Hinkender Charme eines Dreckskerls

17. Februar 2008, 18:32
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21 Jahre nach seiner "Richard III."-Inszenierung am Wiener Burgtheater versucht sich Claus Peymann erneut an Shakespeares Verbrecherkönig - am Berliner Ensemble

Vor 21 Jahren, gerade nach Wien gekommen, hatte Claus Peymann schon einmal Richard III. auf die Bühne gebracht. Am Burgtheater war damals Gert Voss zu sehen – wie heuer in einem Bühnenbild Karl-Ernst Hermanns und mit einem aasigen Verführer als Titelhelden.

Seit Peymann 1999 Bertolt Brechts ehemaliges Theater am Schiffbauerdamm übernommen hat, versucht er im Fingerhakeln mit dem Besitzer der altehrwürdigen Theaterimmobilie, dem Dramatiker Rolf Hochhuth, das Haus nicht ohne Zuschauererfolg als gut nachgefragte Nobelmarke zu etablieren – wenn er nicht gerade damit beschäftigt ist, sich auch in Berlin vor allem selbst zu inszenieren. Und sei es, wie gerade eben, mit einem Demonstranten auf den Plan rufenden Gastspiel im Iran.

Sein aktueller Richard sieht schon auf den ersten Blick so aus wie Shakespeares finsterer Herzog Gloster: Er hinkt, hat einen Buckel und zottelige Haare – und steckt in den Kniebundhosen eines Bösewichts. Man kann sich gut vorstellen, dass ihn die Hunde anbellen, wenn er vorbeischlurft. So wie Maria-Elena Amos den durch Jürgen Goschs szenische Blutbäder zu Ruhm gekommenen Ernst Stötzner ausstaffiert hat, und wie der Regisseur den Kerl hintänzeln lässt, so jedenfalls gibt’s "Richard satt" am BE. Immerhin.

Aus verschiebbaren, spiegelnden Glaswänden, die an Francis Bacon erinnern, hat Herrmann einen so praktischen wie metaphorischen Raum gebaut. Hier knallt Stötzners Richard seine Unverschämtheiten der Mitwelt mit lauernder Lust vor den Latz und amüsiert sich über den Erfolg. Dem Publikum macht er nichts vor. Peymann versucht die große Lektion über das Staatstheater als Schmiermittel der Macht. Wie man mit Manipulation Legitimation beschafft, das lässt sich kaum treffender auf den Punkt bringen, als dann, wenn sich der Thronräuber vom Londoner Mayor die Krone aufdrängen lässt.

Die große Phrase vom Dienst am Vaterland und der Last der Verantwortung: Die zieht immer (noch). Hier inszeniert vom glatten Manager des Aufstiegs, Buckingham. Doch dieser Gloster hat im Blut, was ihm Veit Schubert mit flotter, opportunistischer Zunge anrät. Ein Coach, mehr nicht, auswechselbar auch er. Wegen eines Restrisikos an Skrupeln.

Einiger Katzenjammer

Catesby hat nicht einmal das. Ihm bleibt nur eine Dosis Katzenjammer, wenn es zu spät ist, und er verzweifelt ein aufgesprühtes "Kill the Killer" von der Glaswand abzuwaschen versucht. Spiegeln kann sich dieser entwaffnend ehrlich lügende Richard vor allem in den eruptiven Ausbrüchen von Therese Affolters Elisabeth. Wenn sie die Arme in die Luft wirft, dann ist das ein körperlicher Aufschrei zwischen Erstaunen und Entsetzen. Sie setzt auf die große Geste, so wie Nicole Heesters die alte, abservierte Königin Margret auf archaisches Format hievt, Ilse Ritter der Herzogin von York etwas zerbrechlich Schwebendes zumutet.

Doch diese großen Gesten, die mitunter schon mit Thomas Braschs ruppigem Shakespeare-Deutsch kollidieren, schmieren manchmal ab. Peymann mag seine Gründe haben für Braschs Textversion. In die Nähe des einst angedrohten Reißzahn-theaters im Fleisch der Mächtigen manövriert Peymann das Berliner Ensemble auch diesmal nicht. Bleibt Ernst Stötzners lustvoll schräger Dreckskerl mit Format. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. (Joachim Lange aus Berlin, DER STANDARD/Printausgabe, 11.02.2008)

  • Er küsst vollendet Frauenhände: Ernst Stötzner (im Vordergrund re.) mit Therese Affolter.
    foto: lieberenz/bildbuehne.de

    Er küsst vollendet Frauenhände: Ernst Stötzner (im Vordergrund re.) mit Therese Affolter.

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