wirtschaft. Weil du immer nur fernschaust. Was ist das überhaupt?

SIE: Opernball-Nachlese.

ER: Und warum sieht man dann die ganze Zeit den b'soffenen Lugner?

SIE: Nicht die ganze Zeit. Die Roben sieht man schon auch. Aber wenn sie immer nur die Roben zeigen, schalten irgendwann die Leut' um, so ist das Fernsehen, deswegen muss man den Lugner -

(Vorhang)

(Antonio Fian, DER STANDARD/Printausgabe, 11.02.2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Was vom Standort eines Weltkonzerns in Deutschland übrigbleibt: Handyfriedhof, irgendwo in Bochum.

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